Ed Atkins und Frances Stark - Düsseldorf

Schmuddelkino an der Kö

Eine Vernissage in der Julia Stoschek Collection ist immer auch ein gesellschaftliches Ereignis. Dieses Mal lud die Sammlerin die Düsseldorfer Kunstszene mit Arbeiten von Ed Atkins und Frances Stark zu Sex-Chats, Leichenschauen und den faszinierenden Tiefen eines Filmseminars ein.

Auf der Schanzenstraße liegt ein ausrangierter Röhrenfernseher im Schmutz. Das hätte man eher in Köln erwartet, aber nicht unbedingt im feinen Düsseldorf. Andererseits ist der Sperrmüll eine gute Wegmarke zu Julia Stoscheks Privatmuseum.

Ihre Videokunst-Sammlung ist auch ein Gnadenhof für ausgediente Fernseher, weil ein Kunstvideo aus den siebziger Jahren nun einmal auf dem Gerät gezeigt werden muss, für das es geschaffen wurde. Auf so einer alten Röhre würden die Arbeiten von Ed Atkins zwar auch laufen, aber beinahe alle Wirkung und vor allem ihren Sinn verlieren. Der britische Künstler dreht im neuesten digitalen HD-Format und lässt schon mal einen frei schwebenden, drei Meter hohen und auf gruselige Weise hyperrealistisch wirkenden Kopf über eine Wimper sinnieren, die der Mensch, zu dem der Kopf gehört, nach einer Liebesnacht unter seiner Vorhaut fand. Oder er montiert 30 Jahre alte Szenen aus einem Kannibalenfilm gegen gestochen scharfe Aufnahmen von Obst. Warum gerade Obst? Weil es auf Stillleben ein Sinnbild der Vergänglichkeit ist und Atkins versucht, Leiblichkeit, Tod und Verwesung in einem technischen Format darzustellen, das diese Begriffe scheinbar hinter sich gelassen hat.

Julia Stoschek besitzt eine der weltweit bedeutendsten Videokunst-Sammlungen, was sicher auch daran liegt, dass sie keine Scheu vor eher schwer konsumierbaren Arbeiten kennt. Das sieht man ihrer siebten großen Jahresausstellung besonders deutlich an – zum ersten Mal zeigt sie keine Gruppenschau mit verschiedenen Attraktionen, sondern Werke von lediglich zwei Künstlern: Ed Atkins und Frances Stark. Beide sind gerade stark im Kommen, aber auch nicht gerade etwas fürs Abendprogramm. Atkins steht auf Totenmasken und Kadaver, Stark auf die Rollenspiele von Online-Sex-Chats. Trotzdem war sich Düsseldorf nicht zu fein zur Vernissage zu kommen und stellte sich allenfalls hinter vorgehaltener Hand die Frage, ob es an der Königsallee der Kunstszene jetzt auch Schmuddelkinos gibt.

Dabei ist die Mischung der Ausstellung sehr gelungen, die unterschiedlichen Künstlertemperamente ergänzen sich nahezu perfekt. Beiden geht es um die Frage, wie die neuen Medien unsere (Selbst-)Wahrnehmung verändern, und beide nehmen die Sache sehr persönlich. Doch während Atkins eher schwerblütig ist, hat Stark komödiantisches Talent. In "My Best Thing" legt sie die Protokolle ihrer Online-Turteleien einem an digitale Playmobil-Figuren erinnernden Adam-und-Eva-Pärchen in den Mund, in "Osservate, leggete con me" arrangiert sie diese zu einer Arie aus Mozarts Oper "Don Giovanni", in der Don Giovannis Diener Leporello die Geliebten des Verführers Revue passieren lässt. Die Einsicht, dass die Anonymität des Chats Fantasien freisetzt und eine Intimität ermöglicht, die man sich sonst nicht gestatten würde, wird hier wunderbar umspielt. In einer hübschen Wandmalerei mit alten Telefonen zeigt Stark zudem, dass auch in analogen Zeiten das Miteinander-Reden schon ein anderes war, wenn man sich nicht im selben Raum befand.

Bei den Videos von Ed Atkins kommt einem ein vielzitierter Satz von Jean Cocteau in den Sinn: "Filmen heißt, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen." Damit ist nicht nur gemeint, dass der Film einen im Nu schon wieder vergangenen Augenblick festhält, sondern auch, dass analoges Filmmaterial selbst altert und verfällt. Beim digitalen HD-Format, das Atkins verwendet, ist das nicht mehr so: Die Datenpakete kennen keine Schlieren, Kratzer oder Verfärbungen, weshalb Atkins diese Alterungserscheinungen teilweise künstlich in seine Bilder integriert. In "Warm, Warm, Warm Spring Mouths" geht es ihm dagegen um die eine menschliche Sache, die man mit digitalen Programmen noch nicht realistisch darstellen kann: Haar. Ein riesiger Wassermann sinniert mit Grabesstimme über Verlust und Tod, während er sein Rapunzelhaar in der Strömung wirbeln lässt. Auf paradoxe Weise erscheint dieser Mangel an Perfektion gerade als der letzte Rest Menschlichkeit, der dieser Figur geblieben ist. Während unsere digitalen Doppelgänger uns das Leben auszusaugen scheinen, schwelgt Atkins in Todesfantasien und rätselhaften Bildwelten, in die man viel hineinlesen – die erklärenden Wandtexte reichen mitunter von der Decke bis zum Boden – oder in die man einfach eintauchen kann. In jedem Fall ergeben sie ein faszinierendes Filmseminar.

Number Seven: Ed Atkins, Frances Stark

bis Februar 2014,
Julia Stoschek Collection,
Düsseldorf,
Geöffnet jeden Samstag 11-18 Uhr
http://www.julia-stoschek-collection.net