Tobias Zielony - Fotograf der Straßenjugend

Am Anfang waren diese Jogginganzüge

Den Berliner Künstler Tobias Zielony zieht es an die Ränder der großen Städte in aller Welt, wo die Tage lang sind und Jugendliche in Gruppen ziellos herumhängen. Seine lakonischen Fotozyklen zeichnen das Bild einer globalen jugendlichen Ennui. art sprach mit Zielony über schrumpfende Städte, Drogen und Sensationslust.
Irgendwo jung:Lakonische Bilder vom Rand der Großstädte

Tobias Zielony: "Disco" aus der Serie "Zgora", 2008

Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Als ich nach Newport kam, war das ein wichtiger Moment. Dort habe ich Dokumentarfotografie studiert. Da gab es die Zielrichtung, später ganz klassisch für Magazine zu arbeiten. In diesem Rahmen habe ich auch angefangen, an meinen ersten Serien zu arbeiten. Ein Auslöser war das Fach Street Photography. Da habe ich denen gesagt: Ich will was zum Thema Jogginganzüge machen. Meine Lehrer sahen zwar keinen Zusammenhang, aber ich habe das trotzdem gemacht. Das Thema entsprang einer Beobachtung. In Newport hatte ich das Gefühl, dass alle Jugendlichen diese Jogginganzüge trugen. Das war um 1999.

Danach hast du in Leipzig bei Timm Rautert studiert.

Nach Newport war das die Antwort auf die Frage, für welchen Kontext entscheide ich mich. Wo sehe ich meine Arbeit. Die Sachen die ich mache, haben ja reportageartige Züge, aber Magazine sind nicht der Ort für meine Arbeit. Die Offenheit oder die Ambivalenz, die in den Bildern steckt, wird ja immer wieder reduziert auf eher stereotype Geschichten: Arbeitslosigkeit, Gangs, Gewalt, Peergroups – solche klassischen journalistischen Themen. Ich habe dagegen einen Kontext gesucht, wo ich offener arbeiten konnte.

Wann hast du gemerkt, dass Bildjournalismus nichts für dich ist?

Einmal bin ich zum "Guardian" nach London gefahren und habe denen meine Bilder gezeigt. Die haben gefragt: "Mhh ... und was ist die Geschichte?" Ich habe gesagt: "Na die Jungs, die da rumhängen, nichts zu tun haben und Jogginganzüge tragen." Die Guardien-Leute fragten noch einmal nach: "Ja, aber was soll die Geschichte daran sein?" Da war mir klar: Sie sahen keine Story, aber vielleicht ist für mich genau das die Story. Das war mein einziger Versuch, mit meinen Bildern in irgendeine Redaktion zu gehen und dort anzubieten. Das ist grandios gescheitert.

Aber in der Kunst gab es Interesse an Deinen Bildern?

Auch das war nicht einfach. Da gab es auch Abwehrreaktionen – es wäre zu dokumentarisch, zu narrativ, man könne so nicht mehr fotografieren, ungefähr in die Richtung. Es gab dann verschiedene Momente, wo es Interesse gab, etwa das Projekt "Schrumpfende Städte" oder die von Nicolas Schafhausen kuratierte "Populism"-Ausstellung. Im Falle von "Schrumpfende Städte" war es so, dass ich in Halle fotografiert hatte, ohne etwas von dem Projekt zu wissen. Die sind dann irgendwann über meine Sachen gestolpert. Das war einfach Zufall.

Mit welchem Material arbeitest du?

Mit ganz normalen Analogkleinbildkameras. Es gibt auch ein paar Arbeiten im Mittelformat und Dias. Ich habe auch eine Digitalkamera. Aber meine Arbeitsweise, die ich über die Jahre entwickelt habe, das Farblabor, das gebe ich nicht so einfach wieder auf. Ich arbeite schon mit guten Kameras und guten Objektiven, aber für ein Wundermittel halte ich das nicht. Ich glaube nicht daran, dass man mit besseren Kameras bessere Fotos macht. Ganz normale Filme, ganz normale Kameras – das ist ein demokratisches Prinzip.

Hat dich das nächtliche Fotografieren früher mehr interessiert?

