Andreas Hofer - Sammlung Goetz

Wo Batman und die Dinosaurier hausen

In Tag- und Nachtschichten gräbt sich Andreas Hofer weiter in ein Gothic-Reich vor. Der Wahlberliner driftet als Geisterfahrer durch verblasste Comics und Futurismen. Was er dabei an Wahnbildern hervorbringt, ist jetzt in einer Einzelausstellung der Münchner Sammlung Goetz überbordend zu bestaunen.

Die Zukunft sieht in seiner eingeblendeten Science-Fiction-Welt schon verdammt alt aus – um nicht zu sagen "steinzeitalt". Mit archaisch anmutender Silhouette umreißt Andreas Hofer ein Panoptikum von stark angestaubten Heilsbringern und Schurkengestalten. Apokalyptische Reiter preschen in kindlicher Halloween-Maskerade heran.

Aus ihrem Comic-Olymp gestürzte Batmans taumeln debil und ziellos durchs Bild. Müde mit kosmischen Strahlen aufgeladene Außerirdische treffen auf Gespensterexistenzen des Ku-Klux-Clans. Und in einem Kabinett mit gezeichneten Porträts wird weiblicher Sex-Zombies aus den 1930er- bis 1960er-Jahren gedacht, die wie der Hollywood-Vamp Veronika Lake wasserstoffblond aufglimmten und wieder verglühten.

Andreas Hofer, Mitte dieses Jahrzehnts sehr rasch am Kunstmarkt in hohe Preisgefilde vorgestoßen, hat in der Sammlung Goetz einen wahrhaft massiven Soloauftritt. Mehr als 70 Arbeiten hat die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz in nur vier Jahren erworben, neben vielen Zeichnungen und Collagen auch einiges an Großformaten: Bis ins Souterrain des Privatmuseums ziehen sich Hofers düstere und dann wieder dank ihrer infantilen Note gewitzte Visionen fort. Der im Untergeschoss giftgrüne Wandanstrich verhindert allzu dunkle Stimmungen. Und ein wenig wähnt man sich angesichts der windschiefen Bühneneinbauten aus Pressspan wie in einer vage aus dem Gedächtnis nachgezimmerten, expressiven Filmkulisse von Fritz Lang.

Ritter, Tod und Teufel

Mit "Andy Hope 1930" unterzeichnet der heute in Berlin lebende Künstler vorzugsweise seine rohen Arbeiten im Gothic-Stil. Manchmal nennt er sich aber auch "Nova Dreamer" oder "Dead Jesus". Andreas Hofer schlüpft in andere Identitäten wie die Superhelden alter Tage in ihr mittlerweile abgewetztes Fledermauskostüm. An dem Preview-Abend selbst schien Hofer größtenteils unter der Tarnkappe seines sonst ziemlich markanten Filzhuts verschwunden zu sein. Während der Eröffnung sah man ihn nur einmal versteckt in einem Kabuff heimlich Bücher für Kuratoren wie Zdenek Felix signieren. Alleine, so hieß es, sei er dann lange in der bereits von Besuchern verwaisten Ausstellung gesessen. Offenbar konnte er das überbordende Ergebnis selbst nicht fassen.

Die Einzelausstellung bei der Sammlung Goetz ist jedenfalls ein großer und mutiger Wurf. Die Tag- und Nachtarbeit eines Maniacs, der seine weit hergeholten Inspirationen aus den Comicstripes in singulären Bildern zu bündeln versucht. Mit einer Wahntapete aus reproduzierten Arbeiten wurde ein ganzer Raum ausgekleidet. Als Camouflage heftete Hofer darauf einzelne Originale und Schaukästen – "Infinity Crisis" lautet die Losung.

Fratzen eines bösen Futurismus

Dass Hofer, 1963 in München geboren, zeichnerisch ein ziemliches Ass ist, müssen ihm selbst notorische Kritiker zugestehen. Ingvild Goetz besitzt mit dem Breitwandformat "THUNDER AGENT NEVADA DOOM 4419" auch eines seiner eindrücklichsten Gemälde. Wie auf einem Gobelin zeichnet sich darauf ein Sonnenwagen ab, der von einer martialischen Gestalt in Schwarz durch einen Feuerherd gelenkt wird. Wenig überzeugend waren lange jene Cut-Outs an Pappkameraden, mit denen Hofer beispielsweise in einer Retrospektive vor fünf Jahren noch in Installationen etwas albern Cowboy und Indianer spielte. Jetzt gelingt ihm größtenteils auch der räumliche Einschnitt. Auf einer guckkastenartigen Bühne sieht man ekstatisch illuminiert einen janusköpfigen Glatzkopf wüten. Hofer beherrscht die bewusst hölzerne Anspielung auf das Schattenwesentum von Ritter, Tod und Teufel, wird also nie pathetisch. Ansonsten wäre sein bis in die Nazi-Historie reichender Abstecher in die Dunkelkammern des Verdrängten auch kaum erträglich.

Ein wenig erinnert Hofer selbst an Dr. Jeckyll und Mr. Hyde. Er gibt sich manchmal absolut bescheiden, um dann im nächsten Moment in die Hybris des Großkünstlers abzuheben. "So schnell wird es in München keine vergleichbare Ausstellung mehr geben, oder?", wirft er als Frage rhetorisch in den Raum. Dabei sieht er einen durch seine gelbgetönte Brille wie ein furchtsames Kind an. Ja, man nimmt ihm ab, dass er größtenteils in Parallelwelten haust. In dem so genannten "Multiversum" schwirren an guten Tagen auch lustige grüne Dinausaurier wie aus der Augsburger Puppenkiste herum. Meistens aber suchen Hofer offenbar die Fratzen eines bösen Futurismus heim. Wer möchte in diesen Wahnwitz schon dauerhaft eintauchen?

"Andreas Hofer: Andy Hope"

Termin: bis 1. April 2010, Sammlung Goetz, München. Katalog 35 Euro
http://www.sammlung-goetz.de