Jean Tinguely in Basel

Künstler lieben Jean Tinguely

Im Tinguely–Museum Basel sind zehn Arbeiten zu sehen, die sich mit den Zeichenmaschinen des Schweizers auseinandersetzen. Marina Abramovic wirbt dabei für ihr neues Performance-Institut MAI.
Immer schön kreisen:Künstler beschäftigen sich mit Tinguely–Maschinen

Jean Tinguely vor "Dernière Collaboration avec Yves Klein", 1988

"Habt ihr mich gehört? Wie hat es geklungen?" Die ältere Dame ist begeistert. Ranjit Bhatnagar hat eine schalldichte Kabine ins Tinguely–Museum gestellt. Darin kann auch der Schüchternste hemmungslos singen und Geräusche machen.

Diese werden über einen Computer auf verschiedene Instrumente draussen übertragen. Wer zuschaut, sieht nur, wie sich Hämmerchen, Federungen, Tasten, Saiten und Ventile bewegen und einen unerfindlichen Lärm machen. Melodik ist im Zeitalter des Punk und Rap nicht gefragt. Jeder darf, wie er kann und will. Der in New York lebende Künstler bezeichnet sich selbst als äußerst schüchtern. Er habe den "Singing Room for a Shy Person" eigentlich für sich selbst entwickelt, damit er endlich einmal unbeobachtet singen könne.

Bhatnagar ist einer von zehn Künstlern, die sich in der Basler Ausstellung mit den Zeichenmaschinen Jean-Tinguelys, den Méta-Matics, auseinandersetzen. Am Anfang des Projekts stand eine Frustration. Die niederländischen Sammler Natascha und Allard Jakobs wollten bei einer Auktion eine dieser Maschinen des Schweizers ersteigern, kamen jedoch nicht zum Zug. Also gründeten sie vor vier Jahren die "Métamatic Research Initiative", die in einem Open Call Verfahren dazu aufrief, künstlerische Beiträge einzureichen, die sich mit Tinguelys Zeichenmaschinen auseinandersetzen. 300 Bewerbungen gingen ein, acht von ihnen wurden zur Realisierung ausgewählt und für die Sammlung erworben. Thomas Hirschhorn und Marina Abramovic lud man außerdem direkt dazu.

Diese Ergebnisse sind nun erstmals öffentlich zu sehen. Die Verursacher des Zusammentreffens sind dabei dezent in den offenen Kabinetten des Balkons präsentiert. Museumsdirektor Roland Wetzel und sein Kurator Andres Pardey haben neun Méta-Matics zusammengebracht. 20 sind bekannt. Die ersten hat Tinguely 1954/55 in seinen kreativsten zwei Jahren entwickelt. Zunächst waren sie noch als Wandstücke gedacht, die wie bewegte Reliefs daherkommen, äußerst feingliedrig, fast zart, so dass die Subversion nur beim Nachdenken erkennbar wird: Ausgerechnet die Zeichnung, die intimste Gattung, die von der Künstlerhand lebt, wird von einer Maschine erstellt, der man Papier und Farbstifte einklemmt und sie dann in wildem Geschlenker darauf Markierungen setzen lässt. Wer ist der Autor dieser Werke? Der, der die Stifte und das Papier auswählt, die Motorik der Maschine, der Künstler, der sie erfunden hat, oder alle zusammen? Selbst Marcel Duchamp, der Erfinder des Readymade, war von dieser revolutionären Tat begeistert und probierte sie in Paris aus. Fotos davon und von vielen weiteren Events mit Tinguelys größter künstlerischer Tat hat das Museum aus seinen reichen Archivschätzen hervorgeholt und zu einem assoziativen Zeitbild arrangiert.

Irritation und Komik sind garantiert

Die Künstlerinnen und Künstler, welche auf diese Zeichenmaschinen reagieren, setzen sich vor allem mit ihrem medialen Aspekt auseinander. Jon Kessler hat gleich zu Beginn des Parcours eine begehbare Installation zu unserer Abhängigkeit von den Apple-Produkten entworfen. Auslöser war, dass er in der New Yorker U-Bahn einmal feststellte, dass drei Viertel der Passagiere mit ihren I-Phones beschäftigt waren und sich so von ihrem physischen Aufenthaltsort wegbegaben. In "The Web" lässt er den Besucher durch ein wucherndes Gebilde aus Stoff und Holz wandern. Überall sind Kameras, die ihn filmen, Computer, die diese Bilder mischen, und Bildschirme, auf denen sie abgespielt werden. Sein alter ego in Form einer Puppe liegt in diversen Hängematten, jedes Mal durch ein anderes Gerät mit dem Internet verbunden.

Die Verlorenheit in der schönen neuen Medienwelt zeigen andere Beiträge mit reduzierteren Mitteln. Joao Simoes wurde in Angola geboren und pendelt heute zwischen Lissabon und New York. Die kulturellen Übersetzungsprobleme zeigt er an der mangelnden Kompatibilität der beiden Fernsehformate PAL und NTSC. Aparna Rao und Søren Pors blenden mit ausgefeilter Technik Fernsehprogramme, die gerade laufen, übereinander. Irritation und Komik sind garantiert. Und Brigitte Zieger inszeniert sogar ein Attentat. Die in Paris lebende Deutsche lässt aus einer animierten Tapete eine Hirtin treten und auf uns schießen. Die pastorale Idylle der pinkfarbigen Szenerie kippt dank Bewegungsmeldern überraschend ins Westerngenre. Das Publikum ist begeistert. Dagegen wirken selbst John Bocks Video von der Konzertperformance "Lecker Puste" und Olaf Breunings Hommage an New York mit ihren grotesken Kostümen wie bieder überdrehte Materialschlachten.

