Edge of Arabia - Berlin

Die Ränder Arabiens

Ein junges internationales Kuratorenteam hat den Nahen Osten bereist, um dort zeitgenössische Kunst jenseits von Ornament und Orientalismus zu entdecken. Ein Gespräch über Vorurteile, Ruhe als erste Bürgerpflicht und mögliche Sogwirkungen von Beuys-inspirierten Graswurzelwerken.

Was hat Sie bei der Arbeit an der Ausstellung am meisten beeindruckt?

Stephen Stapleton: Die Geschichten der Menschen, die ich in dieser Zeit getroffen habe – egal, ob es kleine oder große Geschichten waren. Immer ging es ums Geschichtenerzählen. Ich habe diese Reise durch den Nahen Osten gemeinsam mit drei anderen jüngeren britischen Künstlern unternommen, und aus den gesammelten Geschichten haben wir dann bei das Buch "Off Screen" bei Booth-Clibborn herausgebracht.

Unseren ersten, selbst gebastelten Entwurf des Buchs haben wir dem Verleger aus Bagdad nach London geschickt – wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, scheint es mir genau der richtige Weg gewesen zu sein. Damals fragte ich mich natürlich: Was mache ich hier? Aber deswegen sehe ich auch das als eine Geschichte. Und deswegen geht es uns auch heute nicht nur darum, zeitgenössische Kunst aus Saudi-Arabien zu zeigen – wir wollen auch die Geschichten der Menschen dahinter erzählen.

Rami Farook: Unsere Region hatte bisher sehr unter Vorurteilen wie beispielsweise Fanatismus zu leiden. Zu dieser Wahrnehmung haben sicher einige Extremisten beigetragen. Doch ich hoffe, dass durch die Kunst und die Künstler, die wir zeigen, sich dieses Bild wandelt. Und es gibt ja nun auch nicht nur Grund für Schwarzmalerei, sondern auch viel Positives.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst bisher mit der Vermittlung zeitgenössischer Kunst im Nahen Osten sammeln können – und wie wird die zeitgenösssiche Kunst das Klima vor Ort verändern?

Rami Farook: Ich leite den Kunst- und Designraum "Traffic" in Dubai und gründe derzeit eine Stiftung für meine Familie, die Ausstellungsräume, einen Skulpturengarten und Künstlerateliers umfasst. In unserer Kultur sind wir in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Ruhe die erste Bürgerpflicht sei, dass es unangemessen sei, Dinge in Frage zu stellen. Doch gerade die Künstler aus Saudi-Arabien fangen an, ihre Meinung frei zu äußern und sich nicht vor den Konsequenzen zu fürchten. Ich hoffe, dass das eines Tages auch in Dubai passiert. Bisher ist dort alles sehr konservativ zugegangen. In Saudi-Arabien hingegen werden Themen wie Zensur und Bürokratie bereits offen von Künstlern thematisiert. Was jedoch die Ausstellung betrifft, wird sich dank der globalen Relevanz der Themen hoffentlich auch das lokale Publikum angesprochen fühlen.

Stephen Stapleton: Es gibt in der Golfregion eine ganze neue Generation junger Künstler, die die Welt bereist haben und die sehr genau wissen, was los ist – und inzwischen auch gesammelt werden. Und gerade weil Saudi-Arabien sozusagen ein großes Problem mit seiner Marke hat – fehlende Kreativität, Meinungsfreiheit und so weiter – nehmen drumherum viele junge Leute sehr genau wahr, was sich dort verändert und betrachten es als mögliches Modell für die Region.

Welche Künstler begeistern Sie besonders?

Stephen Stapleton: Da gibt es beispielsweise mit Abdulnasser Gharem einen saudi-arabischen Künstler, der mich an Beuys erinnert – handlungsorientoiert und umweltbezogen. Auf genau solche Stimmen hat dieser Teil der Welt bisher gewartet. Und es ist ja schon sehr erstaunlich, wenn man sich mal ansieht, welche Aktivität die Geschäftswelt – darunter auch deutsche und britische Firmen -- dort bereits entfaltet hat, da werden ja Milliardenbeträge umgesetzt. Doch warum in aller Welt ist da kulturell so wenig los? Es war höchste Zeit, dass sich dort von der Graswurzel-Ebene aus etwas entwickelt.

Rami Farook: Ich zeige zwei ganz junge Positionen, von denen einer gerade die Uni abgeschlossen hat und der andere noch studiert – ich freue mich auf die Energie, die sie einbringen. Doch nur bei ungefähr der Hälfte der Teilnehmer handelt es sich um professionell ausgebildete Künstler, die andere Hälfte hat einfach nach einem adäquaten Medium gesucht, um sich über die Verhältnisse verständigen zu können und die ihren Bedürfnissen und ihrer Subjektivität gefolgt sind – sozusagen "reine Künstler".

"Grey Borders, Grey Frontiers"

Termin: 9. Juni bis 18. Juli, Soho House, Torstrasse 1, Berlin-Mitte
http://www.edgeofarabia.com/