Forgotten Bar Project - Galerie im Regierungsviertel

Ironische Oberlippenbärte, Traditionsbier und intensive Kunsterlebnisse

Das "Forgotten Bar Project" in Berlin-Kreuzberg überrascht auf gerade mal zehn Quadratmetern mit täglichen Eröffnungen und erinnert als improvisierte Produzentengalerie die arrivierte junge Hauptstadt-Szene an ihre Ideale. Zum "Grand Opening" gab es Videokunst, New Wave-Ästhetik und Traditionsbier aus der Flasche.
Ironische Oberlippenbärte und Traditionsbier:"Forgotten Bar Project" in Berlin

"Es gibt ein großes Interesse eine Nachbarschaft zu anderen Haltungen von Kollegen herzustellen", erklärt Tjorg Douglas Beer, der Motor dieser temporären Mini-Produzentengalerie

Auch wenn die bodennahe Infrastruktur im unteren Teil der Kreuzberger Schönleinstraße von den komplexen Problemen der postindustriellen Gesellschaft kündet und man den in den Hauseingängen herumlungernden Eckenstehern besser nicht zu tief in die Augen schaut, boomt der so genannte "Graefe-Kiez" südlich des Landwehrkanals. Schließlich sind viele der Gründerzeitaltbauten solide saniert, eine Grundversorgung mit den Essentials des "Bohemian bourgeois"-Lifestyles ist gewährleistet, und immerhin liegt durch das nahe gelegene Elektro-Trash-Plattenlabel "Pale Music" sogar ein Hauch von Coolness in der Berliner Luft.

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Strecken Teaser

Einen echten Grund, sich auch von anderswo auf den langen Marsch in die Nähe Neuköllns zu begeben, gibt es jedoch erst jetzt: Das in einem Schlauch von zwei Metern Breite und fünf Metern Länge installierte "Forgotten Bar Project", hinter dem die "Galerie im Regierungsviertel" steht, die von den Künstlern Tjorg Douglas Beer und
John Kleckner, Kuratorin Margherita Beliaief (Peres Projects) und Maike Cruse, Pressesprecherin der Kunst-Werke, geleitet wird. Wer dachte, zur Inszenierung intensiver Kunsterlebnisse wären imposante Bunkerbauten, große Hamburger Bahnhöfe oder wenigstens von Star-Architekten entworfene Solitäre in zentraler Lage nötig, wird bereits zur Eröffnung eines Besseren belehrt: Alle sind da und machen sich bei Cocktails und "Schultheiss"-Bier einen bunten Abend, wo gerade Platz ist.

Alle sind in diesem Falle ein sauberer Querschnitt des jüngeren Berliner Kunstgeschehens: Die Berliner Belegschaft der Galerie Mikael Andersen, Maik Schierloh und Joep van Liefland vom "Autocenter" und UdK-Meisterschüler Fritz Bornstück, der derzeit fleißig an schrägen Hörspielen schraubt. Ironische Oberlippenbärte und ironische Vollbärte, irgendwo auf halber Länge zwischen Modest Mouse und ZZ Top. Lacoste-Polohemden, Flipflops, Cocktailkleider und Post-Punk-T-Shirts. Bekannte Gesichter aus Auguststraße, Brunnenstraße und Kochstraße – dazu der Neu-Neuköllner Post-Pop-Artist Jan Muche, dem Friedrichshain inzwischen "zu schick" ist, Vlado Velkov von "artnews projects", und
Kurator Marc Wellmann. Nicht zu vergessen der Kanadier Carson Chan vom Projektraum "Program" im schwarzroten "Saddam-Hussein als Che Guevara"-Hemd und der aus Brooklyn zugezogene Künstler Chaim Garcia, der jüngst der Kunst vorläufig kündigte und dieser Tage mit Musik unterwegs ist.

Wozu braucht eine mit fünfhundert Galerien gesegnete Stadt einen weiteren Kunstort?

