F. C. Gundlach - Interview

Es gibt viel zu viele Bilder

Die Eröffnungsausstellung der 4. Triennale der Photographie in Hamburg zeigt die bisher umfangreichste Retrospektive zum Werk des bedeutendsten deutschen Modefotografen der Nachkriegszeit. art-Autorin Frauke Thielking sprach mit F. C. Gundlach über seine großen Vorbilder, sein aufregendstes Jahrzehnt und die heutige Bilderflut.
"Es gibt viel zu viele Bilder":Das große art-Interview mit F. C. Gundlach

F. C. Gundlach vor der "Brigitte-Wand": Von 1963 bis 1986 produzierte Gundlach mehr als 5500 Modeseiten und rund 180 Titel für die Zeitschrift "Brigitte"

Die Werkschau umfasst rund 350 Arbeiten, darunter Klassiker und Bekanntes, aber auch viele Neu- und Wiederentdeckungen aus der rund 40-jährigen Schaffenszeit des heute 81-Jährigen. Seine Modefotografien, die bis an die Grenzen des ästethisch und technisch Machbaren gingen, treffen auf seine Porträts, frühen Reportagen und sensiblen Kinderbilder. Gundlachs Aufnahmen reflektieren und antizipieren den Geist der Zeit, und so rekonstruiert sich ein Stück Kulturgeschichte vom Wiederaufbau in den fünfziger Jahren, über die Aufbruchstimmung der sechziger Jahre bis zur anbrechenden Postmoderne.

Herr Gundlach, stellen Sie sich vor, es gäbe keine Fotografie, was würde den Menschen fehlen?

F. C. Gundlach: Die würden gar nicht wissen, wie die Welt aussieht. Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wussten die Menschen das nicht. Erst die Reisefotografen zeigten den Menschen beispielsweise Ägypten und die Pyramiden.

Welchen Beruf hätten Sie ergriffen, wenn es keine Fotografie gäbe?

Das weiß ich nicht. Ich kann es nur andersherum sagen: Die Fotografie wurde zum zentralen Vehikel meines Lebens.

Und wer waren Ihre größten Vorbilder, als Sie mit der Fotografie anfingen?

Meine Vorbilder kamen primär aus Amerika, weil die einfach ganz andere Mittel zur Verfügung hatten. Wir fingen damals ja bei Null an. Ich bin immer in die Amerikahäuser gefahren und habe mir dort in den Bibliotheken die "Vogue" oder "Harper's Bazaar" angeschaut. Und wenn mir etwas gefiel, habe ich die Seite einfach herausgerissen und mitgenommen. Richard Avedon und Irving Penn prägten diese Zeit. Auch Erwin Blumenfeld war für mich ein ganz wichtiger Mann. Er war stark beeinflusst vom Dadaismus und später auch Surrealismus, was mich stark beeindruckt hat und was in vielen meiner Bilder wieder zu finden ist. Aber auch Edward Steichen ist eine sehr wichtige Figur für mich. Er war weniger an Mode als an Fotografie interessiert. Für ihn war die Mode sekundär. Das Bild und die Inszenierung standen bei ihm im Vordergrund.

Was war Ihr Fokus?

Es ist wichtig zu wissen, dass ich eigentlich aus dem Bildjournalismus komme. Ich habe anfangs viele Reportagen fotografiert und hatte deswegen einen ganz anderen Ansatz. Im Gegensatz zu anderen habe ich in Doppelseiten und Geschichten gedacht. Das zeichnete meine Bilder dann auch aus.

Welche Dekade war fotografisch gesehen für Sie am spannendsten?

Die sechziger Jahre. Es war eine große Zeit des Umbruchs. Musik, Emanzipation, sexuelle Revolution – das sind alles Elemente, die die sechziger Jahre zum wichtigsten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts gemacht haben. Mit meiner Arbeit bei der "Brigitte" ab 1963 und der damaligen Modechefin Barbara Buffa kreierten wir ein neues Frauenbild.

Wie sah das aus?

