Gregor Schneider - Kunstskandal

Ich will die Schönheit des Todes zeigen

Skandal um den Künstler Gregor Schneider: Der 39-jährige will in einer Ausstellung einen Todkranken beim Sterben zeigen. Angeblich hat Schneider bereits Kontakt zu einem Kunstsammler, der sich als Ausstellungsobjekt zur Verfügung stellen würde. Politiker und Kritiker verurteilen die Idee als pervers und entmenschlicht.
Darf man einen Sterbenden ausstellen?:Gregor Schneider provoziert einen Skandal

Gregor Schneider, "Kind (sitzend ohne Kopf), 2004

Der Künstler Gregor Schneider will den intimen Moment des Todes öffentlich machen. Er plant, im Rahmen einer Ausstellung das Sterben eines Todkranken zu zeigen – oder einen frisch Verstorbenen zu präsentieren. Damit wolle er "die Schönheit des Todes zeigen", sagt Schneider. Nach eigener Aussage steht er bereits im Kontakt mit einem Kunstsammler, der sich für das Projekt zur Verfügung stellen möchte. Auch den passenden Raum dafür hat er bereits in seinem Atelier in Mönchengladbach nachgebaut: Es ist ein heller, von Mies van der Rohe entworfener Raum des Museums Haus Lange in Krefeld.

Der Direktor der Krefelder Kunstmuseen, Martin Hentschel, erfuhr von Schneiders Plan durch die Medien. In seinen Augen wäre eine solche Aktion "ein bloßes Spektakel", das mit Kunst wenig zu tun habe, sagte er der "Rheinischen Post". Härtere Worte findet der Vorsitzende des Krefelder Kunstvereins, Paul Kathstede: "Ich finde das Wort pervers für diese Idee noch zu schwach".

Der nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff nannte Schneiders Plan eine "unausgegorene Idee", und fragt: "Muss Kunst nicht, nachdem alle Tabus gebrochen sind, sogar dazu beitragen, Tabus wieder zu errichten?" Auch die Deutsche Hospiz Stiftung warnt: "Wenn wir alle Tabus niederreißen, sind wir eine enthemmte und würdelose Gesellschaft", so Stiftungsvorstand Eugen Brysch.

Gregor Schneider sieht das anders: "Die Realität des Sterbens in deutschen Kliniken, Intensivstationen und Operationssälen ist grausam, das ist der Skandal. Der Tod und der Weg dahin ist heute Leiden. Die Auseinandersetzung mit dem Tod, wie ich sie plane, kann uns den Schrecken vor dem Tod nehmen." Bereits seit 1996 verfolge ihn die Idee, einen Sterbenden oder Toten auszustellen.

In seiner Ausstellungsvision würde der Sterbende im Mittelpunkt stehen: "Alles passiert in Absprache mit den Verwandten. Es wäre eine private Atmosphäre mit einer Besucherregelung." Der Raum schaffe die nötige Würde und den Schutz. Er selbst könne sich vorstellen, in einem privaten Bereich eines Museums zu sterben, sagt Schneider. Genau dies ist die Forderung in zahlreichen Internetforen, in denen Schneiders Plan hitzig diskutiert wird. Warum wartet der Künstler nicht bis zu seinem eigenen Sterben, um dann sich selbst zu inszenieren? Inzwischen erhielt Schneider nach eigenen Angaben zahlreiche Schmäh- und Drohbriefe. Er äußerte sich erschüttert über die Reaktionen.

Verfall, Verwesung und Sterben

Gregor Schneider gilt als einer der unheimlichsten Künstler der Gegenwart. Immer wieder finden sich in seinen Werken Hinweise auf Verfall, Verwesung und Sterben. Dabei war die Gratwanderung zwischen Realem und Inszenierung, der Schauder des Ungewissen stets Teil der Wirkung seiner Werke – und ebenso ihr provokatives Potential.

Bekannt wurde Schneider 2001, als er auf der Biennale in Venedig im deutschen Pavillon sein "Totes Haus ur" zeigte: Sein Mönchengladbacher Elternhaus, dessen Räume er bereits seit 23 Jahren labyrinthartig umbaut. Er zieht neue Wände ein, baut Gänge ohne Ende, doppelte Böden, verspiegelte Fenster und schalldichte Räume. Für sein Werk erhielt er einen Goldenen Löwen, den Großen Preis der Biennale. Im Keller der Hamburger Galerie der Gegenwart empfing 2003 Aasgeruch die Besucher: Zwischen Heizungsrippen eingeklemmt verweste ein Kotelett.

In seinen "toten Räumen" inszenierte sich Schneider selbst wiederholt wie tot in der Rolle seines alter Ego Hannelore Reuen, "der alten Hausschlampe". Gregor Schneiders Plan, auf dem Markusplatz in Venedig einen schwarzen Würfel aufzubauen, der dem muslimischen Heiligtum der Kaaba ähnelte, scheiterte an politischen Bedenken und der Angst vor Anschlägen. Im Frühjahr 2007 wurde der Würfel dann vor der Hamburger Kunsthalle aufgebaut – ohne Konsequenzen.

Das Museum Franz Gertsch in Bern zeigt derzeit Schneiders Ausstellung "Doublings". Gregor Schneider hat das gesamte Untergeschoss des Museums völlig umgebaut – im Stile seines Projektes "Totes Haus ur". In den vollkommen abgedunkelten Räumen des entstandenen "Schwarzen Museums" sind zwölf Skulpturen und Objekte Schneiders inszeniert – sie stecken zum Teil in Müllsäcken und ähneln Leichen.

"Gregor Schneider: Doublings"

Termin: bis 15. Juni, Museum Franz Gertsch, Bern.
http://www.museum-franzgertsch.ch/ausstellung/index.php

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