IHME-Festival - Helsinki

Einstürzende Altbauten

Beim diesjährigen IHME-Festival zerstört die Künstlergruppe Superflex eines von Helsinkis bekanntesten Gebäuden – virtuell natürlich. Die alljährliche Kunstaktion in der Öffentlichkeit hat das Potential, eine finnische Version des Fourth Plinth in London zu werden, meint art-Korrespondent Clemens Bomsdorf nach ein paar Tagen in Helsinki.

Die dänische Künstlergruppe Superflex hat für das diesjährige IHME-Festival den von Alvar Aalto entworfenen "Stora Enso"-Bau virtuell zerstört. In einer 240-stündigen Videoanimation lassen sie das Haus langsam zerfallen. Das heißt, eigentlich nicht so langsam. Wenn ein solches Gebäude abgerissen wird, ist das schneller als in 240 Stunden möglich, doch der Film ist ein Zeitraffer. "Superflex zeigt, was über ganz lange Zeit hinweg mit dem Gebäude passieren würde, wenn es nicht instandgehalten würde", sagt Paula Toppila, künstlerische Direktorin des IHME-Festivals.

IHME ist der Fourth Plinth von Helsinki. In London dürfen seit Jahren Künstler den leeren Sockel am Trafalgar Square einmal jährlich bespielen. In der britischen Hauptstadt zieht diese Kunst im öffentlichen Raum die Leute in Massen an.

Marktplatz Helsinki, Donnerstagmorgen kurz nach neun. Die Sonne scheint, doch es ist eiskalt, das Hafenbecken ist teilweise zugefroren. Nur vereinzelt gehen ein paar Leute schnellen Schrittes über den Platz. Ein Mann wirft einen kurzen Blick nach links und schaut im Gehen einige Sekunden auf den Film. "Ich dachte mir schon, vielleicht ist das Kunst", sagt er als er hört, worum es sich dabei handelt. "Ich gehe jeden Tag hier vorbei und hoffe, mir nach der Arbeit die Zeit nehmen zu können, um etwas länger hinzuschauen", sagt er noch bevor es weiter zum Büro geht. Abends und am Wochenende schauen am meisten Menschen auf den Film. "Dieser Tage denke ich natürlich direkt an Japan, wenn ich das sehe", sagt eine Passantin. Der Film war gedacht, um über Städteplanung und Architektur zu reflektieren. Doch die jüngsten Geschehnisse führen zu anderen Assoziationen. 11. September, Palast der Republik – was auch immer die Gedanken sind, die Aktion von Superflex macht aus dem Aalto-Haus ein Mahnmal.

Das Gezeigte ist auch eine Allegorie auf den Kapitalismus und was mit diesem und damit unserer Gesellschaft passiert, wenn gedankenlos und völlig passiv agiert wird. Es ist keine klischeehafte platte Anklage an das böse System Kapitalismus, sondern vielmehr eine Aufforderung daran, aus diesem Wirtschaftssystem, das wie die Demokratie die Verantwortung bei den einzelnen Menschen belässt, das Beste zu machen.

Der "Stora-Enso"-Bau steht nicht weit vom Marktplatz am Hafen von Helsinki. An den Platz grenzen auch der Präsidentenpalast und das Rathaus, ein paar hundert Meter weiter auf dem Senatsplatz der Dom. Es ist das neoklassische Herz der finnischen Hauptstadt, geprägt vom deutschen Architekten Carl Ludwig Engel. Seit Aaltos Gebäude in den 1961 entstand, wollen es viele Hauptstadtbewohner dem Erdboden gleichgemacht sehen. Diese moderne Architektur verschandele die historische Umgebung, so die Kritiker. Superflex hat dafür gesorgt, dass sich etliche Bewohner Helsinkis wieder mehr Gedanken über den Bau machen und vielleicht auch über Kunst als solche sowie den Umgang mit dem öffentlichen Raum.

Das auf private Initiative zurückgehende IHME-Festival setzt viel daran, sich an ein breites Publikum zu wenden. Das wird in erster Linie durch die Platzierung der Werke im öffentlichen Raum getan und auch dadurch Kunst in Auftrag zu geben, mit der leicht etwas anzufangen ist. Parallel finden Veranstaltungen statt, und es wird stets eine Edition herausgegeben. Im Falle von Superflex eine der ungewöhnlichen Art. Die Künstler eröffneten in Helsinki mehrmals einen ihrer Free Shops, ein Geschäft, in dem die Waren nicht zu kaufen sind, sonder nur kostenlos abgegeben werden. Doch die Kunst sollte nicht nur erlebt, sondern auch reflektiert werden. Einer der Höhepunkte war eine dreistündige Podiumsdiskussion am letzten Festivaltag. Die Örtlichkeit bildete einen starken Kontrast zu Aaltos Bau: Ausgerechnet im für finnische Verhältnisse recht prunkvollen Alten Studentenhaus sprachen die in Berlin lebende kanadische Kritikerin Jennifer Allen, der Ex-Venedig-Biennale- und Städelschulechef Daniel Birnbaum sowie die finnischen Kunst(geschichte)-Professorinnen Silja Rantanen und Anita Seppä darüber, wie heutzutage über Kunst gesprochen wird. Besonders Jennifer Allens angenehm verständlich vermittelte Gedanken zur Sprache der „Global Art World“ regten zur (Selbst-)Reflexion an. Allen, die in Kanada mit Englisch als Muttersprache aufwuchs, deklarierte „Globish“ und nicht „English“ zur internationalen lingua franca des Kunstdiskurses. Schließlich wiche jenes Englisch, das die meisten Ausländer im Kunstbetrieb sprächen vom perfekten Englisch ab, es gäbe Briten und Amerikanern unbekannte Wortneuschöpfungen und einen ansonsten doch recht reduzierten Wortschatz. Laut Allen gar nicht so schlimm, ermöglicht die Beschränkung auf rund 1500 unterschiedliche Wörter vielen erst Diskussionen, zu verstehen, gleichzeitig sorgen die neuen Worte dafür, dass Englisch-Muttersprachler auch noch etwas lernen müssen. Wer wisse zudem, wie lange die international dominierende Sprache auf dem Englischen basiert bleibe, so Birnbaum.

Wenn IHME dem britischen Fourth Plinth den Rang abläuft, könnte es vielleicht eines Tages Finnisch werden. Mit Arbeiten wie Antony Gormleys Projekt vor zwei Jahren und nun dem Film von Superflex zeigen die Veranstalter jedenfalls, welches Potential in der Kunst steckt, um die Öffentlichkeit einzubinden. Derzeit dominieren die polemischen Einwürfe der Rechtspopulisten die finnische Kulturdebatte. Sie schimpfen über postmoderne Kunst (und darunter verstehen sie anscheinend alles, was nicht so leicht zu verstehen ist oder nicht nur ein ästhetischer Genuss ist) und haben gewisse Chancen einen Teil ihrer Politik in die Tat umzusetzen. Denn am 17. April wird in Finnland gewählt, mit einem prognostizierten Stimmenanteil von 17 Prozent haben die „Basisfinnen“ Aussichten auf die Regierungsbeteiligung.