Auch die Künstlerliste liest sich wie ein kleines "Who is Who" der Gegenwart: Zum "Grand Opening", das von Arbeiten in Schwarz, Weiß, Silber und dezenten Neon-Tönen dominiert wurde und in Gestalt eines New-Wave-Revivals inklusive Plattencover an der Wand daher kam, teilten sich Videoarbeiten von Christian Jankowski und Harun Farocki den knappen Platz auf der Fensterbank am Ende des Raumschlauchs, in den kommenden Wochen werden Arbeiten von weiteren großen Namen gezeigt werden. Die aus einer Hamburger Studentengalerie entstandene "Sammlung Taubenstraße" beispielsweise zeigt am 16. Juli Werke von Atelier van Lieshout, John Bock, Andre Butzer, Jonathan Meese, Raymond Pettibon, Daniel Richter und Markus Selg.

Wozu aber braucht eine mit fünfhundert Galerien und Kunstorten gesegnete Stadt einen weiteren, und wieso stehen Kunstprofis freiwillig hinterm Tresen? Tjorg Douglas Beer, Motor des Projekts, erläutert: "Wir alle arbeiten in professionellen Zusammenhängen – aber mit der netten Existenz als Künstler hängen im Alltag auch Messen, Transporte, Versicherungen und Büroarbeit zusammen. Andererseits gibt es aber ein großes Interesse eine Nachbarschaft zu Arbeiten anderer, zu anderen Haltungen von Kollegen herzustellen und diese Zusammenhänge selbst zu definieren." In der Community kommt das an: Maler Jan Muche freut sich über den gelungenen Abend und die Marktlücke zwischen dem offiziellen Betrieb und den "Selbsthilfe-Galerien" der Off-Off-Szene und sieht den entscheidenden Unterschied "darin, dass Leute kommen". Auch eine der Gastkuratorinnen findet das Projekt verhältnismäßig unkommerziell und unelitär: "Achtzig Prozent meiner mitgebrachten Freunde sind Ärzte, der Rest ist beim Fernsehen."

Genau das ist statistisch nun nicht mehr die historisch gewachsene "Berliner Mischung" eines Mietshauses mit bürgerlicher Beletage und proletarischem Erdgeschoss im Hinterhof, sondern ein nachbarschaftlicher Zusammenhang, wie ihn Luxussanierer beispielsweise im südlichen Prenzlauer Berg definiert haben, wo, abgesehen von Ausnahmen wie Wolfgang Thierse, inzwischen beinahe die komplette Wohnbevölkerung ausgetauscht worden ist. Doch nicht nur das Wissen um die Rolle der künstlerischen Avantgarde als "first movers" der Gentrifizierung scheint im Berlin von 2008 unter die Räder geraten zu sein – auch der augenscheinliche Zusammenhang zwischen dem kommerziell erfolgreichen Galeriebetrieb und seinen untergründig anmutenden, aber Intensität, Rebellion und Wagemut versprühenden Auslegern in relativen Randgebieten wird ausgeblendet, und Schnäppchen sind wahrlich anderswo zu haben. Preiswert sind die ausgestellten Arbeiten nämlich nicht gerade: Bereits ein kleinformatiges Werk des Initiators Beer kostet seine viertausend Euro.

"Forgotten Bar Project"

Termin: bis 31. Juli, täglich 12 bis 14 Uhr und 18 bis 23 Uhr, Galerie im Regierungsviertel, Schönleinstraße 28, Berlin. Täglich neue Ausstellungen u.a. mit: Assume Vivid Astro Focus, John Bock, Andre Butzer, Nathalie Djurberg, Hans Jörg Dobliar, Erro, Harun Farocki, Abel Ferrara, Oskar Fischinger, Christian Jankowski, Atelier van Lieshout, Jonathan Meese, Daniel Richter, Raymond Pettibon, Christoph Schlingensief.
http://www.galerieimregierungsviertel.org/