Ra Paulette - New Mexico

Ein Berg, eine Vision, ein Mann

Wer Ra Paulettes Werk bewundern will, muss in den Untergrund gehen. In New Mexico, dem Wilden Westen der USA, gräbt der Land-Art-Künstler fantastische Höhlen in die Erde. Eine Reise von der Dunkelheit ins Licht.
Der Cavedigger:Ra Paulette gräbt in New Mexico fantastische Höhlen

In schwindelerregender Höhe arbeitet Ra Paulette mit dem Spachtel an Reliefs für das neueste Projekt: seine "leuchtenden Höhlen", "Luminious Caves", seit 2010

Dies ist eine Geschichte über Untergrund und Oberlichter, Besessenheit und Bodenhaftung, Vision und Wahnsinn, Ehrgeiz und Esoterik, Anerkennung und Erkenntnis, Weltwunder und Wunderheilung, Mutter Erde und Vater Staat.

Vor allem aber ist es eine Geschichte über das rauschhafte Glücksgefühl, das einen Künstler befällt, wenn er mit Spitzhacke und Schippe tiefe Löcher in die Wildnis gräbt.

Am frühen Morgen, der Himmel über New Mexico trägt noch einen Hauch von Pink, bin ich mit Robert Paulette verabredet, einem wettergegerbten Naturburschen, der im Wilden Westen Amerikas einer eigenwilligen Beschäftigung nachgeht. Das Wort Künstler behagt ihm nicht. Er nennt sich "Cavedigger". Heute wird er mich zu seinem einzigartigen "Höhlen-Projekt" führen, ein Privileg, das er nur wenigen Fremden gewährt. In der internationalen Kunstwelt mag Paulette ein Unbekannter sein, in der Gegend um Embudo, nördlich von Santa Fe, ist Ra, so sein Künstlername, "wie der Sonnengott", schmun­zelt er, eine Berühmtheit. Der Kassierer im General Store blinzelt verschwörerisch, wenn man den Namen erwähnt. Letztes Jahr hat ihn Amazon-Milliardär Jeff Bezos sogar zu seinem exklusiven Campfire-Think-Tank eingeladen. Und gerade wurde ein Film über ihn gedreht, der auf der Oscar-Liste stand.

Ra selbst ist von der plötzlichen Aufmerksamkeit eher irritiert. Doch wenn man den 68-Jährigen so vor sich sieht mit lässiger Wollmütze, dunkler Sonnenbrille, Robert-Redford-Lächeln, versteht man den Hollywood-Helden-Appeal: Rich Kid aus den Suburbs von Chicago auf der Suche nach dem wahren Leben. Schmeißt das College und verpflichtet sich mit 19 bei der Navy. Muss zum Einsatz nach Vietnam und zerbricht fast daran. Kommt 1969 nach San Francisco. Verpasst den Summer of Love. Driftet durch die USA. Jobbt als Erntehelfer und Farmarbeiter. Gräbt Brunnen. Sorgt für Behinderte. Beginnt in New Mexico, eine Höhle zu bauen. Und weiß plötzlich, was er will.

Von einem Parkplatz am Ufer des Rio Grande holpern wir in Ras Truck über Schotterpisten den Berg hinauf. Dann geht es zu Fuß weiter, im Gänsemarsch durch die Wildnis, vorbei an knorrigen Wacholderbäumen, Pinien, Kakteen, rotbraunen Lavafelsen. Das ist Ras Reich, dünn besiedeltes Hochland mit bizarren Sandstein-Formationen, Bio-Gemüsefarmern und staubigen Indianerreservaten. Hier gräbt er seit fast 30 Jahren begehbare Höhlen ins Felsmassiv. Keine muffigen, dunklen Verliese, lichtdurchflutete Kathedralen erschafft er unter der Erde, mit glattgeschliffe­nen Wänden, erhabenen Säulen und verspielten Reliefs. Wer sie betritt, sagt er, wird automatisch glücklich. "Ich nenne das den Höhleneffekt. Die einhüllende Architektur, die ungewohnten Perspektiven und das verwunschene Licht erzeugen erst Verwunderung und dann ein tiefes Gefühl von Seligkeit."

Die ganze Geschichte zu Ra Paulette und seinen unterirdischen Kathedralen lesen Sie in der aktuellen
Ausgabe des art Magazins.

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