Erster Rundgang - Venedig Biennale

Tramezzini aus Venedig

Unsere Tramezzini (zu deutsch: Häppchen) – die art-Redaktion mit ersten Eindrücken von der Venedig Biennale: Jeremy Deller versenkt die Luxusyacht von Roman Abramowitsch, im russischen Pavillon werden Goldmünzen geschaufelt und Tino Sehgal versetzt Jugendliche in Trance. Es kann losgehen! Nur: Wo ist Deutschland?
Schluss mit lustig!:Eindrücke von der Venedig-Biennale

Ein Besucher fotografiert "We sit starving amidst our gold", die Installation von Jeremy Deller im Britischen Pavillon

Liebe Leser, wir erinnern uns: Während der letzten Biennale im Jahr 2011 lag ein gigantisches Schiff in Venedig vor Anker. Die 115 Meter lange Luxusyacht "Luna" gehört, wie bald jeder wusste, dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch; er und seine Gattin Dasha Zhukova hatten ihren Kahn direkt vor den Giardini anlegen lassen, damit auch jeder mitbekommt, dass das ganz große Geld zu Besuch in der Stadt ist.

Damals war das Monsterschiff talk of the town, stahl auch der spektakulärsten Kunst die Schau, und diese schien wehrlos dagegen zu sein. In diesem Jahr sucht man die "Luna" vergeblich am Ufer. Stattdessen taucht sie im britischen Pavillon auf. Der Künstler Jeremy Deller hat in einem Raum eine Phantasie inszeniert: William Morris, der 1896 gestorbene britische Sozialist und Begründer der Arts-and-Crafts-Bewegung, taucht auf einem Wandbild als Gigant aus dem Meer auf; er greift nach der "Luna", die in seinen Händen klein wirkt, und schleudert sie wütend ins Wasser. Mit seiner kleinen Retourkutsche hat Deller das Gleichgewicht wiederhergestellt. rs

Wo ist Deutschland?

Nach dem Andrang zu urteilen, ist der Pavillontausch jetzt schon ein Erfolg. Fast könnten sich die Warteschlangen der einander gegenüber liegenden deutschen und französischen Pavillions berühren: Den ganzen Tag lässt der Strom nicht nach, und zeitweise ist der Zugang zum französischen, ehemals deutschen Pavillon ganz gesperrt. Während sich die meisten einig sind, dass Anri Salas Beitrag für Frankreich als subtile Studie über Musik und Individualität überzeugt (Sala lässt ein Klavierkonzert von Maurice Ravel simultan interpretieren), ist das Echo auf den deutschen, ehemals französischen Pavillon stärker geteilt. Die Kuratorin Susanne Gaensheimer hat den deutschen Auftritt ja gewissermaßen einer zweifachen Deterritorialisierung unterzogen: Er findet nicht im deutschen Pavillon statt, und er zeigt keine Künstler mit deutschen Pass (einzig Romuald Karmakar wurde in Wiesbaden geboren und lebt schon sehr lange in Deutschland). Die übliche Frage bei einem deutschen Beitrag – wie setzt sich der Künstler oder die Künstlerin mit dem Pavillon und seiner Vergangenheit auseinander? – entfällt also dieses Mal.

Die Auswahl und Präsentation der Arbeiten sind im Einzelnen durchweg gelungen: Ai Weiweis Rauminstallation mit chinesischen Schemeln macht den zentralen Raum des Pavillons fast zu einem kleinen Irrgarten: ein schöner Einfall, durch den der Eintritt zur Entdeckungsreise wird. Santo Mofokeng aus Südafrika zeigt elegisch schöne Fotografien von Gräbern, Höhlen und Landschaften, sein Thema sind die Ahnen, die Geister der Vergangenheit, die man überall sehen kann, wenn man nur will. Dayanita Singhs Bilder sind nicht weniger wehmütig, wir sehen schwarzweiße Aufnahmen aus dem indischen Alltag, vor allem Ansammlungen von Akten und Schriftstücken, die sich zu einem Bild einer drückenden Vergangenheit verdichten; hinzu kommt ein sanft trauriges Videoporträt eines Eunuchen. Karmakar schließlich zeigt eine Mixtur aus dokumentarischem Material, das sich mit Neonazismus und Islamismus beschäftigt, und einen quasi impressionistischen Film, in dem sich der Hurricane Sandy in der Natur ankündigt. So stimmig, gehaltvoll und ernsthaft all diese Beiträge sind: Ihre Verbindung zueinander ist doch eher lose. Man kann wortreich begründen, warum diese vier Künstler unbedingt zusammen in einem Pavillon gezeigt werden müssen, wirklich augenfällig werden diese Gründe nicht. Weder gibt es wiederkehrende Motive, noch ein wirklich gemeinsames Thema. Oder ist am Ende das Gefühl des Schweren, Düsteren, Problemorientierten, das in allen Beiträgen spürbar ist, der gemeinsame Nenner? Das wäre ja quasi, also im Grunde dann doch irgendwie… typisch deutsch!rs

