Marc, Macke und Delaunay - Hannover

Zeugen einer atemlosen Zeit

In der kurzen Spanne zwischen 1910 und 1914 schufen August Macke, Franz Marc und Robert Delaunay für den europäischen Expressionismus wegweisende Oevres. Diesem fruchtbaren, aber nicht unkomlizierten Dreieck widmet das Sprengel-Museum in Hannover nun eine Schau.

Fast könnte man glauben, er hätte geahnt, wie bald sie beide sterben würden. Franz Marc schreibt im August 1910 an August Macke: "Was machst Du? Malst Du? Mensch, wenn Du es nicht tätest!! Wie kurz ist ein Jahr, und wie wenige Jahre hat man zu leben!" Da bleiben Marc noch sechs, Macke nur noch vier. Keiner von beiden kehrt aus dem Ersten Weltkrieg zurück. In dieser kurzen Spanne tauschen sie sich intensiv aus, arbeiten wie im Fieber. In nur dreieinhalb Jahren entstehen zwei für den europäischen Expressionismus wegweisende Oevres. Entscheidender Impulsgeber ist der französische Avantgardist Robert Delaunay. Diesem künstlerisch fruchtbaren, menschlich aber nicht unkomplizierten Dreieck "Marc, Macke und Delaunay" widmet das Sprengel Museum in Hannover nun die große Schau "Die Schönheit einer zerbrechenden Welt". Kuratorin Susanne Meyer-Büser hat insgesamt 90 Gemälde und rund 100 Aquarelle und Zeichnungen aller drei Maler ausgewählt, um die vor allem von Delaunays Farb- und Formexperimenten inspirierte Entwicklung der beiden Deutschen nachzuvollziehen.

Am 6. Januar 1910 ist August Macke in München unterwegs. Der Bonner Bauunternehmersohn ist 23, frisch verheiratet und voller Schaffensdrang. Er verehrt die Helden der französischen Moderne: Paul Cézanne, Henri Matisse, Vincent van Gogh und Aristide Maillol, ist künstlerisch aber – was seine eigene Malerei angeht – noch orientierungslos. In der Kunsthandlung Brakl entdeckt er zufällig ein paar Lithografien von Tieren und badenden Frauen, die ihn beeindrucken. Er will den Künstler kennen lernen. Sofort! Man schickt ihn in die Schellingstraße 33, wo der sieben Jahre ältere Franz Marc arbeitet. Sie sind sich auf Anhieb sympathisch, verabreden einen Gegenbesuch von Marc, der schon am 20. Januar bei Macke zu Hause in Tegernsee stattfindet.

Marc fühlt sich schon länger isoliert in der Kunstszene der Stadt, da er nicht mehr viel anfangen kann mit dem akademischen Geist der Münchner Sezession, deren großbürgerliche Vertreter – allen voran Symbolisten und Impressionisten wie Franz von Stuck – avantgardistische Ideen wie Abstraktion und Expressionismus ablehnen. Der Sohn des achtbaren, aber nicht herausragenden Malers Wilhelm Marc hatte ab 1900 eher still an der Münchner Akademie studiert und außer durch eine Amour fou mit der neun Jahre älteren Professorengattin Annette von Eckardt noch kein Aufsehen erregt. Seine Motivwelt hat er 1910 allerdings bereits gefunden: Tiere, vor allem Pferde und Rehe. Sie sind die durchaus mystischen Protagonisten seiner malerischen Suche nach Schöpfungseinheit und Ursprünglichkeit. Er selbst nennt das ein "pantheistisches Sicheinfühlen in das Zittern und Rinnen des Blutes in der Natur". Diese frühe thematische Festlegung verleiht seinem Werk – im Gegensatz zu Mackes – bei allen Form- und Farbexperimenten Stringenz und Einheit.

