Ed Ruscha - Interview

Highway zur Kunst

Seine coolen Wortmalereien hängen heute sogar im Weißen Haus. Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg für Ed Ruscha. Anlässlich seiner großen Retrospektive in München spricht der kalifornische Pop-Art-Künstler im art-Interview über Außenseiter, Highway-Abenteuer und die Traumfabrik Hollywood.

Das Atelier von Ed Ruscha liegt in Venice, der früheren Hippie- und Bodybuilder-Gemeinde am Strand von Los Angeles. Seit rund 20 Jahren arbeitet der kalifornische Künstler dort – hinter hohen Zäunen in garagenartigen Räu­men. Dort sieht es so unaufgeräumt aus, als sei er gerade erst eingezogen. An manchen Tagen helfen ihm Assistenten. Doch am liebsten arbeitet der 72-Jährige allein. Jetzt widmet ihm das Münchner Haus der Kunst eine große Retrospektive, die vorher in der Hayward Gallery in London zu sehen war.

Herr Ruscha, was ist es für ein Gefühl, bei der Ausstellung Arbeiten aus den vergangenen 50 Jahren zu begegnen?

Ed Ruscha: Es ist so, als ob sich meine vielen Kinder, die ich lange Zeit nicht gesehen habe, versammelt hätten.

Fahren Sie nach wie vor im Auto durch Los Angeles, um sich inspirieren zu lassen?

Ja. Die vorbeiziehenden Bilder sind wie ein Karneval der Ideen. Ich suche nicht wirklich nach etwas. Was mich inspiriert, kann unbedeutend sein. Manchmal sind es die vergessenen Dinge, die sonst übersehen werden. Ich studiere diese von Menschen errichteten Kästen, die meist mit Worten versehen werden, weil aus ihnen Fabriken oder Billigläden entstehen. Bei all der Hässlichkeit wecken Eindrücke wie diese nach wie vor mein Interesse. Ich liebe und hasse diese Stadt.

Es heißt, dass kaum einer die Straßen von L. A. so gut kennt wie Sie.

Zu einigen Straßen, die ich jeden Tag durchquere, habe ich eine spezielle Beziehung. Auf dem Sepulveda Boulevard gab es diese kleine Senkung kurz vor einer Ampel. Ich habe mich an dieses Ding herangeschlichen und meine Reifen hindurchrollen lassen. Dann erzählte ich einer lokalen Zeitung davon, wie ich jedes Mal an diesem Punkt eine Verbindung zum Zentrum des Universums spürte. Am nächsten Tag hatte die Stadtverwaltung diese wundervolle Senke repariert und mir meinen Marilyn-Monroe-Moment genommen.

Warum haben Sie sich nie für Menschen als künstlerisches Thema interessiert?

Diese Botschaft ist bei mir nie angekommen. Man kann es allerdings auch so sehen, dass viel Körperliches in Buchstaben steckt. Menschen fanden gewöhnlich als kleine Figuren ihren Weg in meine Bilder. Aber sie überlebten nicht.

Dafür hatten Sie schon seit jungen Jahren diese Faszination für Zeichen und Schilder.

Manchmal vergesse ich, ob ich Bilder von Worten male oder mit Worten. Woher die Faszination stammt, kann ich mir nicht erklären. Vielleicht, weil ich als Jugend­licher Schilder für eine Hamburger-Bude gemalt habe. Ich glaube, dass meine Neigun­gen und mein Interesse an der Kunst von so einfachen Dingen herrühren.

Wie kam es, dass Sie sich nicht wie so viele andere junge Künstler mit dem Abstrakten Expressionismus auseinandersetzten?

An der Kunstschule war das die vorherrschende Lehrmethode, die mich zur Malerei geführt hat. Ich bewunderte Franz Kline, Hans Hofmann, Willem de Kooning und Cy Twombly. Aber irgendwann realisierte ich auch, dass ich dem nichts zuzufügen hatte. Die Elemente, die sie einsetzten, waren so kristallklar, dass es keinen Raum für weitere Klärung gab. Also bewegte ich mich in eine andere Richtung und arbeitete mit vorgefassten Ideen, anstatt auf die leere Leinwand zu blicken und die Farbe darüber sausen zu lassen. Die Dinge auf meinen Bildern entsprangen abstrakten Formen. Allerdings sahen sie aus wie ein Gebäude oder setzten sich zu einem Wort zusammen.

