Maurizio Cattelan - Retrospektive

Bald wieder da

Ein riesiges Mobile von Maurizio Cattelan hängt in der Rotunde des New Yorker Guggenheim. Das Gebilde aus 128 Arbeiten ist schwer zu überblicken und verführt zum kurzen Überfliegen. Der kleine Hitler, das selbstmörderische Eichhörnchen oder der ertrunkene Pinocchio, alle bekannten Werke begegnen uns hier wieder. Cattelan möchte sich mit seiner ersten Retrospektive "All" aus der Kunstwelt verabschieden. Soll das wirklich "alles" gewesen sein?

Er soll mit dem Gedanken gespielt haben, die Fassade des berühmten Guggenheim Museums rosa anzumalen. Stattdessen entschied sich Cattelan dazu, seine Arbeiten aus den vergangenen 22 Jahren von der Decke des Museums hängen zu lassen. Ein Aufstand gegen Frank Lloyd Wrights Rotunde, in dessen Wirbel ein Künstler zu verschwinden droht und mit der Wright nicht nach den Sternen greifen, sondern Künstler die Hölle erfahren lässt, so sagte es Cattelan dem Kuratoren Francesco Bonami.

Mit einer Reise in die Hölle hat die spektakuläre, gewagte Installation wenig zu tun. 128 von Cattelans Arbeiten wurden zu einem gewaltigen Mobile arrangiert. Da baumelt der kniende Adolf Hitler, auf Knabengröße reduziert, neben dem Foto des armen Mailänder Galeristen, den Cattelan mit Paketband für einen Tag an einer Wand befestigte und der mit Atemnot in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Übervater Picasso mit seinem Riesenschädel hängt ebenso im Raum wie der von einem Meteoriten erschlagene Papst Johannes Paul II., der auf einem roten Teppich durch das Guggenheim zu schweben scheint. Lügenbold Pinocchio wurde über dem Wasserbecken im Empfangsraum der Rotunde platziert, wo er sich 2008 als mit Abstand beste Arbeit einer Gruppenausstellung pünktlich zur Wirtschaftskrise ersäufte.

Wie Würste von der Decke

Der Elefant im Ku-Klux-Klan Kostüm, das Pferd, das mit dem Kopf in der Wand stecken geblieben ist. Das Eichhörnchen, das in der Küche aus Cattelans Kindheit Selbstmord verübt hat. Der geniale Fußballtisch, an dem der italienische Künstler ein Team aus nordafrikanischen Immigranten antreten ließ. Am tiefsten Punkt pendelt das abgemagerte Rennpferd mit dem Namen "Tiramisu" ("Zieh mich hoch"), das Cattelan einst unter die Stuckdecke eines Turiner Museums hängte. Unter dem Ausstellungstitel "All" baumeln all die bekannten Arbeiten als bunter Haufen ohne jegliche Chronologie oder Hierarchie von der Glasdecke. Die Rotunde, auf der sich die Besucher zu den einzelnen Mobilewerken hocharbeiten können, blieb leer. Wie zu erwarten, war Cattelan auch gegen jegliche Texterklärungen. Wer sich nicht die für die Ausstellung entwickelte Application herunterlädt, bleibt auf sich selbst gestellt. In unzähligen Interviews hatte Cattelan erzählt, dass ihn die Guggenheim-Installation an eine Metzgerei erinnert, in der die Würste von der Decke baumeln. Und er wurde nicht müde, mit dieser ersten Retrospektive im Alter von nur 51 Jahren seinen Abschied von der Kunst zu verkünden.

"Ein trauriger Poet"

Es gibt sogar ein Foto, auf dem der Künstler einen Grabstein mit der Aufschrift "The End" unter dem Arm trägt. Die perfekte Inszenierung also. Doch so richtig traut Cattelans Abschiedsworten natürlich niemand. Der Künstler, der in der Vergangenheit fremde Arbeiten klaute und das Ganze "Another Fucking Readymade" nannte, seinen Kollegen Carsten Höller für eine eigene Ausstellung kopierte, auf der Biennale von Venedig seinen Raum einer Werbeagentur überließ, die einen neuen Duft bewarb, und eine Stiftung gründete, mit dessen Geld er nach New York auswanderte, gilt schließlich als Scharlatan der Kunstwelt. Einen "traurigen Poeten" nennt Kuratorin Nancy Spector den bekanntlich von Selbstzweifeln geplagten Künstler. "Ich hatte nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu tun. Nichts mehr zu entscheiden", erzählte Cattelan Kurator Bonami über die Planung von "All". Ein Großteil der Arbeiten sind einzeln als Installationen oder für Fotos inszeniert um ein Vielfaches stärker. Sie büßen in diesem Kunstklumpen, der da so respektlos von der Decke hängt, an Kraft ein. Außerdem werden die Arbeiten den vielen Museumsbesuchern, die nicht mit Cattelans Oeuvre vertraut sind, wenig sagen.

Comeback ausgeschlossen?

Was übrig bleibt, ist ein schnell konsumierbares Spektakel, bei dem die Kunst im Raum schwebend auf Distanz geht – dabei möchte man doch genau das Gegenteil und ihr näher rücken. Cattelan hat für die Zukunft vorgesorgt und wird sich weiter seinem Magazin "Toilet Paper" widmen. Was seinen Abschied betrifft, kann man nur hoffen, dass er es wie damals bei einer Galerie-Ausstellung in der Anfangszeit von 1989 hält, als er ein Schild mit der Aufschrift "Torno Subito" ("Bald wieder da") aufhängte. Die Aktion war der Auftakt zu den vielen gewitzten Aktionen und hintersinnigen Installationen, die folgen sollten. In die Galerie kehrte er allerdings niemals zurück.

Maurizio Cattelan Restrospektive

bis 22. Januar 2012
http://www.guggenheim.org/new-york/exhibitions/on-view/maurizio-cattelan-all

Mehr zum Thema auf art-magazin.de