Macke war sich seiner Unstetigkeit bewusst. In den Jahren 1910 und 1911 malt und zeichnet er Landschaften, Akte, Stillleben, Gärten, Porträts – mal naturalistisch, mal impressionistisch, mal beinahe naiv. Am 8. September 1911 schreibt er resigniert an Marc: "Ich probiere wieder so viel." Die jungen Männer sind mittlerweile durch Briefe und Besuche in fester Freundschaft verbunden. Allerdings herrscht auch ein unterschwelliges Konkurrenzgefühl, das sich vor allem bei Macke in kleinen Sticheleien entlädt. Er hatte Marc mit Bernhard Koehler bekannt gemacht. Der Fabrikant, Kunstsammler und Mäzen ist ein Onkel seiner Frau und eine wichtige Bezugsperson für die deutschen Expressionisten. Es verletzt Macke zutiefst, als Koehler ihn im Herbst 1911 schwer kritisiert, indem er ihn auffordert, bereits angekaufte Werke zurück zu nehmen und bessere zu schicken. Macke kann sich eine Konfrontation finanziell nicht leisten. Eifersüchtig beobachtet er gleichzeitig die wachsende Begeisterung Koehlers für Marc und lässt sich sogar Anfang 1912 dazu hinreißen, an den Onkel zu schreiben: "Ich bin auf Marcs Breitmacherei auch in Deiner Sammlung etwas eingeschnappt. Er ist künstlerisch dazu nicht so sehr berechtigt, wie es den Anschein hat."

Macke ist in dieser Phase der Unsicherheit und Suche sehr empfänglich für die Ideen anderer. Er schwärmt für Wassily Kandinsky. Trotzdem tritt er der "Neuen Künstlervereinigung München" nicht bei, der Kandinsky angehört und der sich auch Franz Marc 1911 anschließt. Als in der Gruppe ein Streit über konservative und progressive Ideen entbrennt, und der konservative Flügel Kandinskys fast vollständig abstrakte "Komposition V" nicht in der Jahresausstellung im Dezember 1911 in der Galerie Thannhauser zeigen will, treten Kandinsky und Marc aus, gründen den "Blauen Reiter" und organisieren zeitgleich eine Parallelausstellung – ebenfalls bei Thannhauser. Eigentlich möchten sie neben deutschen Expressionisten wie Macke, Albert Bloch, Gabriele Münter, Heinrich Campendonk auch einen Pariser Kubisten zeigen – aber sowohl Georges Braque als auch Picasso sagen ab. Elisabeth Epstein, eine junge russische Künstlerin mit guten Kontakten nach Paris, schlägt Robert Delaunay vor.

Der 1885 geborene Sohn aus großbürgerlichem Haus arbeitet in Paris in engem Austausch mit seiner Frau, der russischen Malerin und Designerin Sonia Delaunay-Terk. Nach München schickt er vier Gemälde, darunter "Saint Séverin No. 1" (1909) und "Tour Eiffel" (1910). Die Mitglieder des Blauen Reiters und der Neuen Künstlervereinigung München sind begeistert vom Farb- und Perspektivspiel des Franzosen. Für Macke und Marc ist es die erste von zwei Initialzündungen, die ihre Arbeit in jeweils neue Richtungen lenkt. In "Saint Séverin No. 1" begegnen sie dem von Delaunay und seiner Frau entwickelten Simultankontrast, also dem bewusst eingesetzten Phänomen, dass benachbarte Farben sich gegenseitig in ihrer Wirkung beeinflussen. So wirkt zum Beispiel ein Rotton neben einem Grünton bräunlich, neben einem Blauton violett und neben einem Gelbton orangefarben. Auf allen Bildern der "Saint Severin"-Serie erprobte Delaunay anhand des Perspektivwechsels in einem schummrigen Kirchenkreuzgang diese gegenseitige Beeinflussung von benachbarten Farbfeldern. Der Schriftsteller Guillaume Apollinaire, Stichwortgeber der Epoche und enger Freund von Delaunay, gibt dieser Malerei den Namen "Orphismus" – Delaunay allerdings bevorzugt "peinture pure et simultané", reine und simultane Malerei.

Delaunays Fensterbilder inspirieren die Deutschen zu Experimenten mit der Wirkung benachbarter Farbfelder

Im Oktober 1912, also fast ein Jahr nach der ersten Ausstellung des Blauen Reiters, treten August Macke, Maria und Franz Marc, Hans Arp und der Sohn von Bernhard Koehler eine einwöchige Parisreise an, auf der sie Robert Delaunay endlich persönlich kennen lernen. Auch hier herrscht sofort Sympathie, besonders zwischen Macke und Delaunay – obwohl sie sich kaum ohne Übersetzung von Marc oder Sonia Delaunay-Terk verständigen können. Macke und Marc sehen Delaunays neue Serie der "Fenêtres", der Fensterbilder: farbige Rauten, deren Anordnung durch den Simultankontrast bestimmt wird. Ähnlich eines spiegelnden Fensters oder einer Prismenspaltung zerlegt Delaunay das Licht in reine Farben, die er gezielt und rhythmisch gegeneinander setzt. Das eigentliche Motiv, wieder der Eiffelturm, existiert nur noch schemenhaft und minimal in der Mittelachse angedeutet.