Wie wählen Sie die Worte aus?

In Buchstaben sah ich schon früh animierte Figuren, sie wirkten wie menschliche Gestalten. Sie sprangen durch die Landschaft. Es war fast wie im Auto auf dem Highway, wenn die Landschaft horizontal vorüberzieht. Kurt Schwitters und seine Happenings, bei denen er Worte erfand, die nichts bedeuteten und die wie Poesie klangen, haben mich stark beeinflusst.

Aber wie treffen Sie die Entscheidung für ein bestimmtes Wort?

Das läuft automatisch, fast wie im Schlaf. Mal kommen mir die Worte im Traum, mal bin ich auf einen Begriff fixiert. Wie zum Beispiel das Wort "Duty" (Pflicht). Es hat dann eine Art Macht über mich, und ich ver­suche, dem Wort Leben zu geben.

Können Sie überhaupt in Ruhe ein Buch lesen oder bleiben Sie ständig an einzelnen Begriffen hängen?

Ich lese viel. Was ich nicht mache, ist fernsehen. Denn das Fernsehen befriedigt die Dummheit in uns.

Haben Sie die Debatte verfolgt, als Präsident Obama Ihr nachdenkliches Wortspiel "I think I’ll ..." im Weißen Haus aufhängte und die Republikaner ihn deswegen als unentschlossenen Politiker attackierten?

Ich habe Obama so verstanden, dass es ihm manchmal schwer fällt, Entscheidungen zu treffen. Wem geht das nicht so? Die Leute sind darauf aus, Schwächen zu finden. Ich hoffe nur, dass er meine Arbeit nicht als Mot­to für seine Arbeit im Weißen Haus auffasst.

Sie waren 1970, 1976 und 2005 auf der Venedig-Biennale vertreten – Zeiten, in denen die Amerikaner nicht gerade beliebt in der Welt waren.

1970 wurde gegen den Krieg in Vietnam pro­testiert. Zwar war ich auch gegen diesen Krieg. Aber es war für mich nicht die Antwort, keine Kunst mehr zu zeigen. 2005 moch­­te man die Amerikaner wieder nicht besonders, doch bei der Biennale war das nicht zu spüren. Dafür musste ich mich mit steifen, bürokratischen Leuten aus dem Außenministerium treffen.

Hätten Sie an einem anderen Ort als L. A. andere Kunst gemacht?

Meine Arbeiten wären nicht viel anders gewesen. Mir hätten nur die Dinge gefehlt, die mich inspirieren. Es hat etwas mit der amerikanischen Lebenseinstellung zu tun. Amerikanische Dinge, Autos, die Ikonografie der Highway. Es ist schwierig zu sagen, wo Ideen ihren Ursprung haben. Ich habe mal für einen Drucker gearbeitet und gelernt, Bücher zu gestalten. Irgendwie macht das alles zusammen aus, was ich bin.

Gerade beendeten Sie Ihr neuestes Projekt mit dem deutschen Verleger Gerhard Steidl, die von Ihnen illustrierte, limitierte Ausgabe von Jack Kerouacs Roman "On the Road", dem Manifest der Beatnik-Generation.

Ich habe Bilder von Autoteilen und Dingen gewählt, die man am Rande der Highways findet. Manche der Schwarzweißfotografien habe ich selbst aufgenommen, andere fand ich in Archiven.

Warum empfindet Ihre Generation eine so starke Faszination für das Reisen im Auto?

Kerouacs Roman las ich Anfang 1958 und dachte mir, dass ich vieles in dem Buch selbst erlebt hatte. Ich war per Anhalter von Oklahoma bis nach Miami gefahren. Drei Mal trampte ich von Kalifornien nach New York. Es war eine Fahrt in 26 Etappen, das Ganze dauerte fünfeinhalb Tage. Es geht um das Gefühl, auf der Straße zu sein. Sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, oh­ne sich dafür zu interessieren, wohin es geht. Damals führten die Schnellstraßen mitten durch die Städte und wieder in die Leere. Das Gefühl zu reisen, war kraftvoll und hat mich bei meiner Arbeit als Maler angeregt.

