Félix Vallotton - Hamburger Kunsthalle

Bekenntnis eines Menschenfeinds

Er war ein griesgrämiger Zeitgenosse und ein genialer Beobachter: Félix Vallotton, dem die Hamburger Kunsthalle eine große Schau widmet, zeigte unter der glatten Oberfläche seiner Bilder die Abgründe der Pariser Bourgeoisie.
Bekenntnis eines Menschenfeinds:Griesgrämiger und genialer Beobachter

Hingabe ans Detail oder der kühle Blick eines früh Desillusionierten? Vallotton malte die "Gesäßstudie" (um 1884, 38 x 46 cm) im Alter von knapp 20 Jahren

"Lebenslang bin ich der gewesen, der hinter einer Fensterscheibe steht und zuschaut, wie draußen gelebt wird, und nicht mit dabei ist", schreibt Félix Vallotton am 7. August 1918 in sein Tagebuch. Zu diesem Zeitpunkt – er ist 52 Jahre alt – betrachtet er sein Leben schon lange mit Distanz, Abscheu und Groll: Großbürgerlich residiert er seit seiner Heirat 1899 in Paris, seine wohlhabende Gattin gibt Empfänge, sie machen Ferien am Meer, unternehmen Landpartien und Reisen.

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Um nichts muss er sich sorgen, kann sich ganz der Malerei und seinen Holzschnitten widmen – der Traum jedes Künstlers. Doch Vallotton ist diese Existenz zuwider: "Sentimentales Gewäsch, verliebtes Gurren, umschlungene Pärchen, Spazierfahrten ins Grüne und alles, was dazu gehört, sind mir von jeher auf die Nerven gefallen."

Am 28. Dezember 1865 wird Félix Vallotton in Lausanne in der Schweiz geboren, früh zeigt sich sein enormes künstlerisches Talent und be­reits mit 17 Jahren geht er nach Pa­ris. Es ist die Zeit der großen Impressionisten: Monet, Manet, Renoir, Degas tauchen von der Aura des Augenblicks beseelte Eindrücke in leuchtende Farben. Vallotton lässt das kalt. Er bewundert Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780 bis 1867), der als zeitweiliger Chef der École des Beaux-Arts der berühm­ten Schule ihre streng klassizistische Prägung gegeben hatte.

Freunde und Kollegen beschreiben schon den jungen Vallotton als zynischen Eigenbrötler und verächtlichen Beobachter. Auf den noch existierenden Fotografien sieht man einen schlanken Mann mit dünnem, glattem Haar, der stets Anzug und Weste trägt und niemals ein Lächeln auf den schma­len Lippen hat. So kühl und kon­trolliert wie er selbst, erscheint auf den ersten Blick auch seine Kunst: Ak­te, Stillleben, Interieurs, Porträts – zeit­gemäße Sujets, umge­setzt mit gro­­ßer handwerklicher Meisterschaft. Doch der Frieden trügt. In vielen seiner über 1700 Gemälde und rund 240 druckgrafischen Arbeiten lauern Wut, Selbst­hass, Argwohn, Spott und Zwänge dicht unter der Oberfläche.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen art-Ausgabe 3/2008.

"Félix Vallotton. Idylle am Abgrund"

Termin: bis 18. Mai, Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum (in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich). Katalog: Verlag Scheidegger & Spiess, 35 Euro, im Buchhandel 50 Euro
http://www.hamburger-kunsthalle.de