Schlangenbeschwörer

In der großen Halle des zentralen Pavillons in den Giardini sitzt ein vielleicht zwölfjähriger Junge am Boden und gibt merkwürdige Laute von sich. Es ist eine Mischung aus Silbengesang und rhythmischem Schnaufen. Er konzentriert sich voll auf ein Mädchen, das anderthalb Meter von ihm entfernt auf dem Boden sitzt. Sie ist ein bisschen älter, 15 oder 16. Mit geschlossenen Augen bewegt sie sich tief versunken zu seinem Chant. Mit den Händen greift sie nach den Tönen, zieht er eine Silbe lang, bewegt sie langsam ihre Hand dazu, manchmal den ganzen Arm, manchmal nur das Handgelenk, manchmal einen einzigen Finger. Sie sieht ihn nicht, er sitzt hinter ihr. Er fixiert sie mit seinen dunklen Augen, beobachtet genau, was sein Gesang mit ihr macht, als steuere er sie wie eine Marionette mit unsichtbaren Fäden. Ihr rotes langes Haar fällt nach vorn, nach hinten, über ihr Gesicht, ihr T-Shirt ist über ihre Schulter gerutscht. Sein Rhythmus wird schneller, dringlicher. Ihre Bewegungen gehorchen hingebungsvoll jedem Ton. Sie biegt sich nach hinten, er holt sie wieder ein Stückchen hoch, um sie sogleich noch weiter nach unten zu biegen. Er lenkt sie mit seinem Gesang wie ein Schlangenbeschwörer. Es ist, als existiere die Welt um sie herum nicht. Die Energie, die sie dabei freisetzen, hat einen Kreis um sie gezogen. Die Menschen bleiben in gebührendem Abstand stehen, sehen der Beschwörung zu. Was machen die da? Im Nebenraum hängen Zeichnungen von Mitgliedern einer englisch-amerikanischen Christen-Sekte aus den 1840er Jahren. Diese "Shaker" waren bekannt dafür, ihre Religion mit hemmungslosem Gesang und Tanz zu zelebrieren. Gehören die beiden vielleicht dazu? Wurden sie hineingeboren in diese Art der Meditation? Sind sie damit aufgewachsen? Plötzlich lösen sich eine junge Frau und ein junger Mann aus der Menge der Umstehenden. Sie setzen sich dazu, stimmen ein, gehen auf in dem Gruppenspiel. Jeder ist mal Schlange, mal Beschwörer, alle sind alles, und alles fließt. Irgendwann steht der Junge auf, geht raus, erwacht aus seiner Trance. Was ist das? Es ist die durch und durch gelungene Arbeit von Tino Sehgal, die berührt wie kaum eine andere. bh

Der unerkannte Ai Weiwei

Ai Weiwei ist auf der diesjährigen Biennale allgegenwärtig, auch wenn er selbst nicht zur Eröffnung ausreisen durfte. Dafür war seine Mutter angereist. Und die war von dem ganzen Journalistenandrang dann doch ziemlich überwältigt. Bei der Besichtigung von Ais Arbeit "S.A.C.R.E.D" in der Kirche Sant‘ Antonin, einem Collaterali-Event der Biennale, für den der chinesische Künstler eine erschreckend realistische Installation entworfen hat, rollten ihr Tränen übers Gesicht. Das Werk besteht aus sechs mannshohen Stahlboxen, die im Kirchenraum aufgereiht stehen. Durch Gucklöcher kann man ins Innere schauen, wo Szenen aus Ais Haft mit lebensechten Fiberglasfiguren nachgestellt sind: Verhör, Essen, Schlafen, Duschen, immer in derselben Zelle, immer unter Bewachung. Durch den Blick von außen wird das Klaustrophobische, Ausweglose der Situation noch verstärkt. Bei Frau Ai, die die Arbeit in Venedig zum ersten Mal sah, weckten die Gefängnisdarstellungen böse Erinnerungen. Die 81 Tage, in denen ihr Sohn verschleppt und inhaftiert worden war, sei die schlimmste Erfahrung ihres Lebens gewesen, sagt sie. Und das will etwas heißen. Denn in den Zeiten der Kulturrevolution war Familie Ai schon einmal schwersten Repressalien ausgesetzt, musste unter unmenschlichen Bedingungen in der Verbannung leben. Ai Weiweis Assistentin Marlene konnte dagegen berichten, dass ihr Boss guter Dinge sei, obwohl er nicht in Venedig dabei sein kann. Wahrscheinlich hätten ihn all die Kunstleute sowieso nicht wiedererkannt, weil er sich für sein aktuelles Rock 'n' Roll-Video Haare und Philosophenbart abrasiert hat. "Als er nach dem Dreh ins Büro kam, habe selbst ich ihn nicht wiedererkannt", berichtet Marlene. "Plötzlich stand da dieser kahlköpfige, glattrasierte Fremde in der Tür, der auch noch einen Hauch Lippenstift trug, und ich fragte verwirrt: Wie kann ich Ihnen helfen?" Erst als er in Gelächter ausbrach, hätte sie ihn wiedererkannt. ut

