Christopher Makos - Interview

Als Warhol in China die Rolltreppe suchte

Christopher Makos arbeitet seit Beginn der siebziger Jahre als Fotograf. Studiert hat er bei Man Ray, bekannt wurde er als langjähriger Kompagnon und visueller Biograf von Andy Warhol und durch seine unprätentiösen Polaroids. In Hamburg sind seine Bilder zur Zeit in zwei Ausstellungen zu sehen. art sprach mit Makos über Warhol in China, das Geschäft mit der Kunst und zeitgenössische Fotografie.

Herr Makos, in Ihrer aktuellen Ausstellung sind besonders viele Fotografien von Andy Warhol zu sehen, die Sie in der Zeit gemacht haben, als Sie mit ihm gereist sind. Gibt es da vielleicht eine besondere Anekdote?

Christopher Makos: Ich kann viele Anekdoten zu der China-Serie erzählen: Als Andy und ich 1982 nach China reisten, fiel uns auf, dass sich viele Menschen im westlichen Stil kleideten, obwohl sie nichts über die westliche Mode wussten. Das war schrecklich. Männer wie Frauen waren einfach nicht gut angezogen. Da war keine Mode zu erkennen.

Außerdem war Andy wirklich über die Architektur der Chinesischen Mauer überrascht. Er war verzweifelt, dass er diesen ganzen Weg zu Fuß bewältigen musste und fragte andauernd, ob es nicht doch Rolltreppen oder einen Fahrstuhl gibt. Wir haben viel auf dieser Tour gelacht und ihn ermutigt zu laufen. Das schöne daran ist: Man trifft entlang dieser Mauer auf verschiedenste Menschen und lernt dabei viel über die chinesische Kultur. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass es zwar überall auf der Welt Liebe gibt, die Paare in China aber nicht verliebt aussahen. Es wirkte als wenn sie in einem Arrangement leben. Diese Eindrücke und Auffälligkeiten der östlichen Kultur habe ich dann versucht in meinen Fotografien festzuhalten.

Sie haben Warhol nicht nur einmal begleitet, sondern eine lange Zeit mit ihm gelebt.

Ich hasse Fragen über Andy Warhol.

Aber er ist sehr präsent in Ihren Arbeiten. Wie haben Sie sich eigentlich kennen gelernt und wie war Ihre Beziehung zu ihm?

Wir trafen uns zum ersten Mal bei der Eröffnung des Whitney Museums. Alles was ich sagen möchte ist, dass er ein ganz normaler Mensch war. Er war nervös, nachdenklich wegen seiner Karriere und hatte wirklich keine Superstar-Allüren. Das ist auch der Grund, warum wir so gut miteinander ausgekommen sind. Menschen die Allüren haben, kommen nicht miteinander aus.

Eigentlich wollten Sie Architektur studieren. Wieso haben Sie sich dann doch für die Fotografie entschieden?

Ich habe die Fotografie schon immer geliebt, da sie sehr spontan ist. Ein Maler muss sich hinsetzen, und es kann Tage, Wochen oder Monate dauern, bis ein Bild fertig ist. Der Prozess eines Architekten ist sogar noch langwieriger, da es eine kollektive Arbeit ist. Und der Architekt hat viele Menschen um sich herum, die in seine Arbeit involviert sind. Die Idee, die ein Architekt am Anfang hat, muss längst nicht das Endprodukt sein. In der Fotografie ist das anders, da bin ich Herr meines eigenen Schicksals. Ich kontrolliere das, was dabei heraus kommt, und zwar von Anfang an.

Sie haben bei Man Ray studiert und sind unter anderem Warhols visueller Biograf. Wie prägend waren diese Künstler für Ihre eigene Arbeit?

Warhol war ein Businessmann. Er war ein Meister darin, es zu verstehen, wie man ein Künstler sein und trotzdem von seiner Kunst leben kann. Man Ray lebte in Italien – und die Art des europäischen Lebens ist grundlegend anders als die Kunstszene in Amerika. Die US-Kunstszene war schon immer kommerzieller. In Europa machen Menschen Kunst, weil sie es wirklich lieben. Ich denke, dass das den Unterschied zwischen der alten und neuen Welt ausmacht. Mit Warhol zu sein, zu sehen wie er seine Fabrik leitete, das war wie ein Studium an einer Universität für mich. Ich habe dort wirklich viel über das Business gelernt, das war sehr hilfreich.

Was denken Sie über digitale Fotografie?

Ich liebe digitale Fotografie! Ich benutze nur noch digitale Kameras und alles was dazu gehört. Alles wird immer schneller. Besonders wenn man reist, kann man viel mehr festhalten als früher.

Aber in Ihren Ausstellungen zeigen Sie auch gerne noch Polaroids.

Polaroids sind besonders gut für Momentaufnahmen. Eigentlich sind Polaroids die Urväter der digitalen Fotografie. Auch bei der digitalen Fotografie zählt der Augenblick. Polaroids brauchen drei Minuten Entwicklungszeit und schon hat man ein Foto. Calvin Klein sagte über meine Polaroids einmal, dass sie den wilden Zeitgeist der siebziger Jahre ausdrücken. Man hat sie gemacht, um sie weiterzugeben, um einen Augeblick mit ein paar Freunden zu teilen, das war sehr intim und privat. Heute stellt man Fotos bei Facebook oder MySpace ein – aber das ist nicht das gleiche. Über das Internet teilt man seine Fotos mit einer viel größeren Gemeinschaft. Eigentlich mit jedem der herausfinden möchte was man so treibt.

Warhol nannte Sie einmal den modernsten Fotografen Amerikas. Wie schaffen Sie es, dass Ihre Bilder noch immer modern wirken?

Mein Geheimnis ist es niemals in der Vergangenheit zu leben. Zum Beispiel arbeite ich seit einiger Zeit mit Paul Solberg als die "Hilton Brothers" zusammen. Ich lasse mich von neuen Ideen und Identitäten treiben. Mein Motto ist es, niemals still zu stehen, denn Stillstand macht alt. Es ist eine Weltansicht: Wenn man immer aufgeschlossen ist, neue Leute kennen lernt und mit diesen im ständigen Dialog ist, dann geht die eigene künstlerische Arbeit auch immer voran.

Was für neue Möglichkeiten ergeben sich, wenn man zu zweit arbeitet?

Paul Solberg lenkt meine Aufmerksamkeit auf Dinge, die ich unter gewöhnlichen Umständen so nicht gesehen hätte. Eine Zusammenarbeit ist in dem Sinne immer spannend, da man nicht mehr Herr seiner eigenen Arbeit ist, sondern sich in ständiger Diskussion mit einer anderen Person befindet. Das heißt nicht, dass ich jetzt nur noch Mannschaftssport betreiben möchte, aber diese kleinen Teams, mit denen man wirklich gute Ziele erreichen kann, sind sehr förderlich.

Zusammen kreieren Sie Dyptichen.

Ja, und plötzlich erzählen die Bilder mehrere Geschichten. Wenn ich alleine arbeite, gibt es nur die eine Geschichte – wenn aber plötzlich zwei Bilder von verschiedenen Künstlern aufeinander treffen, dann wird die Vielfalt der Geschichten, die sich hinter dem Bild verbergen, groß.

"Three!"

Ausstellung zusammen mit Paul Solberg und Vera Mercer. Termin: bis 20. März, Flo Peters Gallery, Hamburg. Außerdem ist Makos Teil der Ausstellung "Pop Life" in der Kunsthalle Hamburg
http://www.flopetersgallery.com

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