Macke und Marc sind begeistert – unter dem Eindruck von Simultankontrast, kubistischer Zerlegung und den Fensterbildern lassen sie fast reflexartig ihre bisherigen Experimente mit expressionistischen Komplementärkontrasten ruhen. Franz Marcs Tierbilder verändern sich schlagartig: Er malt "Das Äffchen" (1912), ein Bild auf dem er Grün- und Blautöne, die an "Saint Séverin" erinnern, und Rot- und Gelbtöne gegeneinander setzt. In "Rehe im Walde II" ahmt er die markante, spitz aufstrebende Form nach, die auch Delaunays "Tour Eiffel" beherrscht.

August Macke greift die Zersplitterung in "Spaziergang in Blumen" (1912) auf, lässt aber – wovon er nie abweicht – die menschlichen Figuren inmitten der kristallinen Farbsplitter unversehrt. Marc schreibt an Kandinsky: "Er [Delaunay] arbeitet sich zu wirklich konstruktiven Bildern durch, ohne jede Gegenständlichkeit, man könnte sagen: rein klangliche Fugen". Nur menschlich kann Marc wenig mit Delaunay anfangen, der mit einem überdurchschnittlichen Selbst- und Sendungsbewusstsein ausgestattet gewesen sein muss. Auf Macke macht er allerdings großen Eindruck, begeistert schreibt er an seine Frau: "In Paris haben wir viel gesehen. Von jüngeren nicht viel außer Delaunay, der sehr feine Sachen macht, überhaupt ebenso wie seine Frau ein entzückender Mensch ist."

Der "Erste Deutsche Herbstsalon" sollte ein Statement gegen den Krieg sein

Die auseinander gehenden Meinungen über den Menschen Delaunay führen zu einem Wendepunkt in der Freundschaft von Marc und Macke, die sich auch auf die Einschätzung ihrer Arbeit auswirkt. Macke reagiert zunehmend genervt von Marcs notorischem Schaffensdrang, den er abfällig "Maleritis" nennt. Er wendet sich immer mehr von den Ideen des Blauen Reiters ab. Die Gruppe eint ihr Interesse an mittelalterlicher und primitiver Kunst und den zeitgenössischen Bewegungen des Fauvismus und Kubismus. Gleichwohl hinterlässt die Begegnung mit Delaunays Fensterbildern in beiden Œvres deutliche Spuren: Macke spielt in "Zwei Mädchen am Abend" (1912) mit Dreiecks- und Rautenformen und greift in "Großes helles Schaufenster" (1912) das Fensterthema ganz direkt auf.

Am 21. Januar 1913 wird das Verhältnis von Marc und Macke erneut getrübt. Robert Delaunay und Guillaume Apollinaire besuchen spontan August Macke in Bonn. Sie sind auf der Rückreise nach Paris von Berlin, wo Delaunay am 17. Januar seine erste deutsche Einzelausstellung in Herwarth Waldens Galerie "Der Sturm" eröffnet hat. Sie bleiben nur kurz, aber Marc reagiert empfindlich mit einer Postkarte: "Mein lieber de l’eau né … Unglückliche Grüße und großes Bedauern, dass Sie mich nicht besucht haben." Er hatte ihn zur Eröffnung seiner eigenen ersten großen Einzelschau am 16. Januar bei Thannhauser nach München eingeladen. In den folgenden Monaten werden die persönlichen Briefe und Postkarten zwischen Macke und Marc deutlich spärlicher.

Neun Monate später, am 20. September 1913, begegnen sich die drei Männer zum zweiten Mal beim "Ersten Deutschen Herbstsalon" in der Berliner Sturm-Galerie. Macke, Marc und Walden hatten 366 Werke von 75 Künstlern – internationale Vertreter aller Richtungen der modernen Kunst – ausgewählt. In den Monaten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs herrschte in Deutschland große Unsicherheit angesichts der eskalierenden außen- und innenpolitischen Konflikte. Die Bevölkerung reagierte mit Angst, Fremdenfeindlichkeit und der fatalen Hoffnung – auch unter den Intellektuellen – auf die "reinigende Kraft" des Kriegs.

