Rineke Dijkstra - Interview

Es geht immer um Erkenntnis

Die niederländische Fotografin Rineke Dijkstra ist bekannt für ihre nüchternen bis distanzierten Porträts von Teenagern, Soldaten und Toreros. art sprach mit ihr über Authentizität, weinende Kinder und tanzende Jugendliche in Liverpool.

Frau Dijkstra, Sie haben alle möglichen Menschen fotografiert, wonach suchen Sie, wenn Sie zur Kamera greifen?

Rineke Dijkstra: Bei den meisten Arbeiten suche ich nach spezifischen Eigenschaften von Individuen in Gruppenzusammenhängen. Mich hat immer das Paradox zwischen Identität und Uniformität interessiert. Indem ich mich auf Posen, Haltungen, Gesten und Blicke konzentriere, versuche ich Bilder zu finden. Ich bin immer auf der Suche nach Menschen, die authentisch sind, ich möchte erkennen, wie sie sich von den anderen unterscheiden. Außerdem ist es mir wichtig, dass ich eine Beziehung zu ihnen aufbauen kann. Am Ende geht es dabei immer um Erkenntnis.

Manche Menschen beobachten Sie über längere Zeiträume, andere nicht – wie entscheiden Sie?

"Almerisa" und "Olivier" sind zwei Beispiele für Leute, die ich über Jahre begleitet habe. Almerisa fotografiere ich seit 1994, da war sie sechs Jahre alt. Damals war sie gerade gezwungen, mit ihren Eltern aus ihrer Heimat Bosnien in die Niederlande zu fliehen. Oliver hingegen meldete sich freiwillig bei der französischen Fremdenlegion um ein guter Soldat zu werden. Bei beiden untersuche ich ihre Entwicklung in einer spezifischen sozialen und politischen Situation: Beide waren mit einem Kriegszustand konfrontiert und mussten sich einer unbekannten und unvertrauten Situation anpassen. Olivier entwickelt sich von einem unschuldigen Jungen zur Kampfmaschine in einer der besten und umstrittensten Armeen der Welt. Almerisa, aus ärmlichen, postkommunistischen Umständen kommend, passt sich langsam der westeuropäischen Kultur an. Gerade durch den dokumentarischen Aspekt der Fotografie kann man solche Übergänge sehr gut zeigen.

Also sind Sie neben Persönlichkeit auch am Verlauf der Zeit interessiert?

Es ist faszinierend, über Jahre zu sehen, wie Leute auf spezifische Situationen reagieren und sich weiterentwickeln.

Das ist ein anderer Ansatz als etwa bei Fotojournalisten, die das Berufsethos des unbeteiligten Beobachters pflegen.

Ich denke, es ist wichtig, dass man als Fotograf zu seinem Subjekt eine Beziehung auf einem persönlichen Level aufbauen kann. Bei Almerisa war es für mich faszinierend, wie sie sich über die Zeit der westeuropäischen Kultur anpasste. Auf ihrem ersten Bild kann man sehen, wie sie diese wirklich altmodischen Sachen trägt. Schon auf dem nächsten Foto kann man sehen, wie sich ihre Einstellung verändert hat, Details wie ihre lackierten Fingernägel. Sie trägt ihr erstes im Westen gekauftes Outfit. Ich mag es, diese Details zu betonen.

Sie haben gesagt, Authentizität sei Ihnen wichtig. Aber handelt es sich bei "The Krazyhouse", ihrer jüngsten Videoarbeit über jugendliche Tänzer aus Liverpool streng genommen nicht um Teenager, die eine Art Performance vollführen?

Wie auch in meinen Fotoporträts, versuche ich, Natürlichkeit einzufangen. Ich warte auf den unbeschützten Moment, die Situation, in welcher jemand seine Pose vergisst und sich die wahre Natur eines Menschen zeigt. Die Konzentration auf tanzende Menschen bedeutet nicht, dass mich die Performance im Sinne von Unterhaltung interessiert. Ich wollte das Innerste und ihre Energie festhalten. Während die Tanzenden "im Moment" sind, vergessen sie sich selbst und die Kamera. Dann entstehen wahrhaftige Porträts dieser besonderen Menschen.

In Liverpool haben sie schon Mitte der neunziger Jahre jugendliche Clubgängerinnen für die Serie "Buzz Club" fotografiert. Warum sind sie für die neuen Foto- und Videoarbeiten in diese Stadt zurückgekehrt?

Liverpool ist eine kleine Stadt mit einer langen Musiktradition. In Städten wie Berlin, Paris, London oder New York ist die Gemeinschaft ein Mix aus sehr vielen unterschiedlichen Kulturen – die Leute kommen von überall her. Liverpool dagegen ist authentischer. Ich mag die menschlichen Dimensionen der Stadt. Das macht es leichter, sich in Beziehung zu setzen und Zugang zu der Szene zu bekommen, die mich interessiert hat.

Das Tanzen in Clubs ist eine soziale und weniger isolierte Erfahrung. Sie zeigen die Tänzer als Einzelgänger vor einem weißen Hintergrund – warum?

Wie gesagt, mich hat eher die innere Energie und nicht so sehr der gesellschaftliche Aspekt des Tanzens interessiert. Wenn man die Leute von ihrem Umfeld isoliert, werden sie wie Icons, wie Symbole ihrer selbst. Sie werden autonomer, sie sind nicht mehr so sehr verbunden mit dem besonderen Kontext eines Clubs. Der weiße Hintergrund in meinen Videos funktioniert als dreidimensionaler Raum.

Sie produzieren sowohl Einzel- wie auch Gruppenporträts – was sind die Unterschiede?

Wenn man ein Gruppenporträt macht, herrschen unter den Leuten Beziehungen. Als ich die Schulkinder für "The Weeping Woman" filmte, war es sehr interessant zu sehen, wie eine einzelne Person die ganze Gruppe beeinflusste, ohne es selbst zu merken. Jemand spricht über etwas, und alle greifen es auf oder ignorieren es. Es ist interessant, diese Arbeit mit Gruppen zu machen, man kann das Gruppenbewusstsein arbeiten sehen.

Die Schulkinder in "The Weeping Woman" diskutieren das gleichnamige Bild von Picasso, "Weinende Frau" aus der Tate-Sammlung, ohne dass es selbst im Bild ist. Wieso haben Sie gerade dieses Gemälde ausgewählt?

Ich habe nach einem Bild aus der Tate-Sammlung gesucht, das offen für Interpretationen war. Für mich war es wichtig, dass die Schüler eine Beziehung zu dem Bild aufbauen konnten und darüber ihre eigenen Gefühle und ihre Persönlichkeiten reflektieren. Meine Hoffnung war, dass die Kinder über das Bild etwas von ihrem eigenen Leben offenbaren würden. Weinen ist Ausdruck eines Gefühls, mit dem jeder etwas anfangen kann.

"Rineke Dijkstra - Liverpool"

Termin: bis 27. März, Galerie Max Hetzler, Oudenarder Straße 16, Berlin. Öffnungszeiten Dienstag bis Samstag, 11 bis 18 Uhr
http://www.maxhetzler.com/