Radar - Eva Maria Stadler

Eva Maria Stadler über Kathi Hofer

In unserer Serie "Radar" stellen Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker ihre aktuellen Lieblingskünstler vor. Diesmal: Eva Maria Stadler, Kuratorin für zeitgenössische Kunst am Wiener Belvedere, über die österreichische Künstler Kathi Hofer.
Radar: Kathi Hofer:Diesmal: Eva Maria Stadler über Kathi Hofer

Kathi Hofer: "Polygrades", 2010, Installtion

Schöne gelbe Farbe betitelte Kathi Hofer ihre Ausstellung in dem gerade einmal 15 m2 großen Demonstrationsraum an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Im Mittelpunkt der Ausstellung stand die ästhetische Untersuchung der Farbempfindung.

Kathi Hofer geht hier der Frage der Wahrnehmung als Prozess, als einem langsamen Werden nach. Wie Joseph Vogl in seinem gleichnamigen Aufsatz die Farbe in Jean Luc Godards Le Mépris als eine Abhandlung über die Malerei im Film beschreibt, versucht Kathi Hofer die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung über Material, Farbe, Sprache oder unterschiedliche Technologien zu decodieren. Kunsttheoretische Abhandlungen, die oft auf schwarz/weiß Kopien vervielfältigt werden und das Arbeitsmaterial von Künstlern und Kunsttheoretikern darstellen, werden gerahmt, und auf diese Weise selbst zum Bild, zum Artefakt, das ästhetische Wahrnehmung produziert. Textarbeit und grafische Reproduktion, werden als Instrumente, als Werkzeuge der Kunstgeschichte also selbst zu Akteuren des Wahrnehmungsprozesses.

Die Analyse der Empfindungen, wie Ernst Mach seine Schrift von 1886 genannt hatte wurde schließlich zur zentralen Fragestellung eines Seminars und einer Ausstellung, die das Belvedere gemeinsam mit der Akademie der bildenden Künste veranstaltet hat, und bei der Kathi Hofer sowohl als Künstlerin, wie als Kuratorin mitgewirkt hat. Diese Doppelrolle als Künstlerin und Theoretikerin ist paradigmatisch für Kathi Hofers künstlerische Arbeit. Sie verknüpft die Wissensbereiche um sie methodisch und ästhetisch zu durchdringen. Die jeweiligen Fehlstellen, die sich auf Grund der beschränkten Bedingungen der visuellen Ebene einerseits und der Sprache andrerseits ergeben, sind für Kathi Hofer krisenhafte Momente, die im Kunstwerk produktiv werden können.

Wahrnehmungstheorie im Fin de siècle

In ihrer jüngsten Arbeit beschäftigt sich Kathi Hofer mit der Corporate Identity von Faber–Castell, jenem Unternehmen, dessen grün gefasste Zeichenstifte bis heute in keinem Künstlerbedarf fehlen dürfen. Das Grün als Markenfarbe bildet für Kathi Hofer den Ausgangspunkt ihrer Recherche; in ihrer Installation, die kunsthistorische Texte zur Malerei Cézannes sowie Texte zu Ästhetik und Wahrnehmungstheorie im Fin de siècle mit exotischen Zimmerpflanzen und historischen Werbeanzeigen von Faber–Castell zusammenbringt, bildet Grün einen formalen wie inhaltlichen ‚roten Faden’. Kathi Hofer markiert mit den Bleistiften Textstellen, die Cézannes künstlerische Innovation im Verhältnis zu den zeitgleichen Umbrüchen in der Wahrnehmung von Natur und Medien zu beschreiben versuchen. Dabei entstehen Schnitte, die die Texte sowohl inhaltlich als auch bildlich dynamisieren. Und die Werbesujets von Faber–Castell, auf denen Palmen und wilde Tiere zu sehen sind und die stilistisch den Zeitgeist der Malerei bedienen, sind Belege einer Rezeptionsgeschichte der Moderne, wo Authentizität in fremden Kulturen und in der von Medien und Massenkultur scheinbar unberührten Landschaft gesucht wurde.

Kathi Hofer ist eine Künstlerin, die sich für den Produktionsprozess gleichermaßen interessiert, wie für die Rezeption von Kunst. Angesichts der Besucherströme, die sich durch Museen und Ausstellungen allerortens wälzen, ist die Auseinandersetzung mit dem Sehen gar nicht hoch genug zu schätzen, wobei die Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche mit denen der Betrachter den Bildern gegenübertritt als Handlung zu begreifen ist. Diese Handlung, das aktive Sehen erzeugt genauso Brüche und Differenzen, wie sie im Kunstwerk selbst angelegt sind. Jaques Rancière spricht in diesem Zusammenhang vom emanzipierten Zuschauer, und "die Vision des neuen Künstlers, der unmittelbar politisch ist, gibt vor, das Reale der politischen Aktion den Trugbildern der im Gehege der Museen gefangenen Kunst gegenüberzustellen."