Gierige Männer, eifrige Frauen

Endlich spricht es mal einer aus: "Gentlemen, die Zeit ist gekommen, uns zu unserer Unhöflichkeit, Gier, Lust, Selbstliebe, Demagogie, Falschheit, Banalität, Eifersucht, Zynismus, Räuberei, Spekulation, Verführung, Verschwendungssucht, Völlerei und Dummheit zu bekennen", steht da in großen Lettern im russischen Pavillon. Hoch oben im Gebälk posiert ein Mann auf einem Reitsattel. Im Raum gegenüber schüttet ein zweites Exemplar der männlichen Spezies eimerweise Goldmünzen in ein Becken, die dann mittels Förderband in die Kuppel des zentralen Raums transportiert werden. Von dort fallen sie wie ein kalter Goldregen herab ins höhlenartige Untergeschoss, wo sie von Frauen – und nur von Frauen, Männern ist der Zutritt verwehrt! – händeweise in Eimer geschaufelt werden, die oben wieder dem Geldgierkreislauf zugeführt werden. So plakativ und eingängig geht auf der Biennale sonst selten zu. Die Arbeit des russischen Künstlers Vadim Zakharov (Kurator: Udo Kittelmann) nimmt Bezug auf die griechische Danae-Mythologie und hat eine eindeutige Message: Eitle Männer haben die Welt in ein von Gier getriebenes System verwandelt, dumme Frauen stützen dieses System, indem sie sich durch billiges Bling-Bling verführen lassen. Tatsächlich gab es am Eröffnungstag keinen Mangel an Damen, die geschützt von durchsichtigen Regenschirmen eifrig Goldmünzen umschaufelten, damit die Herren da oben weiter Stoff für ihre Performance hatten. Allerdings konnte man am Eingang zur Goldhöhle auch viele Männer beobachten, die unbedingt am Umschichtungsprozess teilnehmen wollten. Die wurden jedoch von einer jungen Russin in ihre Schranken verwiesen: "Ladies only!", sagte sie immer wieder resolut. Draußen durften die Gentlemen dann aber wieder Regenschirme über die Köpfe ihrer Begleiterinnen halten und das Geld für Spriz und Capuccini hinlegen, damit der Prozess bloß nicht ins Stocken gerät. ut

Belastende Nachbarschaften

Es ist in der Kunst wie im wirklichen Leben, man kann sich seine Nachbarschaft nicht aussuchen. Manchem scharf kalkulierenden Gegenwartskünstler in Massimliano Gionis internationaler Ausstellung mag die erzwungene Nähe zu Outsidern (die man noch vor kurzem ganz unkorrekt als Irre bezeichnet hat) etwas suspekt vorkommen. Und in den Giardini sind die Territorien ohnehin mit ererbten Grenzkonflikten belastet, die auch kein Pavillontausch aus der Welt schafft. Aber besonders übel hat es diesmal die Letten erwischt: Im Arsenale geben sich Kaspers Podnieks und Kriss Salmanis alle Mühe, in ihrer Schau "North by Northeast" eine baltisch-frostige Atmosphäre zu schaffen: Bauern stehen im Schnee, an der Decke schwingt ein Baum kopfüber im Wind. Wäre da nicht dieser schwere, süße Duft, der dem Gemeinschaftwerk eine irritierend exotische Dimension verleiht. Er kommt von nebenan. Dort hat Sonia Falcone aus Bolivien Gewürzschalen aufgestellt, für die Schau des italo-lateinamerikanischen Instituts. ts

"Peggy who?"

