Atelier für Sonderaufgaben - Denkpause Mels

Eine Stadt ohne Strom

In der Schweizer Gemeinde Mels sollen im Sommer jeden Abend die Lichter ausgehen. Im Rahmen eines Kunstprojektes der Künstler Frank und Patrik Riklin – seither gehen die Wogen in der Gemeinde hoch.
Eine Stadt ohne Strom:das geplante Kunstprojekt "Denkpause" in Mels

Die Künstler Frank und Patrik Riklin vor der Wahlurne

Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, ist hier aufgewachsen, das ist gut für die Erinnerung; sonst hat Mels aber wenig Grund, das Victory-Zeichen zu machen. Während um die Ecke Bad Ragaz mit seinem Thermalbad und Flums mit seinen Skipisten die Touristen locken, gehen die Besucherströme an dem 8000-Einwohner-Städtchen weitgehend vorbei. Das soll nun anders werden, und die Kunst soll dabei, wie an anderen Orten auch, helfen. Letztes Jahr wurde ein Melser "Kultursommer" ins Leben gerufen, 2010 soll er mit professioneller Jury unter dem Motto "Denkpause" stattfinden.

Damit die Melser auch wirklich zum Nachdenken über sich und ihre Gemeinde kommen, haben die St. Galler Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin vorgeschlagen im Sommer einen Monat lang jeden Abend den Strom für zehn Minuten abzuschalten. Seither gehen die Wogen in der Gemeinde hoch. Was für die einen einmal mehr belegt, wie durchgeknallt Künstler heute sind, sehen die anderen als Chance, aus dem eigenen Trott herauszutreten.

"Das ist genau das, was wir wollen", sagt Frank Riklin. "Uns geht es nicht um Provokation, wir nehmen das Motto des Kunstsommers einfach wörtlich." Warum er und sein Bruder das ausgerechnet mit dem Stromnetz umsetzen wollen, kann er auch erklären: "Strom ist in der Schweiz fast so ein großes Tabu wie das Bankgeheimnis. Wenn er für ein paar Minuten ausfällt, geraten die meisten in Panik. In vielen Ländern ist es dagegen ganz normal, dass man jeden Tag für eine gewisse Zeit keinen Strom hat." Dabei geht es dem Künstlerduo mit seiner Intervention nicht um technische oder ökologische Fragen: "Wir glauben, dass eine solche Unterbrechung viele Möglichkeiten im sozialen Bereich schafft. Alle haben plötzlich jeden Tag zehn Minuten Zeit in der Familie und unter Nachbarn." Einmal nicht unter Strom zu stehen und in unserer hyperbeschleunigten Gesellschaft Atem zu holen, wäre das Ziel.

"Uns geht es um den öffentlichen Prozess"

Die Unterbrechung von Gewohnheiten, die Störung von Systemen kennzeichnet die Tätigkeit der beiden Konzeptkünstler. Kunst ist für die 1973 in St. Gallen geborenen Zwillinge heute viel zu oft Accessoire eines Lifestyles. Sie wollen ihr Potential dazu nutzen, um ins Leben der Menschen einzugreifen. Dazu haben sie ihr "Atelier für Sonderaufgaben" gegründet, das von Veranstaltungen bis zu Großprojekten mit starkem Medienecho sehr vieles initiiert. So lancierten sie seit 2008 im St. Galler Hinterland ein "Null Stern Hotel" in alten Luftschutzanlagen der Schweizer Armee für Übernachtungen zu günstigsten Preisen, das Swissness einmal anders lancierte und weltweit Beachtung fand. "Die Reaktion war ganz ähnlich wie jetzt in Mels", sagt Frank Riklin, "die Hotellerie fand das Projekt einerseits spannend, andererseits lehnte es sie ab, weil wir das System der Auszeichnung mit Sternen unterlaufen haben."

Wichtig sind den Künstlern stets die die Transparenz ihrer Vorgehensweise und die Beteiligung der Bevölkerung. In Mels war der Gemeindepräsident Guido Fischer von Anfang an einbezogen. Auf einer Volksversammlung haben die Konzeptkünstler basisdemokratisch mit der Bevölkerung diskutiert. Ab nächster Woche soll auf dem Gemeindeplatz eine amtliche Urne, die die Stadt St. Gallen zur Verfügung gestellt hat, installiert werden, sodass die Melser darüber abstimmen können, ob sie die Denkpause ohne Strom wollen. "Wenn die Bevölkerung das Projekt ablehnt, werden wir es nicht realisieren. Wir drücken nichts durch. Uns geht es um den öffentlichen Prozess. Wir verstehen das auch als eine soziale Plastik", sagt Frank Riklin.

Der Gemeindepräsident hat bei so viel demokratischem Bewusstsein kalte Füße bekommen. Er zog es vor, nicht zur Volksversammlung zu erscheinen und hat lieber eine Pressemeldung verschickt, die das Ende des Projekts verkündet. Aus technischen Gründen: Banken, Krankenhaus, Verwaltung sind alle auf Strom angewiesen. Die Riklins lassen das nicht gelten: "Jedes Spital und jede Bank hat ein Notstromaggregat, selbst in der Schweiz fällt bei Unwettern gelegentlich der Strom aus. Dagegen haben sich alle gewappnet." Auch sehen sie im Moment keinen Grund, auf die Volksbefragung zu verzichten. Vielleicht hat der Gemeindepräsident ja einen viel handfesteren Grund für seine Ängste: Im Juni soll die Melser Bevölkerung darüber abstimmen, ob ihr marodes Zentrum abgebrochen und durch ein Investorenprojekt ersetzt wird. Für diese Art der Stadterneuerung braucht man unbedingt private Geldgeber. Und diese sollen durch ein Kunstprojekt, das in die Infrastruktur eingreift, keinesfalls verschreckt werden.

"Kultursommer Mels"

Termin: 1. Mai bis 1. Oktober, Mels, Schweiz
http://www.kultursommermels.ch/

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