Jeff Koons - Versailles

Viel Lärm um nichts

Jeff Koons zeigt seine Skulpturen in Schloss Versailles – ist das nun Ironie, hohe Kunst oder Unverschämtheit? Unser Korrespondent meint: Vor allem ein gigantisches PR-Unternehmen.
Viel Lärm um nichts:Ironie, hohe Kunst oder Unverschämtheit?

Sonnenkönig Koons vor seiner Skulptur "Balloon Flower" am Versailler Schloss

"Wir müssen uns selbst umarmen, uns zu dem bekennen, was wir sind", sagte der amerikanische Künstler Jeff Koons vor knapp zwanzig Jahren in einem Fernsehinterview und wird seitdem nicht müde, dieses Bekenntnis zu sich selbst als Genie der zeitgenössischen Kunstszene zu wiederholen. Letztmalig aus Anlass seiner Ausstellung in den königlichen Gemächern des Schlosses von Versailles, wo die Ludwigs XIV. bis XVI. und ihre jeweiligen Gemahlinnen und Gespielinnen sich samt Hofstaat in Saus und Braus suhlten. Und wohin es heute, täglich außer montags, Tausende Touristen mit Digitalkameras und Fotohandys zieht.

"Dieses Scheißding versaut mir die ganze Perspektive", meckert einer dieser Touristen seine Frau an, die ja auch nichts dafür kann, dass "Mond (hellblau)" die zentrale Blickachse des legendären Spiegelsaals blockiert, und ein Teddy mit Trillerpfeife und ein englischer Bobby-Polizist den Salon des Kriegsgott Mars verunstaltet. Der "Ballon-Hund" steht im ehemaligen Ballsaal, das "Selbstporträt als Sonnenkönig" im Apollosaal – ein blankpolierter Jeff Koons aus Marmor zu Besuch beim echten Sonnenkönig. Ist das nun Ironie oder Witz, hohe Kunst oder Unverschämtheit?

Auf dem königlichen Schlosshof begrüßt die Besucher eine blassgelbe "Ballon-Blume", installiert auf einem hässlichen braunen Sockel mit – völlig überflüssigen – Absperrungen darum. Oder befürchtet man etwa einen Sabotageakt aufs kostbare Kunstwerk? Im Treppenhaus hängt ein magentafarbenes Herz mit Goldschleife unerreichbar hoch für uns normale Sterbliche: Selten gab es um eine Ausstellung von so wenig und so vorsichtig gehängter Kunst so viel Aufregung. Der 53-jährige Kitschspezialist Jeff Koons, neben dem Londoner Damien Hirst das zweite Lieblingskind der kunstsammlenden Milliardäre dieser Welt, darf ein Dutzend seiner Skulpturen in der permanenten Sammlung des Schlosses von Versailles ausstellen, wo sie nicht viel mehr als ein zusätzliches Dekorum sind. Harte Werke aus der Cicciolina-Serie fehlen, trotzdem können konservative Lordsiegelbewahrer über "Provokation" und "Frevel" toben – es gibt immer einen willkommenen Protest im Kampf um die Freiheit der Kunst, egal, wie schlecht sie auch sein mag.

Eingeplanter Sturm der Entrüstung

Werbung ist auch Kunst, sagen ja manche; Eigenwerbung ist es ganz bestimmt. Und die französischen Museen haben in den letzten Jahren viel dazugelernt. Vor allem, was die professionnelle Effizienz von Marketing und PR betrifft. Sie werden geführt wie global operierende Unternehmen, beschäftigen eigene Imageagenturen und suchen konsequent die Nähe zu Luxuslabels, der Speerspitze der französischen Exportindustrie. Der Louvre vergoldet Namen und Sammlung in der Golfregion, das Centre Pompidou lässt sich von Staat und Region einen Ableger im strukturschwachen Metz bezahlen, das Musée d’Orsay lädt prominente Zeitgenossen zum Dialog mit den Beständen ein. Den Vogel allerdings schießt jetzt das Schlossmuseum von Versailles ab, wo Jean-Jaques Aillagon, ehemaliger Kulturminister unter Jacques Chirac und dann Chefmanager von Frankreichs wichtigstem Sammler, dem Chirac-Freund François Pinault, dessen teuersten Künstler ins Allerheiligste des französischen Kulturerbes holt.

Und den natürlich eingeplanten Sturm der Entrüstung freudig abnickt mit der dreisten Versprechung, dass, würde die Ausstellung ein Flop, man ein solches Experiment nicht wiederholen werde. Das ist ein Maximum an Heuchelei, lässt sich doch der Erfolg des Unternehmens höchstens am steigenden Kurswert des Künstlers, aber keinesfalls an Eintrittszahlen messen – weil man in Versailles gar keine Eintrittskarten für Gegenwartskunst kaufen kann, sondern nur für den gesamten Schlossrundgang.

"Der barockste Künstler des Neopop"

Die ganze Veranstaltung ist ein gigantisches PR-Unternehmen, eine Medienkirmes, und für Jeff Koons, für den der Kurswert seiner Arbeiten immer wichtiger war als die Werke selbst, ist es ein triumphales Gesamtkunstwerk. Marktstrategischer Rummel ist sein eigentliches Metier, er ist kein Museums-, sondern ein Kapital-Künstler, die Werke müssen stets dynamisch am Markt platziert und nicht im Depot verwahrt sein. Nie waren die Namen der Leihgeber auf den Titelkärtchen in Plakatformat größer geschrieben, und am größten und hellsten scheint der Name des Sonnenkönigs unter den Sammlern, François Pinault, dem alle nach 2000 entstandenen – und übrigens die schlechtesten – Arbeiten, entweder persönlich oder seiner Holding gehören, die außer Kunst auch ein Versteigerungshaus und Galerien besitzt.

Und natürlich wird der Kurs des Künstlers steigen und sein nächstes Ballon-Herz wahrscheinlich für 20 und nicht, wie im letzten Jahr, für nur 16 Millionen Euro versteigert. Schließlich ist das ja der Sinn des Unternehmens, wenn man den "barocksten Künstler des Neopop", so Versailles-Chef Jean-Jacques Aillagon, im Rokoko-Überfluss von Spiegelsaal und königlichem Schlafzimmer zeigt. Was er nicht laut sagt, ist, dass es hier nicht einfach um eine Kunstausstellung geht, sondern man das Ganze als konsequente Fortführung der eigentlichen Funktion des Schlosses sehen kann, das die Bourbonen einst als eine Art permanenter Weltausstellung für französische Innenarchitektur einrichteten: Schaut euch unsere Kaminsimse, Deckengemälde und Marmorintarsien an! Können wir alles auch exportieren. Seht her, wozu Frankreich und die Kunst in der Lage sind, im 18. wie im 21. Jahrhundert.

Sonnenkönig Koons kann sich jedenfalls bei Sonnenkönig Ludwig wie zu Hause fühlen. Er fällt überhaupt nicht auf, nicht einmal unangenehm.

"Jeff Koons Versailles"

Termin: 14. Dezember, Versailles, Frankreich.
http://www.jeffkoonsversailles.com/fr/

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