Junge Kunst am Kap - REISETAGEBUCH SÜDAFRIKA V

Xhosa-Traditionen, Street Art und Gummi-Bondage

Unsere Autorin Camilla Péus reist von Kapstadt nach Johannesburg und besucht, exklusiv für art, sieben Künstler, deren (exotische) Namen man sich merken sollte. Außerdem: Szenen aus dem neuen, spannenden Kunstkosmos mit Berichten über Ateliers, Galerien, Performance-Festivals und Ausstellungen. Tag V: Street Art-Bestseller, Gummischläuche als Investment und die jüngsten Galerien.
Xhosa-Traditionen, Street Art und Gummi-Bondage:REISETAGEBUCH SÜDAFRIKA – Teil V

Atelierbesuch: Zwei Assistenten des Künstlers Nicholas Hlobo fädeln rote Bänder durch Gummischläuche

Johannesburg, August House, 10 Uhr

Nach dem dritten Klingeln öffnet sich die schwere Eisentür. Kudzanai "Kudzi" Chiurai begrüßt uns schüchtern. Er macht nicht den Eindruck, als würde er sich an unsere Verabredung erinnern. Kudzi streckt sich, gähnt, zieht eine gelbe Tagesdecke über sein Bett, das er aus Kunst-Transportkisten gebaut hat, schlendert in die Küche seines Wohnateliers und rührt sich einen Pulverkaffee an.

Nirgendwo in dem 200-Quadratmeter-Loft im "August-Haus" in Doornfontein, wo auf fünf Etagen Künstler wohnen und arbeiten, sind Werke von Kudzi zu sehen. Keine der mit Schablonen, Farbspray und Text bearbeiteten Leinwände im Street-Art-Stil, die von dem täglichen Überlebenskampf der Asylanten und Arbeitslosen im Schmelztiegel Johannesburg handeln. Keine Straßenszenen mit Hochhausschluchten und zersprungenen Fensterscheiben, zu denen ihn der Blick von seinem Balkon inspiriert. Und keine der großformatigen Fotografien aus der Serie "The black president", die zu den Bestsellern seiner ausverkauften Show in der Goodman Gallery – einer Art südafrikanischem Äquivalent der Gagosian Gallery – gehörten. "Sie sind alle verkauft", sagt Kudzi und schaut in seinen Kaffeebecher. Das einzige, was das Loft zum Künstleratelier macht, sind drei große Linoleummatten auf dem grauen Betonboden, die Kudzi mit Rillen und Kerben bearbeitet hat.

Seit die Galerie den 28-jährigen Künstler entdeckt hat und seine Fotoarbeiten und Gemälde auf den Messeständen der Art Basel, der New Yorker Armory Show und auf der Paris Foto ausstellte, geht seine Karriere steil bergauf. Vor allem amerikanische Kunden lieben seine Arbeiten – besonders die satirischen wie eben "The Black President". Kudzi zeigt uns die Fotos auf seinem Computer. Für die Serie schlüpfte ein bekannter Fernsehmoderator in die Rollen der Minister im Präsidentenkabinett, ausstaffiert wie ein Hip-Hop-Star: Als Finanzminister trägt er einen Zobel und protzige Klunker, als Verteidigungsminister einen Leopardenfellumhang und Maschinengewehre – und erfüllt damit alle Klischees korrupter Politiker.

Kudzi war der erste schwarze Student der Kunsthochschule von Pretoria

Kudzanai Chiurai kam im Jahr 2000 von seiner Heimat Zimbabwe nach Südafrika, absolvierte als erster schwarzer Student die Kunsthochschule in Pretoria und wurde von der Fakultät zum "vielversprechendsten Studenten" gewählt.
Seine Kunst wurde zunehmend radikaler, politischer und sarkastischer, nachdem der Diktator Robert Mugabe 2002 die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen fälschte, Farmen enteignete und viele Bewohner des Landes nach Südafrika flohen. Anlässlich der Wahlen 2008 entwarf er Wahlplakate, die Mugabes Kopf in Flammen zeigte. "Dafür hätte man mich in meiner Heimat ins Gefängnis gesteckt", sagt er. Mittlerweile würden sie ihn auch nicht mehr ins Land einreisen lassen.

August House, ein Stockwerk tiefer, 14 Uhr

Im selben alten Art Déco-Gebäude arbeitet auch der Künstler Nicholas Hlobo. Normalerweise. Jetzt gerade machen er und seine beiden Assistenten Tiba und Mussa Mittagspause. Nicholas Hlobo rührt in dem Hühnereintopf, der auf einem Campingkocher brodelt und setzt sich auf die Schaukel in der Mitte seines Turnhallen großen Ateliers. Seinen Tirolerhut behält der 35-Jährige auf. Er hat sich seine Dreadlocks abschneiden lassen und ist nicht besonders stolz auf seine kurzen Locken.

