Robert Indiana - Zürich

Love was not enough

Pop-Art-Legende Robert Indiana hat den Hippies der sechziger Jahre mit "LOVE" ihr Emblem gemalt. Dass der Künstler ein weit vielseitigeres Werk geschaffen hat, wird gerade wieder entdeckt. Derzeit bei der Galerie Gmurzynska, die in Zürich eine umfangreiche Ausstellung präsentiert.

Ein riesiges Holzrad streckt seine Metallzargen aus. Irgendwann einmal waren daran Seile gespannt, und es trieb in New York eine Maschine an.

Davor steht eine fast mannshohe Indianerfigur mit den Knochen eines Geweihs auf dem Kopf. Räder neben den Füßen erinnern an die altägyptischen Sonnenwagen und an Alberto Giacometti. Auf dem Holzsockel ist in großen Lettern INDIANA geschrieben. "Das Holzrad hat Indiana mitgenommen, als er 1978 New York verließ und nach Norden auf die Insel Vinalhaven vor der Küste des Bundesstaates Maine zog. Die Holzfigur hat er dort gefunden. Vermutlich stammt sie von einem Schiff", erzählt Mitchell Anderson, von der Galerie Gmurzynska. Sie erinnert an die Stämme, die Indiana in den sechziger Jahren mit roten Buchstaben bemalt hat.

Die Skulptur von 1979 stammt wie die anderen Holz-Assemblagen aus dem Besitz des Künstlers erhalten. "Sie standen in einem unglaublich engen Raum eingezwängt, in dem er seine Sache lagert. Wir konnten ihre Kraft gleichwohl spüren", sagt Mathias Rastorfer. Der Galerie-Direktor nennt die Ausstellung "eine Frage des Vertrauens". Manches habe man zwar schon zuvor gezeigt, aber in der Galerie am Züricher Paradeplatz, direkt gegenüber den Grossbanken Credit Suisse und UBS, "stehen sehr persönliche Werke, welche Wendepunkte in der Entwicklung Robert Indianas markieren und eine Offenheit zeigen, wie man sie dem Künstler heute meistens nicht zutraut", sagt Rastorfer.

Die Verbindung

Da lehnt ein Ruderboot an der Wand, das Indiana auf der Insel selbst benutzt hat. In ihm steht ein Skelett, das er beim Trödel aufgetrieben hat und ein Flair von Piraten und Alkoholschmuggel mitbringt. Die Uniformjacke, in dem es steckt, hat Indiana dagegen in seinem Haus gefunden. Auf der Insel Vinalhaven, die vom Hummerfang lebt, hat er ein grosses Gebäude erworben, in dem vor langer Zeit die "Order of the Odd Fellows" ihre Sitzungen abhielt.

Das Kleidungsstück stammt von einem der Mitglieder dieser philanthropischen Gruppierung aus dem 17. Jahrhundert. Ein weiteres Werk zeigt die ersten Zahlen, die Indiana gemalt hat: Vier Kreise umrunden übereinander Indianas Traumszahl 4. Als Träger benutzte er Holz, das er in abgebrochenen Häusern aus dem 19. Jahrhundert gefunden hatte, weil er sich damals keine Leinwand kaufen konnte. Zusammen mit den Skizzen, die der begleitende Katalog abbildet, lässt sich nachvollziehen, wie Indiana grafische und malerische Elemente, Skulptur und Bild, Objet trouvé und künstlerische Setzung miteinander verbindet.

Wiederum andere Werke von 1959 zeigen mit ihren für Indiana typischen Kreisformen eine radikale Härte oder spielen mit in trompe-l'oeil-Manier mit Holzstrukturen, wie das Richard Artschwager später ausformuliert hat. Artschwager hat übrigens 1964 beim Aufbau einer Indiana-Ausstellung mitgeholfen. Eines davon entstand, als der Künstler 1959 seinen Namen Clark in den des Bundesstaates Indiana änderte, aus dem er stammte. Er fand, die USA sollten sich nach den Indianern benennen, die die weißen Siedler fast ausgerottet hatten.

Ambivalenz zwischen Pop Art und Abstraktion

Wer diese Werke sieht, denkt heute an alle möglichen Künstler, aber kaum mehr an Robert Indiana. Der lieferte mit seinen "LOVE"-Bildern der Flower-Power-Bewegung der sechziger Jahre ihr Emblem und wurde schnell darauf festgelegt. Indiana ist Love und dann noch einzelne Zahlen und Buchstaben. Immer frontal in Szene gesetzt, als stünden sie beim Schildermaler im Regal und warteten auf Käufer, so wie Andy Warhol es mit seinen Suppendosen auch tat.

