Kunsthalle Marcel Duchamp - Darmstadt

Ein Wasserfall und Schokolade

Dadaismus, Surrealismus, Konzeptkunst – Marcel Duchamp prägte zu Lebzeiten die Auffassung von Kunst und wies ihr mit experimentellen Arbeiten, Stilbrüchen und Ironie neue Richtungen. Die Kunsthalle Marcel Duchamps inspirierte er nun zur Ausstellung "La Broyeuse de Chocolat" vor dem Institut Mathildenhöhe in Darmstadt.
Puppenformat:Kunsthalle Marcel Duchamps jetzt in Darmstadt

Ein Blick in das Minimuseum "Kunsthalle Marcel Duchamp" und die Ausstellung "La broyeuse de chocolat"

Eine Kunsthalle stellt man sich freilich anders vor. Größer vor allem und natürlich auch betretbar. Die Kunsthalle Marcel Duchamp ist klein. Und sie ist nicht betretbar. Dafür hat sie 24 Stunden täglich geöffnet.

Man kann auch um 4 Uhr nachts hereinschauen, wobei letzteres wörtlich zu nehmen ist, denn die Kunsthalle Marcel Duchamp, die derzeit die Ausstellung "La Broyeuse de Chocolat" zeigt, ist ein Guckkasten mit zwei Etagen, der auf einem Metallständer befestigt ist. Sie misst bloß einen halben Kubikmeter, weshalb alles in ihr auf Puppenhausgröße geschrumpft ist.

Durch fünf Gucklöcher sieht man nun Werke, die in einem Zusammenhang mit Marcel Duchamps vor 100 Jahren erdachter "Schokoladenreibe" stehen. Zum Beispiel eine Pralinenpyramide, bei der es sich augenscheinlich um aufgestapelte Trüffelpralinen, in Wirklichkeit aber um die verkleinerte Kopie einer Skulptur handelt, die Sonja Alhäuser im Jahr 2000 geschaffen hat. Ursprünglich hatte die Künstlerin Pralinen als Skulpturen erheblich vergrößert. Um den Dimensionen der Kunsthalle Marcel Duchamp zu entsprechen, wurden die Vorlagen wieder auf Pralinengröße verkleinert. Auch die anderen Werke, die die Schweizer Künstler Caroline Bachmann und Stefan Banz, die zugleich die Betreiber der Kunsthalle sind, im Miniaturformat kopiert haben, drehen sich entweder um Schokolade, Erotik, Duchamp – oder alles gleichzeitig.

Etwa eine Minibüste frei nach Dieter Roths "Portrait Of The Artist As Vogelfutterbüste" – ein Selbstporträt aus Schokolade. Oder eine Miniversion von Meret Oppenheims "Bon appétit, Marcel!" – eine weibliche Teigfigur, die auf einem Schachbrett mit Teller und Besteck zum Verzehr bereitliegt. Robert Gobers "Male and Female Genital Wallpaper", das gezeichnete weibliche und männliche Geschlechtsteile als Tapetenmuster präsentiert, schmückt nun erheblich verkleinert die Wände des oberen Stockwerks, während unten Kopien von Ed Ruschas Schokoladen-Siebdrucken hängen.

Die Guckkastenidee ist übrigens eine Anspielung auf Duchamps letztes Werk: "Etant donnés: 1° la chute d’eau / 2° le gaz d’éclairage ('Gegeben sei: 1. Der Wasserfall, 2. Das Leuchtgas')" – eine Installation, die man nur durch zwei Löcher in einer alten Tür betrachten, nicht jedoch betreten kann. Was man dort erblickt, wirkt schockierend: eine nackte Frau, die mit gespreizten Beinen in der Landschaft liegt. In der linken Hand hält sie eine altmodische Gaslampe; im Hintergrund plätschert ein Wasserfall.

Es ist dieser Wasserfall, der das Projekt ins Rollen brachte. Wenn Caroline Bachmann davon berichtet, leuchten ihre Augen, als könne sie selbst kaum fassen, welche Fülle von Zufällen sie ihrem Gegenüber sogleich enthüllen wird. Duchamp hatte seinerzeit sieben eigene Fotos eines echten Schweizer Wasserfalls als Vorlage verwendet. Jahrzehntelang galt sein Standort als unbekannt. Nur einer kannte ihn schon lange. Bereits Ende der siebziger Jahre, erzählt Bachmann, habe Felix Kälin auf der Suche nach dem Wasserfall ganze 2400 Gemeinden angeschrieben (mit der Schreibmaschine!) und schließlich die Information erhalten, der Wasserfall befinde sich am Genfer See, unweit von Cully – was ausgerechnet exakt der Ort ist, an dem Bachmann und Banz seit einigen Jahren leben.

Doch es kommt noch dicker, denn das Künstlerduo plante gerade ein Symposium über Duchamp, dessen Ankündigung Kälin veranlasst habe, sich bei ihnen zu melden, um das Geheimnis zu lüften. Um das Symposium zu finanzieren, gründeten Bachmann und Banz 2009 den Verein Kunsthalle Marcel Duchamp. Und da man nun einmal den Namen hatte, wollte man auch eine reale Kunsthalle haben.

Jetzt hat das kleinste Museum der Welt erstmals seinen Standort gewechselt und ist vor das (wegen Sanierung geschlossene) Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe nach Darmstadt gezogen. Dort kann man nun vortrefflich über den Originalitätsbegriff in der Kunst diskutieren, über Milchschokolade als Metapher philosophieren, über Zitate und Zufälle nachdenken und darüber, was ein abwesender Wasserfall alles auszulösen vermag.

La Broyeuse de Chocolat

Termin: 21. April bis 3. November 2013, Kunsthalle Marcel Duchamps, vor dem Institut Mathildenhöhe, Darmstadt,

Eröffnung: 20. April, 18.30 Uhr

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Verlag für Moderne Kunst und kostet 20 Euro
http://www.mathildenhoehe.info/www/ausstellungen.html#duchamp

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