Baselitz - Russenbilder

Stalin, ein munteres Onkelchen

Ein großer Auftritt in Hamburg: Die Deichtorhallen zeigen den Werkblock „Russenbilder“ von Georg Baselitz. Die Remixe sowjetischer Propagandakunst überwältigen durch große Formate – und wirken doch seltsam milde
Lenin, Stalin & Co:Baselitz malt Sowjetführer

Georg Baselitz am Eröffnungsabend der Ausstellung in Hamburg

In den Hamburger Deichtorhallen geht ein altbekanntes Gespenst um – das Gespenst des Kommunismus. Lenin hält seine Reden von der Tribüne aus, Genosse Stalin blickt in die Ferne, Soldaten der Roten Armee marschieren. „Russenbilder“ nennt der Maler Georg Baselitz, 69, seinen Werkblock von Großformaten, die jetzt in Hamburg zu sehen sind.

Zur Wärmung altlinker Herzen taugt die Ausstellung jedoch nicht: Die russischen Parteiführer stehen auf dem Kopf, wie die meisten Figuren bei Baselitz. Der Maler hat den Helden der sowjetischen Propaganda jeglichen Halt geraubt, sie scheinen auf der Leinwand zu rotieren wie eine alte Schallplatte – daran erinnert auch die weiße runde Leerstelle, die wie ein Loch in der Mitte vieler Bilder erscheint. Die Konturen zerfließen, die Farben sind wässrig, dabei hell und leuchtend. Geradezu harmlos wirkt hier die martialische Welt sozialistischer Weltbeglückung – der einstige Berserker Baselitz ist milde geworden. Seit einigen Jahren hat er die Regression zur künstlerischen Methode gemacht; in seinen Bildern tauchen Motive auf, die ihn in früher Jugend beeindruckt und bis heute nicht losgelassen haben. Er hat auch schon reitende Cowboys gemalt, und jetzt sind eben die Propagandagespenster dran, die er als Junge in der DDR erlebte. Hat sich der Maler früher wutgetrieben an seine Themen regelrecht abgearbeitet, so scheint es nun, als wolle er nur spielen.

Passend zu den neuen Bildern, herrschte am Eröffnungsabend eine harmonisch-gelassene Stimmung. Deichtorhallen-Direktor Robert Fleck pries die unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem Künstler, Kultursenatorin Karin von Welck erinnerte sich an einen beeindruckenden Atelierbesuch bei Baselitz, und auch der Maler selbst fand noch ein paar warme Worte zu Hamburg, obwohl er sich früher gewundert habe, „warum in einer so reichen Stadt so wenig Leute Kunst kaufen“. Danach verlief sich das Eröffnungspublikum in der Weite der Halle, auf den schräg gestellten Wänden im Raum wirken die Bilder fast so, als seien sie Teil eines Skulpturengartens.

Je länger man durch die Ausstellung flanierte, desto mehr erschien das heiter Hingetupfte vieler Bilder auch als Problem dieser Werkreihe. Man weiß nicht so recht, was uns Stalin sagen soll, wenn er so nett wiederkehrt als munter verdrehtes Onkelchen. Lenin auf der Tribüne, pointilistisch flirrend – hübsch, aber mehr nicht. Es fehlt dann doch die Reibung, der Wunsch nach Umsturz, nach Konfrontation. Das Gespenst des Kommunismus ist plötzlich nur noch ein harmloser Luftgeist.

Wer den brüsken, wilden Maler Georg Baselitz erleben will, der kann noch bis zum 9.12. die große Retrospektive in der Londoner Royal Academy besuchen. Die gefeierte Ausstellung zeigt das ganze Spektrum von den frühen "Heldenbildern“ bis heute.

Info

Die Ausstellung läuft bis zum 3. Februar, Katalog: 54,80 Euro

Mehr zum Thema im Internet