Ernst Ludwig Kirchner - Feininger Galerie

Kirchner fern der »Brücke«

Einen ganz anderen als den bekannten Ernst Ludwig Kirchner (1880 bis 1938) präsentiert jetzt die Quedlinburger Feininger Galerie. Das Spätwerk des Expressionisten und Mitbegründers der Künstlergruppe "Brücke" will mithalten mit der zeitgenössischen Avantgarde und verbindet Experimente in fließender Form mit einem plakativen Farbspektrum. Das grafische Werk aber erweist ihn noch einmal als souveränen Meister der Linie.
Kirchner fern der "Brücke":das Spätwerk des Expressionisten in Quedlinburg

Ernst Ludwig Kirchner: "Farbentanz I", 1930/32, Öl auf Leinwand

Irgendwo zwischen Erstaunen und Irritation scheinen die Zeitgenossen des späten Ernst Ludwig Kirchner geschwankt zu haben, die die Bilder des vormaligen Expressionisten zu Gesicht bekamen. "Kirchner (mit stark Picassoschem Einfluss), kühn, stark plakatig, ohne die Feinheit Picassos, auch bei kühnstem Schmiss und Riss, sehr umstritten", notiert sein Freund Oskar Schlemmer 1932. Und der Ex-Bauhäusler hätte durchaus hinzufügen können: "auch mit stark Schlemmerschem Einfluss".

Umstritten ist ein Klassiker wie Kirchner nicht mehr, aber im Gegenüber mit Bildwerken aus den letzten zehn Jahres seines 1938 eigenhändig beendeten Lebens erlebt man stets noch ein Wechselbad. Dabei ist gerade dieses Spätwerk nicht abgegriffen, ist es doch in öffentlichen Sammlungen kaum gegenwärtig. Vor allem das Kirchner-Museum in Davos umfasst diese Schaffensphase. Mit gutem Grund: Der Künstler ließ sich 1919 in dem schweizerischen Kurort nieder, wo er seine Traumata von der Kriegsfront zu heilen suchte – letzten Endes vergeblich. Die Quedlinburger Feininger-Galerie geht jetzt gemeinsam mit Davos in einer Ausstellung dem Wandel in Kirchners Werk nach, den er selbstbewusst zum "Neuen Stil" erklärte. Den Grundstock liefern die Davoser und andere Sammlungen, ergänzt um manch selten gezeigtes Werk aus Schweizer Privatbesitz.

Das Dilemma seiner Verwandlung

Das ergibt einen Parcours von höchst authentischer Aura. Kirchner selbst hat für einige der Ölgemälde den Rahmen gezimmert. Aus kantig geschnittenen Leisten formte er ein stufiges Profil, in dem er die Bilder nicht nur schnörkellos fasste, sondern auch im Farbton ausklingen läßt. Doch das Dilemma seiner Verwandlung ist im "Großen Liebespaar" summiert, das im ersten der drei dicht bestückten Säle die Raumachse beherrscht. Dort erscheint das Bild sozusagen im Brennpunkt eines Umbruchs. Das Motiv ist ganz in die Fläche gepresst und in fließendem Linienschwung zeichenhaft verdichtet. Der Eros des Frauenkörpers ist ebenso wie die Umarmung in ein linienbetontes Schema mit rein gelben und violetten Partien überführt. Es setzt sich fort in den schwarz-roten, mit Kreuzschraffuren betonten Flächen des Mannes. In Form eines Herzens umfängt ein leuchtend roter Schatten die beiden Figuren, die sich lächelnd einander zuwenden.

"Plakatig" bis zur Schmerzgrenze

Das ist in der Tat "plakatig" bis zur Schmerzgrenze, und obwohl das Bild keineswegs auf bestimmte Anleihen verweist, ist die Annäherung Kirchners an die zeitgenössische Avantgarde unmittelbar spürbar. Das Bild ist 1930 in Davos gemalt, es ist ein Porträt von Elisabeth und Julius Hembus. Das Ehepaar gehörte zu Kirchners engstem Freundeskreis in Davos. Da hatte er die "Brücke" schon lange hinter sich gelassen. Kirchner suchte sich seinen eigenen Weg durch das internationale zeitgenössische Kunstgeschehen, für das er sich erklärtermaßen öffnete: mit intensiver Lektüre, Ausstellungsbesuchen, Korrespondenzen.

Doch die Ausstellung möchte den Blick auch auf den werkimmanenten Wandlungsprozess lenken. Es gibt Motive, die in die expressionistische Phase zurückreichen und mit der Zeit eine statische Flächigkeit gewinnen, eindringlich an den Straßenszenen zu beobachten. Aber auch die Figurenrelationen der "Akte im Wald" werden zunehmend linear abstrahiert und im Kolorit verfremdet. Kirchners Bildkunst wird immer stärker zum Geflecht überschneidender Linien und scharfer komplementärer Farbkontraste. Man liegt offenbar nicht falsch, wenn man dahinter auch eine theoretische Ader vermutet, aber wie es im Katalog heißt, führen Kirchners Schriften zu keinem schlüssigen Gedankengebäude.

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Der Farbentanz ist gemalte Theorie

Das Gefühl, es könnte bei den Bildern ähnlich sein, beschleicht den Betrachter zumindest bei einigen Werken. Formale Konstrukte von Korrelationen der Figur und Korrespondenzen der Farbe sind bei so hoch artifiziellen Gemälden wie der "Reiterin", den "Bogenschützen", dem "Maskentanz" und vor allem den "Tanzenden Mädchen in farbigen Strahlen" nicht zu übersehen. Gerade der Farbentanz ist eher eine gemalte Theorie. Doch ein solcher Anspruch und der visuelle Reiz des Bildes müssen nicht immer auseinander klaffen – das "Akrobatenpaar – Plastik" von 1932/1933 ist eine hinreißende Kompositionen von Linienschwung und Farbklang.

Gerade da aber wird man aufmerksam auf die begleitenden grafischen Studien. Man wird Kirchners sicher-spontanen Strich, seine effektvoll gesetzten Schatten und die sparsame Koloristik wahrnehmen, die seine Zeichnungen und Holzschnitte ausmachen. Es sind die grafischen Blätter – bis hin zu einem so eindrucksvoll verknappten Motiv wie der "Schneelandschaft" von 1930 – in denen Kirchner tatsächlich zu einem emanzipierten Beitrag zur Moderne findet.

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