Afropolis - Köln

Wo utopische Träume blühen

In der Ausstellung "Afropolis - Stadt, Medien, Kunst" dominiert das Dokumentarische. Die afrikanischen Künster erzählen die Eigenheiten der boomenden Megacitys Kairo, Lagos, Nairobi, Kinshasa und Johannesburg und geben Einblick in die oft prekären Ökonomien. Eine Kritik.

Seit dem Ende der Apartheid meiden Weiße das Zentrum von Johannesburg. Einwohner, Firmen und Dienstleister sind weggezogen und haben das Quartier den Schwarzen überlassen. Im ehemaligen Ärzte­haus, einem modernistischen, etwa 20 Stockwerke hohen Bürogebäude, bieten jetzt Dutzende Einzelhändler ihre Waren an.

Um das Haus herum ist eine lebendige Schattenwirtschaft entstanden, in der die Gilde der Trolley Pusher mit Hilfe gestohlener Einkaufswagen kleinere Transportdienste übernimmt. Diese Form der prekären Ökonomie prägt nicht nur das neue Johannesburg, sondern stellt in den scheinbar unkontrolliert wuchernden afrikanischen Großstädten generell den größten Wachstumsmarkt.

In der Ausstellung "Afropolis" kommen wir den afrikanischen Megacitys auf vielfältige Weise nah. Der "Stadtgeograf" Ismail Farouk stellt sein "Trolley Project" vor, mit dem er die Arbeit der Handlanger auf eine legale Basis zu stellen versucht; die Wissenschaftlerinnen Naomi Roux und Hannah le Roux erforschen den Wandel im ehemaligen Ärztehaus, und die Videokünstlerin Minnette Vári taucht ihre Heimatstadt in poetisches Schwarzweiß. Der künstlerische Blick ist nur einer unter vielen; das ist die Stärke und zugleich die Schwäche der Schau.

Die "Afropolis" setzt sich aus Kairo, Lagos, Nairobi, Kinshasa und Johannesburg zusammen und stellt zugleich deren jeweilige Eigenheiten heraus. Im elenden Kinshasa blühen utopische Träume wie Pume Bylex' Modell einer Touristenstadt, in Kairo versucht Lara Baladi dagegen mit Filmaufnahmen den Detailreichtum traditioneller Bauweisen zu bewahren. Überhaupt dominiert das Dokumentarische: Sei es in Kainebi Osahenyes Wasserfall aus zerdrückten Getränkedosen oder in den Fotografien, die Uche Okpa-Iroha unter den Brücken von Lagos macht.

In künstlerischer Hinsicht ist es schade, dass die erste Sonderausstellung im neuen Rautenstrauch-Joest-Museum den soziologischen Blick bevorzugt. Aber die Reise nach "Afropolis" ist lehrreich und vermeidet die Extreme einer zwischen folkloristischer "Ursprünglichkeit" und Bürgerkriegsgräuel schwankenden Afrika-Rezeption. Und manchmal geht das Dokumentarische so gut mit dem Künstlerischen zusammen wie auf den Kinshasa-Bildern von Cédrick Nzolo. Er fotografiert das Nachtleben einer Stadt, die weitgehend ohne Elektrizität auskommen muss, und weil er statt Blitz die wenigen verfügbaren Lichtquellen nutzt, verwischen die Szenen in den langen Belichtungszeiten. Es ist ein malerischer Effekt, der den realistischen Charakter der Aufnahmen sogar noch erhöht.

Die Ausstellung "Afropolis – Stadt, Medien, Kunst" im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln findet noch bis zum 13. März 2011 statt. Der Katalog ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 38 Euro.