Peggy Guggenheim hatte ihre Lieblingssonnenbrillen von Hans Arp geschenkt bekommen. Wie fast alle alten Freunde aus der Pariser Boheme der zwanziger und dreißiger Jahre nannte sie den deutschen Surrealisten einfach nur "Jean". Die Brillengläser lagen über ihren Augen wie schwarz glänzende geöffnete Nachtfalterflügel. Und war sie das nicht auch – ein Nachtfalter? Peggy sah mit diesen Arp-Brillen sehr extravagant aus. Sie passten hervorragend zu ihr, die erhaben über Konventionen ein voll und ganz der modernen Kunst und ihren Urhebern gewidmetes Leben führte. Und sie passten in das mondän-verwunschene Venedig der fünfziger und sechziger Jahre, wo Peggy nach vielfach gebrochenem Herzen Frieden fand – alleine. Sie war bis zu ihrem Tod 1979 glücklich im Palazzo Venier dei Leonie am Canal Grande, das schreibt sie in ihren Memoiren, die übrigens sehr lesenswert sind. Ihre Sammlung, die "Peggy Guggenheim Collection" residiert immer noch da. Natürlich gibt es da einen Museumsshop, in dem man die Nachbildung einer der Schmetterlingsbrillen kaufen kann. Eine reiche Indonesierin muss bei der Eröffnung der Arsenale schon in der Guggenheim Collection gewesen sein. Sie trägt diese Schmetterlingsbrille – drinnen in dem ziemlich dunklen Pavillon ihres Landes, dessen Zentrum eine Theaterbühne ist. Trotzdem stellt sie alles in den Schatten mit raumgreifenden Gebaren: Küsschen links, Küsschen rechts, hier eine Umarmung, da ein gehauchtes "Hi darling", schnell in Pose werfen für ein Foto, dann weiter lächeln, Zähne blecken, Brust raus, Bauch rein, Rücken grade. Das schwarze, sleeke Haar glänzt wie Öl, Diamanten werfen Funkenfeuer, mühsam balanciert die Indonesierin auf schwindelerregenden Absätzen, manchmal klebt eine Haarsträhne im Lipgloss fest. Vielleicht würden ihre Augen verraten, wie sie sich wirklich fühlt, da oben auf ihren killer Heels. Ob sie schon die "Robert Motherwell"-Ausstellung bei Peggy Guggenheim gesehen habe? Es ist laut, es wird gekichert und gesmalltalked. Aufgeschreckt aus Kiss-Kiss und Kamera-Blitzen, fragt sie irritiert: "Peggy who?" bh

Ladies and Gentlemen: der Künstler!

Eine der begehrtesten Orte während der Eröffnungswoche ist die Terrasse des Fünfsterne-Hotels Bauer am Canal Grande in der Nähe des Markusplatzes. Rikrit Tiravanija hat am Eingang einen Pop-Up-Store, hinten wird Bellini serviert. Am Dienstagabend finden im Hotel gleich drei Empfänge statt, auf der Terrasse sind die Tische für das Dinner zu Ehren des Künstlers Pedro Cabrita Reis gedeckt. Der Portugiese hat eine Installation aus Neonröhren und Aluminiumstreben durch die erste Etage des Palazzo Falier in der Nähe der Accademia-Brücke gezogen. Gerade wurde dort eröffnet, aber der Künstler war nur kurz anwesend. Auch auf der Terasse ist er nicht zu entdecken – mit seiner massiven Statur und seinem Markenzeichen, der Zigarre, wäre er auch kaum zu übersehen. Erst als alle sich längst zum Essen gesetzt haben, erscheint er. Eine erste Welle des Applauses, er greift sich einen Stuhl und steigt drauf; der Applaus wird lauter, Cabrita Reis reckt die Hände zum Himmel, das Klatschen donnert. Dagegen verblasst der spätere Auftritt von Damien Hirst, der sich mit angeheiterten deutschen Kunstfans fotografieren lässt. db

Alle Berichte, Geschichten und Interviews zur Biennale finden Sie hier in unserem Online-Dossier.

Die Juni-Ausgabe von art mit dem Schwerpunkt Venedig Biennale ist jetzt am Kiosk erhältlich.

Das art-Sonderheft zur Biennale kommt am 14. Juni in den Handel und ist ab sofort hier vorbestellbar.

55. Venedig-Biennale

Termin: 1. Juni bis 24. November 2013 in Venedig
http://www.labiennale.org