Tobias Zaft - Peking

Universeller Schnick-Schnack

Peking. Zehntausende Zuschauer – jeden Tag. Für einen Künstler wie Tobias Zaft gibt es kaum etwas Größeres als ein derart gewaltiges Publikum für seine Arbeit. Und Zaft ist gerade einmal 27 Jahre alt. Mit ein bisschen Glück könnte dies den Durchbruch für ihn bedeuten.
Universeller Schnick-Schnack:Videoprojektion im Hochhausformat

"Ding Gang Chui", die chinesische Version von "Schere, Stein, Papier" projiziert Tobias Zaft als LED-Video über 16 657 Quadratmeter auf einen Hochhauskomplex der 4th Ring Road in Peking, 2009

Die Bühne, die Tobias Zaft zur Verfügung steht, ist die hochmoderne Bildschirm-Fassade eines Pekinger Bürogebäudes. Der Komplex ist 130 Meter breit, bis zu 107 Meter hoch und hat eine LED-Fläche von rund 16 500 Quadratmetern – so viel wie kein anderes Gebäude in der Stadt. Für einen Videokünstler wie Zaft ist das genau die richtige Plattform. Der Standort ist zudem prädestiniert, um für Furore zu sorgen: mitten an der nördlichen Linie des vierten Autobahnrings der Metropole, in der es mehr als 3,5 Millionen Privatfahrzeuge gibt.

Täglich quält sich hier eine endlose Blechlawine über den sechsspurigen Asphalt; nicht selten in Schrittgeschwindigkeit. Als Zaft Anfang Februar erstmals im eigenen Auto das frisch eröffnete Gebäude mit seinen damals noch strahlenden Neujahrsgrüßen in Englisch und Chinesisch passierte, war er wie elektrisiert. "Ich habe sofort gedacht, das wird mein Projekt." Er nahm die nächste Abfahrt.

Zafts Glück hieß Li Pengyang. Der junge Mann ist Manager der Betreibergesellschaft des Jinchangan-Towers. An diesem Tag im Februar kam einer der Sicherheitsbeamten auf ihn zu und sagte, draußen stehe ein deutscher Künstler, der ihn sprechen wolle. "Meine erste Reaktion war, der Typ soll verschwinden", sagt Li. Doch seine Neugier überwog. Er besann sich und bat Zaft zum Gespräch. Die Begeisterung des Künstlers steckte ihn an, seine Vision überzeugte ihn. Noch am gleichen Nachmittag holte er das Okay vom Betreibervorstand ein.

Umgehend spielte Zaft die nötigen Sequenzen vor seiner Bluescreen-Leinwand in seinem Pekinger Atelier ein und begab sich an die Programmierung. Hilfe bekam er dabei keine. Die Firma, die zuvor die Werbung auf die Fassade projiziert hatte, war nicht bereit, das Prestigegebäude abzutreten und gleichzeitig dem Deutschen die Anleitung für eine erfolgreiche Projektion zu liefern. Tagelang tüftelte Zaft herum. Bei der ersten Probe ging dennoch einiges schief. Die Elemente auf der Fassade waren verschoben, und es mischten sich Farben ein, die dort nichts verloren hatten. Weitere zwei Wochen vergingen. "Mir war die ganze Zeit mulmig, dass die Betreiber ungeduldig würden", sagt Zaft. Doch Mitte April waren die Sorgen Geschichte. Das Projekt startete.

Schere, Stein, Papier im Hochhausformat

Jeden Tag sind seitdem auf dem Gebäude die Umrisse von zwei Händen zu sehen, die "Schere, Stein, Papier" gegeneinander spielen. Bei dem Spiel, das in Deutschland auch als "Schnick, Schnack, Schnuck" bekannt ist und in China "Ding, Gang, Chui" heißt, geht es darum, sich für eines der drei Symbole zu entscheiden, und es mit der Hand darzustellen. Die Regeln sind einfach: Schere schneidet Papier, wird aber vom Stein geschliffen Stein wiederum vom Papier eingewickelt. So ist jedes Symbol jeweils einem anderen überlegen und einem anderen unterlegen. "Das Besondere daran ist, dass Schere, Stein, Papier universell funktioniert. Es spielt keine Rolle, ob man die gleiche Sprache seines Gegenüber spricht", sagt Zaft. Zwei Minuten lang ist die Schleife, die mehrere Stunden am Tag gespielt wird. Mit jeder Minute wächst die Zahl seiner Zuschauer. Längst haben chinesische Medien den deutschen Künstler ins Visier genommen. Zeitungen und Magazine berichten über "Schere, Stein, Papier" im Hochhausformat. Und auch das Staatsfernsehen CCTV hat für ein Interview angefragt. "Es ist irre, wie die Sache ins Rollen kommt", staunt Zaft.