Es gab nach "Trona" weitere Serien, die hauptsächlich in der Nacht fotografiert sind, aber ich löse mich langsam davon. Inzwischen gibt es ja auch eine Reihe von Filmen, Texte werden immer wichtige in meiner Arbeit. Bei Trona ging es mir einfach um dieses Licht in der Wüste, was ja auch immer wieder mythisch reproduziert wird. Bei mir ist es eher blass, nicht der knallblaue Himmel und endlose Weite, sondern hat etwas Klaustrophobisches.

Wie bist du eigentlich auf Trona gestossen?

Ich war durch ein Stipendium in Los Angeles. Aus der Zeit gibt es zwei Serien, eine Nachtserie aus Los Angeles und die Trona-Serie. Diese Wüstenbilder aus Trona sind sozusagen das Gegenbild zu L.A. Ursprünglich hatte mich interessiert, wie weit sich die Stadt in die Wüste ausdehnt. Aber Trona ist wirklich jenseits von Gut und Böse, man kann es nicht mehr als Vorort oder Rand von Los Angeles bezeichnen. Trona ist im Grunde ein vollkommen isolierter Ort. Bis zur nächsten Stadt ist es eine Autostunde. Es kommen öfter Leute durch, aber sie halten nie an, weil es so unheimlich ist. Es riecht stark nach Schwefel vom Chemiewerk, und es knallt immerfort aufgrund irgendwelcher Verpuffungen, aber es klingt wie das Abfeuern von Schüssen. Da laufen halt komische Typen über die Straße, kaputte Autos stehen am Straßenrand. In Trona hatte sich auch mal Charles Manson versteckt. Wenn man das in Beziehung zu L.A. setzt: Das ist ein Ort wo man sich hinflüchtet oder strandet, wenn man überhaupt kein Geld mehr hat oder in Ruhe Drogen herstellen möchte. Andererseits gibt es auch Leute mit wenig Geld, die in Trona ihren Lebensabend verbringen wollen. Man kann sich da für ein paar Tausend Dollar ein Haus kaufen.

"Jenseits von Gut und Böse"

Wie baust du ein Verhältnis zu den Jugendlichen auf, die du fotografierst?

Das ist sicherlich unterschiedlich, aber meistens ist es so, dass ich mit Leuten auf der Straße spreche. Manchmal gibt es Umwege, dass ich jemanden kennen lerne, der mich dann vorstellt. In Los Angeles war ich in einem Gang-Prevention-Center, die sich um junge Gangmitglieder kümmern. Aber grundsätzlich fahre ich an die Orte, stelle mich vor und komme ins Gespräch. Allzu viele Alternativen gibt es da nicht. Aus der Ferne kann man das ja schlecht machen. Das interessiert mich ja auch als Fotograf. Das es nichts nützt, sich z uHause alles zu überlegen. Man muss halt da hin fahren. Zumindest, wenn man solche Bilder machen möchte.

Also betreibst du eine Art ethnologische Feldforschung?

Mit solchen Begriffen bin ich sehr vorsichtig. Sie schrecken mich eher ab. Allerdings habe ich kürzlich ein Buch über die "Chicago-School“ entdeckt: Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, mich mit einem soziologischen Ansatz irgendwie identifizieren zu können. Ihr Einfallsreichtum bei der Recherche hatte viel mit der Herangehensweise von Reportern zu tun. Die Leute um Robert E. Parks forschten, indem sie die Stadt zu Fuß erkundeten, mit den Leuten redeten und ihre Beobachtungen detailliert festhielten. Einige kamen auch direkt aus dem Journalismus oder waren selber Hobos – sie betrieben Soziologie aus dem Geist der Reportage, was sie besonders interessierte, waren dann auch Gangs, Wanderarbeiter, Kleinkriminelle und deren Orte in der Stadt.

Deine ersten Bilder entstanden ja über das Interesse am Style der Straße, richtig?

Nein. Am Style hatte ich nur bedingt Interesse. Eher ging es darum, die Jogginganzüge als ein Symptom wahrzunehmen. Warum hatten die Jugendlichen in Marseille, Bristol oder Halle-Neustadt dieselben Jogginganzüge an? Das Interessante war ja irgendwann, diese Verbindung zwischen den verschiedenen Orten zu sehen und zu überlegen, ob das nun die Loser oder vielleicht die Vorreiter einer globalen Entwicklung sind.

Eine Art Reise in die Zukunft?

Genau. So geht es mir ja öfter. In Halle-Neustadt hatte ich dieses Gefühl eines Science-Fiction-Films, der in der Vergangenheit gedreht wurde. So eine Mischung. Aber es ist schon interessant, warum die Leute alle die gleichen Marken tragen oder ähnliche Körperhaltungen einnehmen? Woher kommen diese Verbindungen?

