Feministische Avantgarde - Römische Nationalgalerie

Oh Bella Donna

Die römische Nationalgalerie zeigt in 200 Fotografien und Videos die feministische Kunst der siebziger Jahre. Die Werke der 17 Künstlerinnen stammen aus der internationalen Sammlung zeitgenössischer Kunst "Verbund" aus Wien und dokumentieren wagemutige Aktionen der Protagonistinnen.
Oh Bella Donna:Feministische Kunst der siebziger Jahre in Rom

Martha Rosler: "Semiotics of the Kitchen", Film Still aus dem Video, 1975

Seit 2004 baut Gabriele Schor in Wien mit großzügigen Mitteln (500 000 Euro jährlich) für den österreichischen Energiekonzern Verbund eine Sammlung auf. Zum Verwaltungsrat gehören Philipp Kaiser (Museum of Contemporary Art Los Angeles) und Marc-Olivier Wahler (Palais de Tokyo, Paris). Die international orientierte Sammlung zeitgenössischer Kunst hat ihren Schwerpunkt in der feministischen Kunst der siebziger Jahre.

Für Gabriele Schor ist die Aufarbeitung der feministischen Avantgarde noch lange nicht abgeschlossen. "Viele Künstlerinnen, deren Werke noch nicht oder ungenügend gesichert und dokumentiert wurden, sind verstorben. Es gilt daher, die Nachlässe aufzuarbeiten." Mit Sicherheit gibt es noch eine Reihe unbekannter Künstlerinnen und Werke zu entdecken.

Eine erste Bestandsaufnahme ist jetzt in der römischen Nationalgalerie für Moderne Kunst zu sehen. 200 Fotos und Videos von 17 Künstlerinnen – darunter Francesca Woodman, Renate Bertlmann, Hannah Wilke, Eleanor Antin – dokumentieren die historische Vorreiterrolle der feministischen Kunst der siebziger Jahre.
Die feministische Bewegung ging aus der Studentenrevolte der sechziger Jahre hervor. Das Private wurde als etwas Politisches aufgefasst und konkrete Erfahrungen der Frauen, wie Schwangerschaft und Sexualität öffentlich diskutiert. Die Künstlerinnen der feministischen Avantgarde waren unglaublich mutig und kühn. Sie benutzten als Kunstmittel in erster Linie den eigenen Körper. "Ich nehme meinen Körper zum Modell, weil ich mit mir am weitesten gehen kann", sagte Annegret Soltau. In ihrer Arbeit "Selbst/Self" (1975) umwickelt sie ihr Gesicht mit einem schwarzen, fest angezogenen Faden bis zur Schmerzgrenze.

"Vieles, was wir heute postmoderne Kunst nennen, hat seinen Ursprung in der feministischen Kunst"

Am extremsten ging Valie Export vor. In ihrer berühmten Aktion "Genitalpanik" (1969) schob sie sich mit einer im Schritt offenen Hose und bewaffnet mit einem Maschinengewehr durch die Reihen männlicher Besucher eines Pornokinos. Die Türkin Nil Yalter führt 1974 vor laufender Kamera einen Bauchtanz vor. Im Film ist nur der Bauch zu sehen, auf dem Sätze gegen die sexuelle Erniedrigung der Frau zu lesen sind. Die Kubanerin Ana Mendieta presst ihr Gesicht und ihren Körper gegen eine Glasscheibe, durch die man sie völlig verzerrt und deformiert wahrnimmt.

Keine andere Bewegung habe die zeitgenössische Kunstproduktion der letzten Jahrzehnte dermaßen beeinflusst, wie die feministische Avantgarde, sagt Gabriele Schor. "Vieles, was wir heute postmoderne Kunst nennen, hat seinen Ursprung in der feministischen Kunst." 2007 hatte die Ausstellung "Wack! Art and the Feminist Revolution" im New Yorker MoMA-Ableger PS1 fast 500 Werke von 119 Künstlerinnen gezeigt. Man bekam einen Einblick in die Anfänge der feministischen Kunstbewegung. In Rom kann man nun die gewonnenen Einsichten vertiefen. Die Sammlungsleiterin Gabriele Schor bemüht sich, ganze Werkgruppen von Künstlerinnen zu sichern. Gemeinsam mit Cindy Sherman arbeitet sie zur Zeit am Catalogue Raisonné zum Frühwerk der Künstlerin. In Rom sind wenig bekannte Arbeiten von Cindy Sherman aus den Jahren 1975 und 1976 zu sehen. Ein Fotoalbum zeugt von ihrem frühen Interesse am Rollenspiel. In dem kurzen Animationsfilm "Doll Clothes" (1975) spielt sich Sherman selbst. Als Anziehpuppe probiert sie verschiedene Kleider und betrachtet sich im Spiegel, bevor sie von großen Händen wieder ausgezogen und nackt in eine Plastikhülle zurückgesteckt wird. Dieser Super-8-Film erscheint wie ein Trailer für Cindy Shermans künftiges Rollenspiel. Dabei geht es der Künstlerin nicht nur um weibliche Rollenmuster. Sie geht über die feministische Geste hinaus und greift das universale Thema der Identität auf, das auch die Männer betrifft. Feministische Themen werden ja eigentlich nur vor solch erweitertem Horizont interessant.

Gabriele Schor hat auch den Nachlass von Birgit Jürgenssen (1949–2003) aufgearbeitet und eine Monografie dieser sozialkritischen und selbstironischen Wienerin publiziert. Die Ausstellung zeigt die "Hausfrauen-Küchenschürze" mit eingebautem, tragbaren Backofen, mit der sich die Künstlerin als Hüterin des Herdfeuers präsentiert.
Die feministische Avantgarde arbeitet mit Fotografie, Performance, Film und Video. Viele Arbeiten zeigen eine mit sich selbst beschäftigte Frau. Die Performance findet meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Kabel des Selbstauslösers ist oft sichtbar.

In Italien muss die feministische Kunstbewegung erst noch erkundet werden. Als hier in den siebziger Jahren ein großer Ruck durch die Kunstszene ging und die ersten spektakulären Ausstellungen über erotische Kunst von Frauen gezeigt wurden, ließ die feministische Kunstkritik eine so große Künstlerin wie Carol Rama außen vor. Denn sie praktizierte keine "Befreiungskunst", besaß nicht den die männliche Sichtweise entlarvenden Blick, sondern fand: "Die Männer sind etwas Wunderbares, auch wenn man ihnen manchmal widersprechen muss."

"Donna. Avanguardia femminista negli anni '70 dalla Sammlung Verbund di Vienna"

Termin: bis 16. Mai 2010, Galleria Nazionale d’Arte Moderna, Rom. Katalog: Verlag Electa, 40 Euro
http://www.gnam.beniculturali.it/