Hat Ihnen die viel beschworene Distanz zu New York geholfen, sich mit Ihrer Kunst freier entfalten zu können?

Es gibt nach wie vor intelligente Leute, Kritiker und Gelehrte, die glauben, dass man nur dann ernst zu nehmender Künstler ist, wenn man in New York lebt. Anfangs stufte man mich als Pop-Art-Künstler ein. Aber an den Ausstellungen nahm ich nicht teil, weil das Ganze ein New Yorker Phänomen war. Wer nicht zur New Yorker Szene gehör­te, existierte nicht. Mich ordnete man immer als kalifornischen Künstler ein. Andererseits hätte man mich vielleicht in New York zerkaut und ausgespuckt.

Ihre erste Einzelausstellung hatten Sie bereits 1963 in der Ferus-Galerie in Los Angeles. Aber es dauerte mehr als 20 Jahre, bis eine Schau komplett ausverkauft war.

Das war 1987 bei Robert Miller in New York. Oft verkaufte ich gar nichts. Ähnlich schlecht sah es mit den Besprechungen meiner Ausstellungen aus, lange Zeit wurde nichts über mich geschrieben. Mit der Kunst war kein schnelles Geld zu verdienen, nicht mal der Lebensunterhalt. Ich musste lange Zeit andere Jobs nebenbei machen.

Verfolgen Sie die junge Kunstszene?

Wenn es sich ergibt. In L. A. haben sich so viele Galerien angesiedelt, dass man einfach nicht alles sehen kann.

Wie kam Ihre Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Doug Aitken zustande?

Er ist ein Freund von mir und fragte mich, ob ich in einem seiner Filme mitspielen könn­te. Darin laufe ich wie ein Zombie durch die Gegend, während sich die Welt um mich herum verändert. Doug macht nicht einfach nur Filme, es handelt sich um verkopfte Studien. Ich mag seine Arbeit.

Empfinden Sie Ihre Fotobücher wie "Twentysix Gasoline Stations" (1963) oder "Nine Swimmingpools and a Broken Glass" (1968) immer noch als Ihre wichtigsten Arbeiten?

Einige dieser Bücher liegen mir nach wie vor ganz besonders am Herzen. "Twentysix Gasoline Stations" war eine persönliche Reise. Ich fuhr die Route 66 von Oklahoma City nach Los Angeles und sah diese Schachteln mit Worten darauf, die mehr durch Zufall Tankstellen waren. Mir gefiel die schlichte Ar­chitektur. Für mein Fotobuch "Royal Road Test" war ich 1966 mit Freunden außerhalb von Las Vegas unterwegs. Wir war­fen eine Schreibmaschine aus dem Auto­fens­ter und hielten fest, was aus ihr geworden war.

Nehmen Sie immer noch die Veränderungen am Sunset Strip auf? Für die 1966 veröffentlichte Fotoserie haben Sie die berühmte Straße mit Ihrem Auto abgefahren und jedes Gebäude, jeden Parkplatz abgelichtet.

Heute benutze ich einen Lieferwagen und lasse automatisch aus dem Fenster fotografieren. Dieses Jahr waren meine Mitarbeiter bereits sechsmal am Sunset Strip. Ich habe Tausende von Bildern. Die Idee von Veränderung und dass man 20 Jahre später dieselben Dinge aufnehmen kann, ist eine meiner Obsessionen.

Wie hat sich Hollywood für Sie verändert?

20 Jahre hatte ich dort mein Atelier, ich war stolzer Bewohner von Hollywood. Von mei­nem Fenster aus konnte ich den Hollywood-Schriftzug sehen und benutzte ihn als Smog-Melder. Hollywood ist die Stadt der Träume und des Scheiterns. Eine mystische Idee und letztlich doch nicht mehr als ein Wort.

"Ed Ruscha: 50 Jahre Malerei"

Ausstellung: bis 2. Mai, Haus der Kunst, München. Katalog: Ed Ruscha. Fifty Years of Painting. In Englisch, 39,80 Euro
http://www.hausderkunst.de/

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