The Collection - London

Komische Maschinen, kosmische Tänzer

Eine dreiwöchige Kooperation zwischen der Londoner Victoria Miro Gallery und dem Tanzstudio der Choreografin Siobhan Davies lotet mit einer Ausstellung und Performances die Schnittpunkte zwischen Tanz und Kunst aus.
Wo liegen die Schnittpunkte zwischen Tanz und Kunst?:"The Collection" in London

Siobhan Davies Dance: "Minutes", 2009. Performance in der Victoria Miro Gallery, London

Der peinlich lange Händedruck, mit dem sich zwei Tänzer begrüßen, verwandelt sich in frenetisches Rennen in alle vier Himmelsrichtungen. Sie versuchen sich gegenseitig aus dem Gleichgewicht zu bringen, die sie umgebenden Zuschauer werden zum Hindernis, das umgangen werden muss.

Wenn sie immer wieder fast gravitätisch den Raum durchschreiten, erinnert das sowohl an Richard Longs künstlerische Wanderungen als auch an die den Raum ausmessenden Bodenskulpturen von Carl Andre. Die abgehackten, kontrapunktischen Bewegungen eines zweiten Tänzerpaars, das sich auch mithilfe von Satzfetzen und Musik ausdrückt, lassen an Kurt Schwitters’ "Ursonate", das "Triadische Ballett" von Oskar Schlemmer und die komische Präzision der mechanischen Skulpturen von Jean Tinguely denken. Ein fünfter Tänzer, ganz auf sich selbst und den eigenen Körper konzentriert, vollführt zum Klang eines Metronoms weit ausholende Armbewegungen und yogahafte Atemübungen. Neben den Tänzern steht, ein wenig verloren, "A Solo in the Doldrums" (2009) von Anri Sala, eine Trommel, die ab und zu wie geisterhaft zu schlagen beginnt.

Das neue Tanzstück "Minutes" (2009), das die Artikulation und den Rhythmus des menschlichen Körpers untersucht, ist das Ergebnis langer Diskussionen zwischen Chroreografin Siobhan Davies und Galeristin Victoria Miro über die Schnittpunkte und gegenseitigen Beeinflussungen von Kunst und Tanz. Ihre Zusammenarbeit nennen die beiden "The Collection" und zeigen sie teils in Miro’s Galerie, teils im Tanzstudio der Choreografin. Dort hat sich der Plastiker Conrad Shawcross eingenistet. Er baut Maschinen, die in diesem Fall Bewegung sichtbar machen. Etwa eine Zeichenmaschine, die das allmähliche Abebben eines Dreiklangs als sich verjüngende Spirale zu Papier bringt. Und im großen Tanzstudio mit hölzernem Gewölbedach hat er "Slow Arc Inside a Cube III." (2009) installiert, einen Drahtkäfig, in dem ein mit einem Licht versehener rotierender Arm sich ständig verändernde, ins Unendliche vergrößerte Schatten wirft. Ein mechanisches Ballett ohne Tänzer.

Bunter Sternenhimmel und eine flimmernde Megastadt

Für den Zuschauer beginnt der Rundgang bei Victoria Miro mit "Lying in Wait" (2009), einer dreiteiligen Videoinstallation von Idris Khan mit der Tänzerin Sarah Warsop, die in einer Bibliothek tanzt, eingeengt von den Bücherregalen, bewegt auch von rasanten Schnitten und Überblendungen. Draußen im Garten dann "Narcissus Garden" von Yayoi Kusama: Auf dem Wasser eines Teiches schwimmen Dutzende von silbrig glänzenden Metallbällen, stoßen klirrend aneinander und formen immer neue Konstellationen, und aus den Büschen hört man die rhythmischen Töne der Klanginstallation "Woods So Wild" (2009) von Susan Philipsz, eine nostalgische Erinnerung an James Joyce’s Tochter Lucia, die leidenschaftliche Tänzerin, die ihm Wahnsinn endete.

Nach Siobhan Davies’ Tanzstück im "White Cube", dem blendend weißen, l-förmigen Galerieraum, das mit ritualhaften Wiederholungen sechs Stunden dauert, dann weitere Arbeiten von Galeriekünstlern, die Bewegung zum Thema haben. Etwa ein an einem Seil aufgehängter, sich absurd drehender Tisch des Schweizers Roman Signer und "Gleaming Lights of the Souls" (2008) von Yayoi Kusama, ein Spiegelkabinett mit farbigen Glühbirnen, ein unendlicher bunte Sternenhimmel und eine flimmernde Megastadt bei Nacht. Wo genau die Schnittpunkte zwischen Tanz und Kunst liegen, vermag die Schau zwar nicht klar zu beantworten, doch der Versuch allein ist der Mühe wert.

"The Collection"

Termin: bis 9. April, Victoria Miro Gallery, London.
http://www.victoria-miro.com/exhibitions/_395/