Privat - Frankfurt

In der Epoche der Bilderfänger

Wenn Telefon, Computer und Überwachungskamera ständig unser Leben fotografieren, filmen und dokumentieren, und wir fleißig Statusmeldungen bei Facebook hinterlassen – verschwindet dann die Privatsphäre? art-Korrespondentin Sandra Danicke sprach mit Martina Weinhart, Kuratorin der Ausstellung "Privat" in der Frankfurter Schirn. Die Ausstellung spürt der "Öffentlichkeit des Intimen" nach.

Der Titel der Ausstellung "Privat" steht in einem merkwürdigen Widerspruch zum Ort der Präsentation – einer öffentlichen Ausstellungshalle. Wie privat ist das, was hier gezeigt wird?

Martina Weinhart: Und damit sind wir mitten in der Debatte um die sogenannte Post-Privacy, wo es ja im Wesentlichen um die Auflösung des klassischen Gegensatzes von privat und öffentlich geht.

Und was wir sehen, das ist schon sehr privat. Und zwar in unterschiedlichen Zeitschnitten. Die Ausstellung fängt mit Privatheit an, wie wir sie im Kern begreifen: mit Tagebüchern und Amateurfilmen von Familien. Da werden Babys hochgeworfen, Plätzchen gebacken...

Aber dieser einleitende Teil der Schau ist ja keine Kunst.

Nein, aber Privatheit ist erst mal eine Sache der Amateure. Das muss man sich klar machen. Hier wurde Privatheit vordergründig verhandelt. Das war ja das Revolutionäre an der Erfindung der Fotografie, dass man selbst Fotos vom eigenen Leben machen konnte, und damit begann die Karriere der Privatheit im 19. Jahrhundert.

In der eigentlichen Ausstellung haben wir es aber dann mit einer widersprüchlichen Situation zu tun: Wir sehen private Bilder, die nicht für den privaten Gebrauch, sondern für die Öffentlichkeit produziert wurden.

Das ist sicher ein Widerspruch. Privatheit wird in der Kunst unterschiedlich aufgenommen, da scheidet sich auch der Umgang mit dem Material in zwei Phasen. Heute leben wir ja in einer Bilderfänger-Epoche ist, das heißt, die ganzen technischen Geräte – Handy-Foto, Handy-Film – sind in der Lage permanent Fotos zu generieren, und auf diese Weise kann jeder von uns jederzeit zum Bild gemacht werden, von irgendwem. Früher haben Künstler aus einer ganz anderen Motivation heraus über die intimsten Dinge ihres eigenen Lebens berichtet, und für mich war es sehr interessant zu sehen, dass das, was uns heute so plakativ um die Ohren fliegt, diese Öffentlichkeit der Privatheit, eigentlich der Kulminationspunkt einer Emanzipationsgeschichte ist.

Wie das?

Wenn man zurück blickt in die sechziger Jahre, da hat sich die gesellschaftliche Situation noch völlig anders dargestellt. Da gab es noch den Muff der Fünfziger – Vater, Mutter, Kind im Reihenhaus mit Gartenzaun und zugezogener Gardine – die Frau füllte die Rolle des privaten Wesens zuhause aus, der Mann stand in der Öffentlichkeit. Kein Wunder, dass sich daran große Strömungen in der Gesellschaft gerieben haben: Feminismus, Schwulenbewegung, Gegenkultur – die sind Amok gelaufen gegen dieses Modell. Ihr Claim lautete "Das Private ist politisch". Die Strategie war, das Intime radikal nach außen zu kehren und ihre eigenen Lebensmodelle plakativ dagegen ins Bild zu setzen.

Mittlerweile werden wir mit Sex, nackter Haut und Menschen in peinlichen Situationen täglich im Nachmittagsfernsehen überhäuft. Warum sollten wir uns das in einer Ausstellung anschauen?

Mich hat die Frage interessiert: Warum sehen wir uns das überhaupt alles an, und wie sind wir dahin gekommen? Künstler sind Seismografen gewisser gesellschaftlicher Vorgänge.

Früher war die öffentliche Entblößung des eigenen Körpers und die damit einher gehende Grenzüberschreitung ein radikales Statement. Künstlerinnen wie Valie Export oder Marina Abramovic haben ihre Nacktheit eingesetzt, um dadurch Kritik an Geschlechterverhältnissen zu äußern. Zahlreiche Künstler haben ihr unmittelbares Umfeld abgelichtet, um damit unverstellte Aussagen über gesellschaftliche Zustände zu machen. Heute macht das fast jeder. Hat das Leben die Kunst überholt?

Privatheit ist tatsächlich eine Frage der Medien geworden, und in dieser Hinsicht ist das Thema explodiert. Natürlich leben wir heute in einer ganz anderen Bildgesellschaft als noch vor 20 Jahren. Die Bildproduktion hat sich in extremem Maße verselbstständigt.

Woher, glauben Sie, kommt das Bedürfnis, wildfremden Menschen Einblick ins eigene Wohnzimmer zu gewähren?

Einerseits scheint das eine Art anthropologische Konstante, andererseits ist die Konstruktion von Privatheit in jedem Land unterschiedlich. Die radikalsten Beispiele findet man in repressiven Gesellschaften wie Japan oder in einer puritanischen Gesellschaft wie den USA, das schlägt dann in die Gegenrichtung aus. Es ist kein Zufall, dass zahlreiche Künstler, die hier vertreten sind, aus den USA kommen.

Wie hat der Verlust der Privatsphäre die Kunst verändert? Gibt es heute mehr oder weniger Intimität in der Kunst als noch vor 20 Jahren?