Die Begegnung mit Delaunays "Formes circulaires" ermutigt Macke und Marc zu vollkommen abstrakten Kreisformen

In dieser Zeit gab es keine verlässlichen Grundwerte mehr, es herrschten Endzeitstimmung und Ohnmachtsgefühl und ein fast hysterisches Schwanken zwischen Zukunftseuphorie und -angst. Diesen höchst labilen Gesellschaftszustand versucht die Sprengel-Ausstellung in ihrem Untertitel zu bündeln: "Die Schönheit einer zerbrechenden Welt". Der Herbstsalon von 1913 versuchte wenigstens künstlerisch die Welt auf einen Nenner zu bringen und war ganz auf Internationalität und Verständigung ausgerichtet. Die Schau war ein bewusstes Statement gegen den drohenden Krieg und ging als die bedeutendste Ausstellung moderner Kunst in Deutschland vor 1914 in die Geschichte ein.
Wieder hatte sich Delaunay künstlerisch – unter dem großen Einfluss seiner Frau – weiter entwickelt. Er präsentierte in der Schau 13 "Formes circulaires", vollkommen abstrakte Kreisformen, mit denen er sich an die Spitze der Avantgarde setzt. Auf diesen Bildern entwickelt er ein System aus bunten, konzentrischen Ganz-, Halb- und Viertelkreisen und -ringen, die auf verschiedenen Achsen liegen und oft mehrere Mittelpunkte haben. Marc und Macke reagieren noch beeindruckter als bei den Fensterbildern. Wieder nehmen sie den Impuls reflexartig auf und beschäftigen sich nun intensiv mit abstrakten Kreisformen. Marcs "Kleine Komposition I" und Mackes "Farbenkreis II" ähneln in Farbgebung und Aufbau frappierend Delaunays Kreisformenserie "Soleil". Fortan finden sich Kreisformen auch in Marcs gegenständlichen Bildern; gut zu sehen in "Eber und Sau (Wildschweine)" (1913) und "Reh im Blumengarten (Reh im Garten)" (1913). Macke beginnt unter dem Eindruck des Herbstsalons eine neue Reihe von Bildern, die sich intensiv mit Farbe und Licht beschäftigen. In "Sonniger Weg" (1913) oder "Promenade" setzt er helle, weiche, offene Partien gegen dunkle, abgegrenzte Formen und verbindet Komplementärkontraste mit Simultaneffekten. Macke kopiert Delaunays Impulse nicht, sondern integriert sie in seinen eigenen Werkkanon und erreicht eine neue Stufe in seiner Arbeit.

Es ist der letzte Impuls, den August Macke und Franz Marc von Robert Delaunay aufnehmen können. Macke wird eine Woche nach Kriegsbeginn am 8. August eingezogen und rückt nach Frankreich aus. Schon am 26. September 1914 wird er südlich von Perthes-lès-Hurlus in der Champagne bei einem Gefecht tödlich verwundet. Er ist 27 Jahre alt. Franz Marc meldet sich – wie viele Künstler und Intellektuelle, die das Ausmaß von Gewalt und Vernichtung vollkommen unterschätzten – freiwillig zum Kriegsdienst. Er wird am 4. März 1916 bei einem Erkundungsritt in Braquis nahe Verdun tödlich von einem Granatsplitter getroffen. Marc ist 36 Jahre alt. Robert Delaunay hat Glück. Der Kriegsausbruch überrascht ihn in Spanien, wo er mit seiner Frau und seinem Sohn Urlaub macht. Die Familie bleibt die nächsten sieben Jahre in Spanien und Portugal. Delaunay stirbt am 25. Oktober 1941 in Montpellier an Krebs. Obwohl ihm im Gegensatz zu den beiden anderen noch viele Jahre nach 1914 blieben, drang auch er zum Kern seiner Kunst in den entscheidenden drei Jahren zwischen 1911 und 1914 im Austausch mit Macke und Marc vor. Danach entwickelte er die Grundideen zwar weiter, schlug aber keine neuen Wege mehr ein.

Marc, Macke und Delaunay: Die Schönheit einer zerbrechenden Welt (1910 – 1914)

Termin: Bis 19. Juli im Sprengel Museum in Hannover
http://www.sprengel-museum.de/