Mike Kelley - Whitney Biennale

Ein wahres, unglaubliches Stück Leben

Der amerikanische Künstler Mike Kelley verabschiedete sich vor wenigen Wochen von der Welt und nahm sich im Alter von 57 Jahren das Leben. Im März wird Kelley, der als einer der einflussreichsten Künstler seiner Generation gilt, mit einer außergewöhnlich persönlichen Arbeit bei der Biennale im New Yorker Whitney Museum vertreten sein.
Ein Zuhause auf Rädern:Mike Kelley ließ sein Elternhaus durch Detroit fahren

Mike Kelley (1954-2012): "The Mobile Homestead", 2010, vor dem stillgelegten Hauptbahnhof von Detroit

Vor zwei Jahren hatte er sich in seiner Geburtsstadt Detroit auf biografische Spurensuche begeben. Es handelte sich um das erste öffentliche Kunstprojekt des in Los Angeles lebenden Kelley, das er später als "einen Alptraum" bezeichnete. Nichts lief wie er es sich vorgestellt hatte. Ursprünglich hatte Kelley sein Elternhaus kaufen wollen. Es liegt in Wayne, einem Vorort von Detroit, wo in den fünfziger und sechziger Jahren überwiegend Arbeiter der amerikanischen Autoindustrie und den Firmen Ford, Chrysler und General Motors lebten. Dass Kelley als ein Kind der Arbeiterklasse aufwuchs, floss immer wieder in seine Arbeiten ein. Aber die heutigen Bewohner weigerten sich, ihm sein ehemaliges Elternhaus zu überlassen. Also entschied er sich für einen originalgetreuen Nachbau mit einem unterirdischen Tunnelsystem. "Der Tunnel sollte dieser geheime Ort für Künstler sein, an dem sie ihre Sachen machen können", erklärte Kelley im Interview mit art. Konkret sollten es zwei unterirdische Stockwerke mit Ateliers als ironische Anspielung auf den künstlerischen Underground werden. Gleichzeitig war der Kellerbau als Spiel mit dem Unterbewusstsein, mit unterdrückten Sehnsüchten und verschütteten Erinnerungen zu verstehen, die dieses Haus für ihn präsentierten. Was grundsätzlich eines der großen Themen von Kelleys Arbeiten war. Die unterirdischen Räume wollte er auch für eigene Projekte nutzen. Doch Kelley bekam von der Stadtverwaltung keine Genehmigung für seinen Tunnelbau.

Also wurde der Nachbau des Eigenheimes "Mobile Homestead" an einen Lastwagen gespannt und durch Detroit gekarrt, bis er in Downtown vor dem Museum of Contemporary Art Detroit geparkt wurde. Wo das kleine weiße Vorort-Häuschen mit dem Gartenzaun architektonisch nicht passte und gesellschaftspolitische Fragen aufwarf, die ihn bei dem Projekt gar nicht interessiert hatten, so Kelley. Immerhin gönnte sich der Künstler einen persönlichen Spaß und wollte mit seinem Arbeiterklasse-Domizil Greenfield Village umkreisen, wo Autohersteller Henry Ford in einem Freilichtmuseum Häuser von berühmten Persönlichkeiten wie Thomas Edison oder den Wright Brothers hatte nachbauen lassen. Doch das Projekt stand unter einem schlechten Stern. Die erste Fahrt von "Mobile Homestead" schlug wegen eines platten Reifens fehl, worüber Kelley sehr niedergeschlagen gewesen sein soll. Im Innenraum hatten die Küche seines Elternhauses, die Schlafzimmer und die Garage nachgebaut werden sollen. Das mobile Heim sollte als Gemeindezentrum für Grill-Partys oder auch Blutspenden-Aktionen eingesetzt werden. Bislang ist aus den Plänen nichts geworden.

Doch der Künstler nutzte das fehlgeschlagene Projekt, um Dokumentarfilme zu drehen und die Menschen entlang der Michigan Avenue zu interviewen, die sich von Downtown Detroit bis in die Vororte erstreckt. "Arabische Immigranten, das lateinamerikanische Ghetto, Prostituierte, schwarze Vorstädte, weiße Arbeiter-Gegenden. Von den Slums bis zum Hauptsitz von Ford", erzählte Kelley. "Ein wahres, unglaubliches Stück Leben." Drei Filme werden nun bei der Whitney Biennale gezeigt. Gemeinsam mit einem Text über "Mobile Homestead", den Kelley für die Ausstellung geschrieben hatte. Der Künstler, der zum achten Mal bei der Biennale im Whitney vertreten ist, hatte eine starke Verbindung zu dem Museum. 1993 fand dort seine erste Retrospektive "Mike Kelley: Catholic Tastes" statt, die weiter nach Los Angeles und München reiste. Das Cover des Kataloges zeigt Kelley als Hausmeister beim Saubermachen. Sein Vater arbeitete als Hauswart in öffentlichen Schulen, Kelley selbst jobbte während seiner College-Zeit als Hausmeister und erlaubte sich mit dem Cover-Foto einen persönlichen Witz.

Obwohl der Künstler bereits 1978 nach Los Angeles gezogen war, wo er bis zu seinem Tod lebte und arbeitete, muss er eine starke Verbindung zu seiner Heimatstadt gefühlt haben. Seiner Familie gegenüber empfand er sich als Fremdling, so Kelley. "Ich konnte über nichts mit ihnen reden." Die Zukunft von Kelleys rollendem Elternhaus war zu Lebzeiten des Künstlers ungewiss. Große Illusionen hatte er sich nicht gemacht. "Das Haus wird vor sich dahin rotten wie alles andere in Detroit."

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