Wenn wir uns die etwas älteren Positionen anschauen, etwa die achtziger Jahre, sehen wir schon sehr intime Dinge, etwa von Nan Goldin, der Königin der Intimität: Man hat ja fast das Gefühl alle ihre Freunde zu kennen, weil wir so viele Bilder von ihnen in allen Lebenslagen gesehen haben. Die jüngsten künstlerischen Positionen, die sich mit den medialen Entwicklungen auseinander setzen, die tasten – teilweise ungläubig, teilweise mit moralischen Hintergrund, teilweise aus Neugier – diesen Kosmos ab und zwar in alle möglichen Richtungen, als Bildersammler, Archivare oder indem sie bestimmte Dinge aus dem Internet zuspitzend abbilden.

Ist das eine neue Form von Dokumentarfotografie beziehungsweise –film?

Ich würde den Begriff sozialer Realismus bevorzugen. Es steht immer ein ästhetisches Interesse dahinter. Das kann man gut an zwei Positionen ablesen, die sich mit Google Street View befassen. Michael Wolf und Edgar Leciejewski, die sich beide des gleichen Phänomens annehmen, aber zu komplett unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Was unterscheidet Künstlerschnappschüsse, wie sie in der Ausstellung von Dash Snow zu sehen sind, von privaten Schnappschüssen? Und wieso wird aus gesammelten und präsentierten Amateurfotos, wie sie etwa Fiona Tan zeigt, Kunst?

Das Interessante ist ja, dass Privatheit natürlich sehr viel mit Authentizität zu tun hat, aber wir wissen alle, dass Authentizität immer auch eine Konstruktion ist und dass Künstler in der Fotografie einiges dafür tun mussten, die Authentizität in der Fotografie überhaupt zu etablieren. Dash Snow wirkt natürlich extrem authentisch, weil das eine sehr beiläufige Fotografie ist.

Man fragt sich aber schon, inwieweit diese Spontaneität inszeniert ist.

Genau. Das ist aber immer der Kern, der da drin steckt. Wenn man eine Analyse von Nan Goldins Fotos machte, stellte man fest, dass das hochprofessionelle Bilder sind. Die vermeintlichen Unzulänglichkeiten sind häufig Stilmittel.

Einige der ausgestellten Künstler befassen sich explizit mit den Auswüchsen der Neuen Medien: Leo Gabin hat gefundene Youtube-Filmchen montiert, Evan Baden stellte aufreizende Mädchen-Posen aus sozialen Netzwerken nach. Mit welcher Form von Authentizität haben wir es hier zu tun?

Es ist natürlich ein Riesenunterschied, ob ich Bilder von mir und meinen Freunden publik mache oder ob diese Bilder von irgendwem eingefangen werden. Wenn man sich zum Beispiel die nachgestellten Mädchenfotos von Evan Baden ansieht: Dass Mädchen sich völlig naiv in dieser Form mit dem Handy fotografieren und das ins Netz stellen, ist ein gigantisches Problem. Dass es in dieser ganz jungen Generation, die ja mit dem Phänomen aufwächst, tatsächlich einen total naiven Umgang damit gibt, was das Loslassen der eigenen Bilder bedeutet, darauf muss man den Blick schärfen.

Der Betrachter der Ausstellung findet sich nicht nur unversehens in der Position eines Voyeurs. Es gibt auch mindestens zwei Arbeiten, bei denen es schwer fällt, überhaupt hinzusehen: Stan Brakhage filmte hautnah die Geburt seines ersten Kindes, Leigh Ledare fotografierte seine Mutter beim Sex mit jüngeren Männern. Gab es keine moralischen Bedenken, diese Bilder zu zeigen?

Ich habe diese Ausstellung bewusst als Grenzüberschreitung konzipiert. Als Erzählung geht sie immer an die Grenze und häufig darüber hinaus. Die Ausstellung soll den Besucher ein bisschen überfordern, um ihn zu zwingen, eine Haltung gegenüber dem Thema einzunehmen.

Unglaublich, dass der Film von Brakhage bereits 1959 entstand!

Privatheit wird ja permanent neu verhandelt. Bei Brakhage bildet sich das am stärksten ab. Feministinnen waren empört, weil sie fanden, dass es ihm nicht zusteht, über den Körper seiner Frau zu verfügen. Zugleich gab es damals Männer, die sich übergeben mussten, als sie den Film sahen. Im mittleren Westen Amerikas wurde der Künstler sogar mit Waffen verfolgt. Heute läuft Vergleichbares rund um die Uhr im Fernsehen. Das ganze Bilduniversum, dem wir täglich ausgesetzt sind, hat eine gewisse Abstumpfung mit sich gebracht.

Dass ein Sohn seine Mutter in Porno-Posen fotografiert, ist aber auch heute noch schockierend.

Den Sex der eigenen Mutter zu zeigen, ist natürlich das größte Tabu. Aber eine vergleichbare Grenze hat auch Marilyn Minter überschritten, als sie ihre tablettensüchtige Mutter fotografierte. Oder Richard Billingham, der seine total verwahrlosten Eltern abbildete. Für mich war es ganz wichtig, diese Bilder zu zeigen, weil sie wie eine Art Exorzismus funktionieren. In diesen Arbeiten steckt ein kathartisches Moment.

Was kann nach der Post-Privacy noch kommen?

Die Utopie der Post-Privacy ist: Wenn wir alles transparent machen, winkt ein wunderbares Land, in dem niemand mehr etwas zu verbergen hat und wir alle an einem Strang ziehen. Aber ich hege da doch meine Zweifel.

Privat

Schirn Kunsthalle
bis 3. Februar 2013

Der Katalog zur Ausstellung ist erschienen bei Distanz Verlag, Berlin 2012, für 27,80 Euro (Schirn) und 38 Euro (Buchhandel)
http://www.schirn.de/ausstellungen/2012/privat/privat-ausstellung.html