Die Nachkriegszeit war zu Ende, die Frauen waren selbständiger und selbstbewusster. Sie arbeiteten. Für diese Frauen machten wir die Mode. Das war ein Riesenerfolg! Als Mitte der sechziger Jahre die Zeit des Prêt-à-Porter kam und die Haute Couture ablöste, war der nächste Schritt die Popularisierung und Demokratisierung der Mode für jedermann. Übrigens: Ich habe mal gelesen, dass das am häufigsten gewünschte Weihnachtsgeschenk, ich glaube, es war
1960, eine Nähmaschine war. Stellen Sie sich das heute mal vor!

Was macht ein gutes Bild aus?

Es muss mich emotional beeindrucken. Es braucht auch einen intellektuellen Ansatz. Die Unterscheidung der Begriffe "Angewandte Kunst" und "Freie Kunst" finde ich Quatsch. Das ist etwas sehr Deutsches. Wenn Bilder außerhalb ihres Entstehungskontextes noch funktionieren und beeindrucken, dann sind es gute Bilder.

Hat sich Fotografie in Deutschland vollständig als Kunstform etabliert?

Die Fotografie war in Deutschland sehr lange eine Sekundärkunst. In Amerika war das alles viel offener, und sie wurde sehr viel früher als Kunst anerkannt. Seit Mitte der achtziger Jahre hat sich die Situation wesentlich verbessert. Heute ist die Fotografie in Deutschland ein gleichberechtigtes künstlerisches Medium. Es ist egal, ob gemalt, gezeichnet, fotografiert oder videografiert wird.

Was denken Sie über den Wechsel zur digitalen Fotografie?

Die Digitalisierung der Fotografie war ein ganz entscheidender Schritt. Die Digitalisierung betrifft nicht nur die Fotografie, sondern die ganze Welt. Es ist eine globale Veränderung der Welt. Eine kulturelle Veränderung, die meines Erachtens eine ähnliche Bedeutung wie die Erfindung des Buchdrucks hat. Es wird die ganze Welt verändern. Für die Fotografie bedeutete es zunächst nur, dass man das Speichermedium ausgetauscht hat – den Film gegen den Datensatz.

Wie kann sich ein Bild im Zeitalter von Handyfotografie und You-Tube-Bilderfluten überhaupt noch behaupten?

Es werden viel zu viele Bilder gemacht. Viele Bilder werden vergessen, die Haltbarkeit von den meisten Bildern ist sehr kurz. Wenn man Modefotografie ansehen will, möchte man die Rezeptionszeit selber bestimmen. Man will länger schauen, man will öfters schauen. Im Fernsehen sind es zehn Sekunden – und dann ist es weg. Man kann die Bilder nicht festhalten, und das haptische Erlebnis ist eine ganz wichtige Sache.

Wie würde heute ein Selbstporträt von Ihnen aussehen?

Von mir?

Ja. Haben Sie Selbstporträts gemacht?

Ja, aber wenige. Ich bin lieber hinter der Kamera als vor der Kamera. Die Fotografie ist mein Medium, durch das ich die Welt sehe und erlebe. Wenn ich fotografiert werde, bin ich ganz regiefromm. Es ist mir egal, was gemacht wird, weil ich das ja lange Zeit selber gefordert habe. Nur wenn das Bild ganz schief daneben geht, sage ich etwas dagegen.

Und welches Motiv möchten Sie unbedingt noch fotografieren?

Wenn ich heute über Fotografie nachdenke, denke in an Wahrheit und Nähe. Wenn ich ein Porträt machen würde, würde es sicher sehr realistisch ausfallen. Porengenau. Auch Kinder zu fotografieren wäre wunderbar! Ich halte allerdings nicht viel von einem Alterswerk, so wie Robert Lebeck jetzt auf einmal in Farbe fotografiert. Soll ich mich selber kopieren? Das ist doch Unsinn.

"F. C. Gundlach. Das fotografische Werk"

Termin: 12. April bis 7. September, Haus der Photographie / Deichtorhallen, Hamburg.
http://www.deichtorhallen.de/

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