Das Projekt am vierten Autobahnring folgt auf manche bittere Erfahrung, die der gebürtige Hamburger in seiner jetzt knapp zweijährigen künstlerischen Tätigkeit in China gesammelt hat. Kürzlich hatte er einige seiner Arbeiten in einer Gemeinschaftsausstellung in einer kleinen Galerie im Pekinger Künstlerviertel "798" ausgestellt. Bei der Vernissage ging noch alles gut. Danach aber hatten die Betreiber irgendwann damit begonnen, den Energiebedarf seiner Installationen schlichtweg zu ignorieren. Doch die Arbeiten eines Videokünstlers zu präsentieren und dabei nicht mit Strom zu versorgen, ist, als würde man die Bilder eines Malers in einem dunklen Raum aufhängen. Eine plausible Erklärung blieben die Betreiber dem entsetzten Künstler schuldig, als der den Irrsinn nach mehreren Wochen entdeckte. Vielleicht war es ihnen einfach zu teuer, tagtäglich den Strom zur Verfügung zu stellen für die Kunst aus dem Computer.

"Der Kommerz hat einen zu großen Einfluss"

In einem anderen Fall hatte Zaft im vergangenen Sommer viele Wochen in ein Projekt investiert, das exakt auf die Ausmaße einer großräumigen Galerie zugeschnitten war. Die Betreiber hatten sich kooperativ und scheinbar hoch interessiert an den Ideen des Deutschen gezeigt. Als Zaft mit der Realisation beginnen wollte, teilten ihm die Galeristen mit, es würde pro Tag ein vierstelliger Euro-Betrag an Miete fällig. Unbezahlbar für den Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austausch-Dienstes (DAAD). Das Projekt verlief im Sand. Zeit und Mühe waren vergeudet. "Ich habe leider das Gefühl, dass in der chinesischen Kunstszene der Kommerz einen zu großen Einfluss hat", sagt Zaft.

Nach seinen Erfahrungen beginnt dieser Trend bereits auf den chinesischen Universitäten. Als Austauschstudent der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Peking hat er festgestellt, dass viele seiner chinesischen Kommilitonen weniger an der Entwicklung ihres eigenen Stils interessiert sind als vielmehr an der Fähigkeit, den jeweils lukrativsten Trend des Jahres zu bedienen. Die Uni würde diese Entwicklung fördern, indem sie den Studenten fast keinen Spielraum bei der Umsetzung ihrer Ideen lasse. "Ölmalerei ist Ölmalerei. Kurs übergreifende Projekte werden hier nicht gefördert", klagt Zaft. Als er seinen Laptop ins Atelier der Ölmaler mitbrachte, erntete er entsetzte Blicke von den übrigen Studenten. Computer sei doch keine Kunst, haben sie gesagt.

Zafts Kreativität soll den Mietpreis in die Höhe schrauben

"In China geht es darum, den Professor zufrieden zu stellen. Aber das ist nicht meine Auffassung von Kunst", sag Zaft. Nach einem Semester hat er den Kurs geschmissen. So blieb ihm Zeit, sich um andere Projekte zu kümmern. Im Juni wird er eine andere Videoinstallation im Rahmen des Wirtschaftsprojekts "Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung" in Shenyang ausstellen. Auf über 100 Bildschirmen stellt Zaft Alltagsszenen aus Küche, Bad und Wohnzimmer dar. Ein großes deutsches Unternehmen sponsert ihm das Projekt.

Die Betreiber des Jinchangan-Towers am vierten Pekinger Autobahnring handeln indes keineswegs aus reiner Liebe zur Kunst. Sie verfolgen wirtschaftliche Interessen. "Wir brauchen die Kunst. Ich bin sicher, sie wird den Wert der Bürofläche erhöhen", sagt Li Pengyang. Noch stehen zahlreiche Räume leer. Zafts Kreativität soll den Mietpreis in die Höhe schrauben. Dem deutschen Künstler wird es egal sein. Man hat ihm in Aussicht gestellt, er könne alle drei Monate eine neue Arbeit für die LED-Fläche produzieren. Für ihn würde das Hunderttausende weitere Zuschauer bedeuten.

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