Wie meinst du das?

Ich denke schon, dass ich etwas auslöse, wenn ich irgendwo auftauche, dass die Jugendlichen ein Bild im Kopf haben, wie sie erscheinen möchten. Die Kamera ist für sie ein Impuls, Gesten oder Muster abzurufen, die sie woanders gesehen wurden. Diese Rückkopplungen zwischen Medien und Straße passieren ja immer. Trotzdem bewege ich mich eher in einem Randbereich. Es sind ja nicht die hippsten Typen, die ich fotografiere. Die hängen ja mit ihren Klamotten manchmal fünf Jahre hinterher – oder sind fünf Jahre voraus – was weiß ich. Man könnte auch darüber spekulieren, ob sie von diesem Kreislauf abgehängt sind. Das würde bedeuten, sie konsumieren Bilder und gewisse Produkte, werden aber selbst nicht wirklich wahrgenommen.

Wie wählst du die Bilder aus, die sich dann zu einer Serie fügen?

Im Grunde arbeite ich wie andere Fotografen auch: Beim Fotografieren weiß man nicht genau, was am Ende herauskommt. Das spätere Editieren der Bilder ist sehr wichtig, weil es ja auch darum geht, nicht nur Informationen zu geben, sondern auch Informationen wegzulassen. Bis an den Rand einer möglichen Erzählung.

Also beschneidest du auch deine Bilder?

Nein, das mache ich nicht. Oder nur äußerst selten. Das ist etwas, eine Art klassiches Dogma der Street Photography, das ich in Newport gelernt habe, dass man im Moment der Aufnahme über den Ausschnitt entscheidet und nicht hinterher. Wenn man hinterher Ausschnitte nimmt, sieht das Bild ganz anders aus – als hätte man mit einer anderen Brennweite fotografiert. Das Verhältnis von Vorder- und Hintergrund ist anders, die Distanz und natürlich die Auflösung. Wenn man mit Kleinbild arbeitet, muss man versuchen, möglichst wenig zu beschneiden, weil man sowieso schon eine schlechte Auflösung hat.

Dennoch erscheinen deine Fotos selten eindeutig.

Mich interessiert der Umstand, dass bei vielen Serien eine Verwirrung über die Orte entsteht. Dass man nicht weiß: Ist das Marseille oder in England? Deshalb arbeite ich gerne nachts, weil da die Kontexte ausgelöscht werden. Wegen der Dunkelheit weiß man nicht, was noch kommt, ob die Stadt weiter geht.

Wenn du eine Gruppe gefunden hast, fängst du sofort an zu fotografieren oder wartest du?

Das ist unterschiedlich. Meistens fotografiere ich ziemlich schnell. Das liegt aber auch daran, dass die Leute sich wundern, wenn du sagst, du bist Fotograf und dann machst du keine Fotos. Es gibt Fotografen, die sagen, man müsste erst mal ein halbes Jahr mit diesen Leuten abhängen, sich besaufen, Drogen nehmen, und dann könne man erst die Kamera herausholen. So ist es bei mir aber nicht: Ich verheimliche meine Rolle als Fotograf nie. Das ist auch eine Sonderposition: Ich bin ein Fremder. Ich fotografiere ja nicht meine Freunde, nicht die eigenen Leute.

Siehst du dich in der Tradition von frühen Street-Fotografen wie Jacob A. Riis, die einen sozialreformerischen Ansatz verfolgten?

Nein. Dieser verbessernde, helfende Ansatz hat auch etwas Moralisierendes. Es hat etwas Normierendes, zu sagen: Ihr seid nicht gut genug, ihr müsst zurück zu unserer Art zu leben. Hinzu kommt die Nähe zur Sensationslust. Die Leute, die mich mehr interessieren, sind Fotografen und Fotografinnen, die aus Neugierde, Solidarität oder ähnlichem Antrieb handeln und das weniger in einen weltverbessernden Ansatz verpacken wie zum Beispiel Larry Clark. Mich interessiert diese Tradition, die es in der Fotografie gibt, darauf beziehe ich mich, aber eher mit der Frage, wie man damit weiterarbeiten kann.

"Tobias Zielony. Story/No Story"

Herausgeber: Maik Schlüter, Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro
http://www.hatjecantz.de/controller.php?cmd=detail&titzif=00002284