Diese Reduzierung wurde dem Künstler ein Stück weit zum Verhängnis. Der Sommer der Liebe war irgendwann vorbei, ebenso die Lust auf die bunte Welt der Pop Art. Minimal und Konzept-Kunst prägten bald die siebziger Jahre, später kam die Auseinandersetzung mit Aids dazu, Kulturkritik bestimmte die Agenda der Künstler. Wer bösartig war, warf Indiana auch vor, lediglich am Kommerz interessiert zu sein – ein tödliches Verdikt in einer Zeit, in welcher der Händler noch als Feind der Kunst angesehen wurde. Robert Indianas Karriere erlitt einen herben Rückschlag.

Hinzu kam, dass einer seiner wichtigsten Kritiker Mitte der siebziger Jahre überraschend starb und er in der Öffentlichkeit keine Stimme hatte, die auf seine Bedeutung hinwies. Dass er von New York dann genug hatte und Ende der siebziger Jahre aus der Stadt ging und sich ganz zurückzog, half auch nicht gerade. Da war schnell vergessen, wie fulminant seine Karriere gestartet war. Immerhin hatte Indiana sein erstes Bild überhaupt 1962 ans Museum of Modern Art in New York verkauft. Dessen Gründungsdirektor Alfred Barr bezeichnete das Bild "American Dream" schlicht als "faszinierend". Er sah in den vier Feldern aus Ziffern, Sternen und anderen Zeichen die Vielfältigkeit und den Aufbruchsgeist Amerikas verkörpert, wie Mitchell Anderson erzählt.

Neben biografischen Momenten rührt die Zurückhaltung gegenüber dem Werk aber vielleicht auch aus seiner eigenartigen Ambivalenz zwischen Pop Art und Abstraktion. Die Love-Arbeiten, überhaupt, wie Schrift und Zahl auf Leinwänden und in Skulpturen in Szene gesetzt sind, macht die Nähe zum Pop unübersehrbar. Indiana darf als eine der Vaterfiguren der Pop Art gelten.

Nicht von ungefähr hat Jasper Johns ihn nicht in seiner Nähe haben wollen. "Leo Castelli wollte gleich im Jahr nach seiner Johns-Ausstellung Robert Indiana ins Programm nehmen, doch Johns sagte ihm: 'Wenn der kommt, gehe ich'," erzählt Mathias Rastorfer.

Eine neue Sicht

Wer dieses Pop-Flair aber fürs Ganze nimmt, geht ebenfalls schief. Selbst in den berühmten Zahlenbildern ist da eine Härte und grafische Abstraktheit, wie man sie etwa bei einem Andy Warhol oder einem Lichtenstein nicht findet. In ihr zeigt sich eine Nähe zur Hard Edge Malerei. Robert Indiana war mit Ellsworth Kelly eng befreundet. Man lebte mit Agnes Martin und Jack Youngerman zusammen im Coenties Slip, einer Seitenstraße in der Nähe der Fähre zu Staten Island, weit weg von den Kollegen der Pop Art und der Stars des Abstrakten Expressionismus in SoHo. Die beiden hatten sich über den Laden kennengelernt, in dem Kelly seine Farben kaufte. Indiana war damals mittellos und jobbte dort. Der Besitzer erlaubte jungen Künstlern, die er schätzte, eine Vitrine zu gestalten. Als Kelly sie sah, wollte er den Kollegen unbedingt kennenlernen. Die Freundschaft zerbrach bezeichnenderderweise gerade dann, als Indiana begann, Buchstaben und Zahlen auf seine Bilder zu setzen.

Das reduzierte Bild, das die kurzatmige Kunstwelt heute von Robert Indiana hat, soll nun zurechtgerückt werden. Im Herbst wird der dann 85-jährige Künstler im Whitney Museum for American Art in New York seine erste umfassende Retrospektive in den USA überhaupt haben. Einen Vorgeschmack darauf bietet die Ausstellung in Zürich. Eine Legende ist zu besichtigen.

"Robert Indiana, The Monumental Woods"

Galerie Gmurzynska, Zürich, zur Ausstellung erscheint ein Katalog "Robert Indiana: The Monumental Woods", 39 x 31 cm
http://www.gmurzynska.com/exhibitions/2013/zurich/robert-indiana-0

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