Den größten Auftritt feiert Thomas Hirschhorn. Er hat den filigranen Zeichenmaschinen Tinguelys die größtmögliche Installation entgegengesetzt. Sie entspreche mehr oder weniger den Ausmaßen seines Pariser Ateliers, erzählt Roland Wetzel. In der Ausstellung nimmt sie die Hälfte der zentralen Halle in Beschlag. Wer sehen will, was der Meister unseres Zivilisationstrashs sich hat einfallen lassen, muss erst einmal eine steile Treppe hinaufsteigen, um sich im Feldherrenblick Orientierung zu verschaffen. Ein riesiges Rohr schiebt sich diagonal durch den umschlossenen Raum. Die schwarz ausgeschlagenen Wände sind mit alten Autoreifen behängt. Dazwischen hängen endlose Papierausdrucke von Kleiderbügeln, Notebooks, blinken Grafiken und Zahlenreihen. Wir verstehen sofort: Wo der Schweizer Altmeister in den sechziger Jahren mit seiner Zeichenmaschine einen Umzug von seinem Atelier zu seiner Galerie veranstaltete und mit dem Spektakel die Pariser Polizei provozierte, fließen die Datenströme der Finanztransaktionen heute kaum sichtbar um den Globus und beherrschen umso mehr die Welt. Die rührende Künstleraktion hat der knallharten Wirtschaftsrealität Platz gemacht. Diese wird bei Hirschhorn von den vielen Kriegen und Konflikten rund um den Globus begleitet. Rechts und links der Röhre hat er zwei Computer-Stationen eingerichtet: Auf der einen Seite sieht man Soldaten, die sich mit Totenmasken verkleiden, als wäre der Krieg ein Spiel, wie George Bush es wollte, als er beim ersten Irak-Krieg verlautbarte: "The Game is Over." Gegenüber liegt ein Söldner in Somalia tot inmitten seines Waffenarsenals. Blutverschmiert, elend, schockierend. Und man fragt sich wieder einmal, wo Hirschhorn diese Bilder herbekommt. Aber auch physisch hat der Paris-Schweizer den Besuchern etwas zu bieten. Wer in der Installation umhergeht, steht irgendwann vor der Öffnung der Röhre. Die Alufolie glänzt, und am Boden liegen schwarze Computertastaturen als Rinnsal aus Abwasser. Der Kanal ist gigantisch, wir sind wie Gulliver im Land der Riesen in Jonathan Swifts Roman und spüren sehr körperlich, wie verloren wir angesichts der gigantischen Abfall-Lawine sind, die wir in die Welt setzen.

So pessimistisch darf der Besucher jedoch nicht nachhause gehen. Dafür sorgt die Betroffenheits- und Wohlfühlqueen unserer Tage: Marina Abramovic hat in den Park des Museums einen Prototyp für
das Performance-Institut gebaut, das sie in einem ehemaligen Kino am Hudson in Upstate New York errichten will. Weil derweil noch das Geld für das MAI (Marina Abramovic Institute) fehlt, rührt sie die Werbetrommel. Das weinrote Zelt weist sieben Kammern auf. Wer hinein will, muss sich anmelden und unterschreiben, dass er den gesamten Parcours von zwei Stunden absolviert. Dazu gehört Wassertrinken, Schlafen auf speziellen Liegen, Eindrücke notieren und natürlich sich mit einem fremden Menschen eine halbe Stunde lang in die Augen schauen. Die Marathon-Sitzungen im New Yorker Museum of Modern Art 2010 haben die Künstlerin verändert. Sie möchte jetzt nurmehr Mammut-Projekte von langer Dauer realisieren, die den Menschen helfen, eine andere Sicht auf die Dinge, vor allem auf ihr eigenes Leben zu gewinnen. "Sie könnten das alles auch einfach zuhause machen, da sich aber niemand die Zeit dafür nimmt, habe ich beschlossen, eine Form dafür zu entwickeln", sagte Abramovic anlässlich der Basler Premiere. Die Künstlerin, die ihrem Körper einmal die härtesten Performances zugemutet hat, inklusive Verletzungen, gönnt sich und uns eine Dosis Esoterik. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, insgesamt stehen, so Direktor Wetzel, rund 2000 Plätze zur Verfügung, etwa ein Drittel ist noch frei. Anmeldung erfolgt über die Website des Museums Tinguely. Dort kann sich auch in den Livestream einklicken, wer für soviel Entschleunigung noch nicht gerüstet ist. Oder einen Einführungsfilm der Künstlerin anschauen.

Und was hat das mit Jean Tinguelys Zeichenmaschinen zu tun? Der Schweizer liebte schließlich die Geschwindigkeit, war ein passionierter Formel 1 Fan. Vielleicht nicht viel. Vielleicht ist es auch einfach ein Antidot gegen die Macht der Maschinen, die inzwischen längst nicht mehr nur das Zeichnen übernehmen können, sondern dem Menschen, dem Autor seiner Werke, seine Subjekthaftigkeit ausgetrieben haben. Wir sind Individuen, wir sind Schöpfer unserer Welt, wir müssen zumindest für uns Verantwortung übernehmen: Vielleicht will uns das Marina Abramovic sagen. Die Maschinen sind noch nicht so weit. Das hätte auch ein Tinguely unterschrieben.

"Metamatic Reloaded"

Termin: 23. Oktober 2013 – 26. Januar 2014

Der Katalog im Kehrer Verlag kostet an der Museumskasse 42 Franken.

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