10. Manifesta 2014 – Interview mit Kasper König

Wo ist die Perestroika?

Die ganze Welt schaut auf Russland. Die Situation in der Ukraine, die Grenzen künstlerischer Freiheit und homophobe Gesetze – in St. Petersburg kuratiert Kasper König eine Manifesta, die politisch unter Druck geraten ist. art sprach mit dem deutschen Kunstprofessor und Kurator über die Wander-Biennale.
In heikler Mission:Kasper König über die Manifesta in St. Petersburg

Kasper König, der Kurator der 10. Manifesta.

art: Die Kunstbiennale Manifesta hat sich bei der Auswahl ihrer Orte stets an politischen Fragestellungen orientiert. Was war die Absicht bei der Entscheidung für St. Petersburg, die ja weit vor dem Ukraine-Konflikt fiel?

Kasper König: Es ging zunächst darum, endlich eine Manifesta in Osteuropa stattfinden zu lassen. Und Michail Piotrowski, der weltoffene Direktor der Eremitage, sah sofort eine Chance, das 250-jährige Jubiläum des Museums zu nutzen, um in Verbindung mit der Manifesta auch zeitgenössische Kunst zeigen zu können. Dazu musste er die Stadt, die ja ultrakonservativ ist, von dem Projekt überzeugen. Der Bürgermeister ist von Medwedew ernannt und ein religiös-orthodoxer Mensch.

Was war Ihre ursprüngliche Absicht mit der Manifesta 10?

Mein Ansatz war nicht primär politisch, sondern strukturell. Ich habe gefragt, wo denn die Erzeugnisse von über 20 Jahren postsowjetischer Zeit spürbar sind. Wo ist die Perestroika spürbar, wo der Stalinismus?

Einige Künstler wie Vladislav Mamyshev-Monroe, Nicole Eisenman oder Wolfgang Tillmans thematisieren Homosexualität.

Fast zeitgleich mit der Vertragsunterschrift kam dieses unsägliche homophobe Gesetz auf. Darauf wird in der Ausstellung vielfältig reagiert, denn die Künstler wurden vor einem Dreivierteljahr eingeladen, haben damals ihre Projekte entwickelt.
 

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Mittlerweile agiert das Festival in einer weltpolitisch völlig anderen Situation. Welchen Einfluss hat das?

Vier Wochen vor der Eröffnung haben wir eine Situation, wo ich immer noch nicht weiß, wer für und wer gegen uns ist. Ich halte es auch immer noch nicht für ausgeschlossen, dass die Manifesta abgesagt wird.

Das wäre ein Skandal.

Es wäre ein Skandal, weil es sofort politisch interpretiert würde. Und das wohl zu Recht, obwohl es nicht an konkreten zensurpolitischen Momenten gelegen hätte.

Woran dann?

Die prekäre politische Situation im Moment führt zu einer Verhärtung der Art, dass die Leute tun, als wäre nichts. Einerseits muss alles vorher klipp und klar gemacht werden, wenn es an die Umsetzung geht, sind aber alle Absprachen plötzlich hinfällig. Fallen und Intrigen kann ich nicht wirklich durchschauen. Oder ich glaube, welche zu erleben, aber in Wirklichkeit ist es Indifferenz. Das sind alles nachsowjetische Eigenheiten, wo man nie weiß, ist das jetzt Ignoranz oder Kontrolle. Dieses System beschädigt die Seele.

Und wie verhält sich Michail Piotrowski?

Piotrowski ist ein großartiger Gesprächspartner. Er ist zwar in der Sowjetunion sozialisiert. Aber immerhin gehört er zu den drei Leuten, die dem Aufruf des Kulturministers Wladimir Medinski, die Politik von Putin öffentlich zu belobigen, nicht gefolgt sind.

Gibt es Reaktionen in der russischen Öffentlichkeit?

Die Rezeption der letzten Wochen war extrem aggressiv. Man unterstellt uns, wir machen das nur für den kleinen Künstlerzirkel und den Kunstbetrieb im Westen. Also genau das Gegenteil von dem, was eigentlich unser Anliegen ist. Ich will hier kein Disneyland, ich will hier keine Oligarchen-Kunst.

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Sondern?

Zum Beispiel ist mir die Abstraktion als Phänomen besonders wichtig. Sie ist in Russland entstanden, gerade dort aber verschwunden. Deswegen arbeite ich mit Künstlern wie Otto Zitko, die dieses Erbe reflektieren.

Das Fotoprojekt des ukrainischen Künstlers Boris Mikhailov zu den Kämpfen auf dem Maidan birgt besonderen Sprengstoff.

Es kann schon geschehen, dass irgendwelche Kosaken uns da auf den Putz hauen. Aber diese Bilder sind sehr theatralisch. Diese ganze Szenerie mit den Barrikaden aus Reifen wurde ja vor allem für die Medien installiert. Das wirkt bei Mikhailov sehr malerisch.

Wie stehen Sie mittlerweile zu den Forderungen, die Manifesta zu boykottieren?

Ich kann diese Argumente nachvollziehen, aber ich bin pragmatisch und daher anderer Ansicht. Unangenehm ist, dass Dinge, die man rational zu erläutern versucht, einem als Opportunismus ausgelegt werden.

Wann wäre die Manifesta ein Erfolg für Sie?

Es wäre schön, wenn es in drei oder vier Jahren rückblickend etwas bewirkt hätte. Aber ganz ehrlich: Bildende Kunst hat schon seit Jahren keinerlei Bedeutung mehr in Russland. In St. Petersburg will keiner eine Veränderung.

Was nicht nur negativ ist, oder?

Ja, die Eremitage ist deswegen so singulär, weil sie nicht durch die chemische Reinigung mit zig Rolltreppen, westlichem Marketing und Supershops gejagt wurde. Wenn es gelingt, dass die Eremitage noch zehn Jahre so weiterlebt, dann ist sie ein Weltkulturerbe, wo man das Museum noch erleben kann, wie es einmal gemeint war.

Und ihre persönliche Abschlusserfahrung?

Ich hatte Zeiten, wo ich ziemlich deprimiert war und mich manchmal mutterseelenallein fühlte. Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass ich irgendwann später in diese schöne Stadt zurückkehren kann, ohne die Manifesta als Hypothek zu empfinden. Daran arbeiten wir jetzt alle sehr intensiv mit einem wunderbaren Team.

Der Artikel erschien zuerst in art - das Kunstmagazin, Ausgabe 7/2014

Manifesta 10 – Die Europäische Biennale zeitgenössischer Kunst

Die Wander-Biennale findet zum ersten Mal in Russland statt. Eröffnet wird sie am 28. Juni und läuft bis zum 31. Oktober. Sie besteht größtenteils aus eigens geschaffenen Werken, die in der Eremitage gezeigt werden. Wer die Schau besuchen will, sollte sich rechtzeitig um ein Visum kümmern.
http://manifesta.org/