New Museum - Dakis Joannou/Jeff Koons

Von Giganten und Genitalien

Jeff Koons Kuratorendebüt in New York: Unter dem Titel "Skin Fruit" hat der US-Künstler im New Museum körperbetonte Werke aus der Dakis Joannou Collection neu sortiert.

Jetzt ist die Ausstellung also eröffnet und siehe da: Die Welt dreht sich noch. Jeff Koons erster Auftritt als Kurator im New Museum wurde schon Monate vor dem Opening in der Presse heftig angegriffen. Der Starkünstler war vom Museum eingeladen worden, Teile der Sammlung des griechischen Großsammlers Dakis Joannou in New York zu präsentieren. Dabei wurde kritisiert, dass das Museum seine Unabhängigkeit aufgibt, Joannou und Koons sind eng befreundet, der Grieche besitzt rund 40 Arbeiten von ihm und sitzt im Aufsichtsrat des Museums. Andererseits ist unbestritten, dass Joannou eine der wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst weltweit besitzt, für die so manches Museum über Leichen gehen würde.

Und was hat Koons nun aus dieser aufgeladene Konstellation gemacht? Er präsentiert auf drei Stockwerken ein überbordendes, übervolles Potpourri mit rund 100 Werken von Künstlern wie Matthew Barney, Kiki Smith, Robert Gober, Urs Fischer, Charles Ray, Terence Koh und Kara Walker mit deutlichem Schwerpunkt auf Körperlichkeit und Sexualität. Was allerdings nicht heißt, dass die Ausstellung mit dem leicht anzüglichen Titel "Skin Fruit" besonders sexy wäre. Doch selten gab es in einer Ausstellung aktueller Kunst so viel Figuration und so viele lebensnahe, dreidimensionale Darstellungen des menschlichen Körpers. Da überragt Charles Rays kühle blonde Riesenfrau die Besucher, Roberto Cuoghis Riesenengel "Pazuzu" thront wie eine Gottheit über der Szenerie, und Liza Lous perlenbestickte "Super Sister" wehrt lüsternde Blicke mit einem Maschinengewehr ab. Im Treppenhaus laufen Natalie Djurbergs niedlich-anzügliche Trickfilmepisoden. Ein Stockwerk tiefer hängt in einer Art Tableau Vivant ein echter Mann mit Dornenkrone und Lendenschurz am Kreuz – eine Arbeit von Pawel Althamer (Schedule of the Cruzifix, 2005), gegenüber schreiten zwei haarige Neandertaler Arm in Arm durch den Raum. Die Fiberglasfiguren tragen die Gesichtszüge ihrer Erschaffer, des Künstlerduos Sue Webster und Tim Noble. Der zweite Stock wiederum wird dominiert von einer gigantischen nackten Männerfigur aus Kunstharz, Holz und Spiegelkristallen, auf dessen Körper sich ausgestopfte Eichhörnchen und Füchse tummeln. "Der Gigant" stammt von David Altmeid und erinnert sicher nicht zufällig an Michelangelos "David". Kiki Smith ist mit vier starken Arbeiten aus den neunziger Jahren vertreten, darunter auch "Mother/Child" (1993), zwei lebensgroße nackte Wachsfiguren, die masturbieren.

Den Fehler, seinen ersten Kuratorengig dazu zu nutzen, sich mit vielen eigenen Werken in Szene zu setzen, hat Koons klugerweise umgangen. Er zeigt nur eine bescheidene Arbeit von sich, den schwebenden Basketball in "One Ball Total Equilibrium Tank" von 1985, der aber herausragende Bedeutung hat, weil es sich dabei um jenes erste Stück Kunst handelt, mit dem Dakis Joannou seine Sammlung startete. Vor einem anderen typischen Fehler eines Kuratorenneulings war auch der Superstarkünstler nicht gefeit. Koons zeigt viel zu viele Arbeiten. Statt einer konsequenten Auswahl hat er die Best-of-Methode gewählt. So wirken die ohnehin schon engen Räume des New Museums übervoll, fast wie ein Messestand. Die einzelnen Kunstwerke blenden sich gegenseitig aus, ungewöhnliche Korrespondenzen verpuffen im allgemeinen Jahrmarktsrummel.

Apropos Rummel: Natürlich war die Eröffnung ein Must-See-Event für die New Yorker Szene, und weil sie in direkter Nähe zur Armory Show getimt war, kam auch das internationale Kunst-Jetset: Im Foyer des schicken Sanaa-Bau auf der Bowery quetschten sich neben Sammlern wie Don Rubell und Peter Brant, Museumsdirektoren wie Udo Kittelmann und Beatrice Ruff oder Künstlern wie Tim Noble auch Stars und Sternchen wie Pierce Brosnan, Cindy Lauper, REM-Sänger Michael Stipe und U2-Musiker The Edge. Während sich die große Kunstfamilie herzte und laut plappernd amüsierte, klang ab und zu eine melodische Sopranstimme durch die Galerieräume: "This is propaganda, you know, this is propaganda..." sang sie in die Menge hinein und über sie hinweg. Ein ebenso schlichtes wie wirkungsvolles Werk von Tino Sehgal, das die Atmosphäre des Abends wunderbar wiedergab. Ja, vielleicht ist die Schau auch ein unlauteres Stück Propaganda, Promotion für einen Künstler und einen Sammler. Aber sie ist auch ein verführerisch leichtes Vergnügen.

Und was sagt Sammler Dakis Joannou zur Ausstellung? "Jeff überrascht mich immer wieder. Ich mag seine Auswahl." Die vorangegangene Kontroverse ist für ihn eine "Nicht-Angelegenheit", die sich mit der Eröffnung der Schau hoffentlich endgültig erledigt hat. Das Museum wiederum reagiert auf seine eigene Weise auf die Kritik. Direktorin Lisa Phillips kündigte an, dass man von nun an regelmäßig führende Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst präsentieren will. Und am 13. März veranstaltet das Museum ein eintägiges Symposium zur "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Kooperationen zwischen Privatsammlern und öffentlichen Institutuionen".

"Skin Fruit: Selections from the Dakis Joannou Collection"

Termin: bis 6. Juni 2010, New Museum, New York
http://www.newmuseum.org/exhibitions/421/skin_fruit_selections_from_the_dakis_joannou_collection