Hilma af Klint in Stockholm

Schwedische Abstraktion

Hilma af Klint malte abstrakt, bevor Wassily Kandinsky dies für sich beanspruchte. Stockholms Moderna Museet zeigt eine Retrospektive der Schwedin als Pionierin. Die Ausstellung wird ab Juni im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sein. Clemens Bomsdorf hat sie für art schon einmal in Stockholm angeschaut.
Die erste Abstrakte:Die erste abstrakte Malerin

Hilma af Klint: "Svanen Nr. 17", Öl auf Leinwand, 1915

Riesige Leinwände, auf hellem Untergrund geschwungene Linien, die immer wieder Kreise, Blumen- oder Schneckenformationen bilden. Auch Rechtecke sind zu entdecken auf den Bildern der großformatigen Serie "Die zehn Größten", klassische figurative Abbildungen aber fehlen. Das Moderna Museet in Stockholm zeigt eine große Retrospektive der Schwedin Hilma af Klint (1862 bis 1944) und bemüht sich, die kaum bekannte Malerin als "Pionierin der Abstraktion" (so der Titel der Ausstellung) darzustellen. Und tatsächlich kommt man nicht umhin, zumindest darüber nachzudenken, ob sie denn eine solche war. Denn schließlich malte af Klint schon 1906 und 1907 abstrakt, wo doch gemeinhin Wassily Kandinsky (1866 bis 1944) das erste abstrakte Gemälde zugestanden wird – und zwar ein halbes Jahrzehnt später. Darauf hinweisend hat vor gut zwei Jahren Julia Voss in der "FAZ" schon einmal für af Klint und das Moderna geworben, jetzt forderte sie in einer Ausstellungskritk "Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden".

Af Klint dürfte Avantgarde gewesen sein, als sie vor über 100 Jahren davon abließ, nur gegenständlich zu malen und stattdessen Abstraktes formte und Buchstaben und einzelne Worte auf Leinwände schrieb und wie später die Surrealisten automatische Bilder schuf. Sie fing Stimmungen der Zeit ein. Damals wurden unsichtbare Radiowellen entdeckt, und das Unbewusste bahnte sich seinen Weg. Frauen wie sie allerdings sollten doch bitteschön das Malen allenfalls als Hobby haben. Af Klint nannte sich, so schreibt Kuratorin Iris Müller-Westermann im Katalog, im Telefonbuch dennoch Malerin. Ihre abstrakten Werke aber verbarg sie vor der Öffentlichkeit. Künstlerinnen hatten es zu der Zeit besonders schwer. Wohl auch deshalb wandte die Schwedin sich der Theosophie zu. Denn dort wurden die Frauen erstmals als den Männern gleichwertig angesehen und durften jedes Amt bekleiden – und kreativ sein.

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Die Debatte erinnert an den Wettlauf zum Südpol: Wer hat die Abstraktion erfunden? Neuerdings gilt die schwedische Malerin Hilma af Klint als Pionierin, eine Ausstellung tourt durch Europa und wird vom deutschen Feuilleton bejubelt

Die rund 200 Arbeiten, die im Moderna gezeigt werden, sind zum großen Teil abstrakt, vielfach aber zugleich auch sehr dekorativ, pendeln irgendwo zwischen Jugendstil und Esoterik hin und her. Die minimalistische Ausstellungsarchitektur, in der fast durchgängig sogar Teppich und Möbel ganz in Weiß gehalten wurden, verstärkt das Gefühl der Reinheit. Man schwebt gleichsam wie in Watte gehüllt durch die Ausstellung, und die Bilder gehen deshalb vielfach gar nicht richtig nahe. So faszinierend vor allem die großformatigen Arbeiten sind, so wirken doch vor allem jene aus der Schwan-Serie arg illustrativ. Welch Kontrast ihre Tempel-Serie, die leider etwas plump in einen schwarz gehaltenen Raum gehängt wurde – als müsse das Sakrale dieser Bilder mit dem Vorschlaghammer vermittelt werden. Wären die Bilder dort doch bloß schwebend gehängt worden statt einem Altarbild gleich präsentiert zu werden.

Mit Ausnahme eines Landschaftsbildes und der Blumenstudien af Klints nicht-abstrakte Seite komplett auszusparen, ohne dies in einem erläuternden Text zu thematisieren, wirkt als wolle man den Besuchern gar nicht zeigen, dass die Pionierin nicht nur Pioniertaten vollbracht hat. Dem Stockholmer Moderna Museet ist es ein Anliegen, mit dieser Ausstellung selber eine Pioniertat zu vollbringen. Einmal mehr zu zeigen wozu Frauen in der Kunst vor 100 Jahren ebenso fähig waren wie Männer, kann kaum genug Aufmerksamkeit bekommen. Gibt es doch immer noch zu viele Frauen, deren Leistungen vor allem wegen ihres Geschlechts übersehen oder zumindest aber nicht angemessen gewürdigt wurden (dass das New Yorker MoMa af Klint in der aktuellen Schau "Inventing Abstraction" nicht erwähnt, wird mit Hinweis darauf, dass sie zu Lebzeiten nichts Abstraktes ausgestellt habe, erklärt und fällt deshalb nicht zwingend in diese Denkart). Aber nun umgekehrt die Männer vom Thron stoßen zu wollen und af Klint als große abstrakte Malerin und Moderna womöglich als Entdecker installieren zu wollen, wirkt übertrieben. Schließlich muss auch im eigenen Katalog eingeräumt werden, dass es mit Georgiana Houghton schon vor af Klint eine Frau gab, die abstrakt gemalt hatte. So wie auch vor dem Moderna schon andere af Klint Ausstellungen gewidmet haben, zum Beispiel Roel Arkesteijn als er in Arnheim 2010/2011 "Hilma af Klint. De geheime schilderijen van Hilma af Klint, een zweedse pionier" organisierte. So wie af Klint Kandinsky voraus war, war das niederländische Museum womöglich dem Moderna voraus. Aber zum Glück gilt wie Felix Krämer vom Städel Museum sagt: "Die Kunstgeschichte ist kein Wettlauf."

Hilma af Klint - A Pioneer of Abstraction

Moderna Museet, Stockholm
bis 26. Mai 2013

nächste Station der Ausstellung ist der Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin, 15 Juni bis 6. Oktober 2013
http://www.modernamuseet.se/en/Stockholm/Exhibitions/2013/Hilma-af-Klint/

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