Nicholas Hlobo kreiert gerade das letzte Werk für seine Soloschau in Johannesburg. Die Ausstellung ist Teil des renommierten Kunstpreises "Standard Bank Young Artist Award für visuelle Kunst", den er 2009 gewann. Seine Assistenten fädeln rotes Geschenkband durch Löcher, die sie in einen Gummischlauch stanzen. Der wiederum ist auf ein khakifarbenes Feldbett genäht. "Upholelwe" heißt der Xhosa-Titel seines Werks. Es bedeute "er ruht sich im Schatten aus", oder "er relaxed", sagt Nicholas Hlobo und erklärt: "Die Installation symbolisiert Xhosa-Rituale rund um das Erwachsenwerden. Es geht um die manchmal schmerzlichen Konsequenzen einer durchfeierten Nacht, um Erkenntnisse, mit denen man lernen muss umzugehen." Eine dieser Erkenntnisse ist für Hlobo selbst die Homosexualität. "Ich bin schwul und habe es mir erst spät eingestanden. In der Xhosa-Gesellschaft ist Homosexualität ein Tabu."

Xhosa-Traditionen, Gummi-Bondage und Geschenkband

Auch die Materialien seiner Werke wie schwarzes Gummi oder Leder und rosarote Seiden- und Organzabänder stehen einerseits für das Maskuline, erinnern an Kondome und an Bondage, andererseits an das Feminine, Zarte und Verletzliche. "Das Material wird zerschnitten, gestanzt, genäht – wie eine Wunde, die jemandem zugefügt wird und dann wieder verheilt", sagt Nicholas Hlobo. "Ich habe noch lange nicht erreicht, was ich erreichen will", so Hlobo, dessen Installation "Uhambo" Anfang 2009 in der Londoner Tate zu sehen war und dem die Galerie Extraspazio in Rom im selben Jahr eine Einzelausstellung widmete. Er zeigt auf das Nest eines Webervogels auf dem Arbeitstisch. "Diese Verflechtungen sind meine Inspiration für die Writings". "Schriftstücke" nennt der Künstler seine Papierarbeiten, große Aquarellbögen, durch die er bunte Geschenkbänder fädelt und auf die er kleine Gummifetzen appliziert. "Wenn ich glaube, dass ein Werk fertig ist", sagt Nicholas Hlobo, "dann stelle mir vor, ich sei der Käufer und frage mich: macht es mich glücklich, die Arbeit jeden Tag anzuschauen?".

Junge Galeristen auf dem Vormarsch

"Wir sind gespannt auf seine neuen Arbeiten", sagt David Brodie, Leiter der Johannesburger Galerie Brodie/Stevenson und eilt zurück in sein Büro, wo er mit der Kuratorin der Standard Bank Gallery die letzten Details für Nicholas Hlobos Ausstellung bespricht. Bei Brodie/Stevenson stellt gerade der Künstler Michael Mac Garry Skulpturen, Fotos und Zeichnungen aus. Auch Maschinengewehre sind darunter, gespickt mit rostigen Nägeln, die er als "neuen afrikanischen Fetisch" bezeichnet. Mac Garrys Thema ist Chinas wachsender wirtschaftlicher Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent und die Jagd auf Bodenschätze.

Auf junge südafrikanische Künstler setzt auch der neu eröffnete Projektraum CO-OP Art Space in Johannesburg, eine Dependance der Whatiftheworld Galerie aus Kapstadt. Die ehemalige Autoauffahrt neben der Galerie wurde kurzerhand ins Konzept integriert und dient nun als schräger Showroom für die Möbelkreationen des Designduos "Doktor and Misses". "Weil die Auffahrt sich auch prima als Tribüne eignet, verwandeln wir den Raum auch ab und zu in ein Kino", sagt die Leiterin Katrin Lewinsky, die in den neunziger Jahren Ausstellungsmacherin im Berliner KW Institute for Contemporary Art bei dessen Gründer Klaus Biesenbach war, und seit ein paar Jahren in Johannesburg lebt.

In der Dämmerung fahren wir die Jan Smuts Avenue entlang, die sich kilometerweit durch die Vororte von Johannesburg schlängelt – unter Jacaranda-Bäumen hindurch und an hohen weißen Mauern und Eisentoren vorbei, durch die man einen kurzen Blick auf repräsentative Anwesen erhascht. In einer Seitenstraße liegt die Galerie Momo. Gegründet von dem Kurator und Kritiker Monna Mokoena, ist sie die erste "schwarze" Galerie der Stadt. Seit drei Jahren ist die Galerie, die in ihrer schlichten, raffinierten Form und den breiten Glasfronten an einen Bungalow von Richard Neutra erinnert, eine der interessantesten Adressen für afrikanische und internationale Kunst.

Auch an der nächsten Kreuzung fällt ein ungewöhnlicher Bau auf, ein ovaler Raum mit Lamellenfassade, angestrahlt in Regenbogenfarben. Die Galerie "Circa on Jellico" hat sich der Galerist Mark Read Ende 2009 von den Architekten StudioMAS errichten lassen – nur ein paar Meter hinter seinem riesigen Stammhaus, der Everard Read Gallery, die bereits 1913 gegründet wurde, als Johannesburg noch eine Minen-Stadt war. In dem futuristischen Neubau inszeniert Mark Read ausschließlich zeitgenössische afrikanische Kunst. Damit ist er einer von vielen Galeristen und Kunstkennern, die junger Kunst aus Südafrika eine große Zukunft voraussagen.