Mathematisch-Physikalischer Salon - Dresden

Spektakuläre Automaten

In Dresden wurde der Mathematisch-Physikalische Salon im Zwinger wiedereröffnet. Viele der kostbaren Stücke befanden sich schon seit dem 16. Jahrhundert in der kurfürstlichen Kunstkammer und erhielten jetzt eine Generalüberholung! Die herrliche Kollektion von Globen, Messgeräten, Automaten und Uhren zeigt, wie nah Kunst und Technik einst beieinanderlagen.
Neustart für Kunst und Technik:Wiedereröffnung der Automatensammlung

Mathematisch-Physikalischer Salon, Festsaal, Instrumente der Aufklärung

Wir schreiben das Jahr 1587: Der Feinmechaniker Paulus Schuster will die Meisterwürde der Nürnberger Kleinuhrmacher erringen.

Dafür baut er eine 80 Zentimeter hohe Türmchenuhr, die allerlei Regeln folgen muss. Schlagwerke für die Viertelstunden muss sie haben, Unrast und Schweinsborstenregulierung, einen Jahreskalender sowie ein Astrolabium, an dem man die Bewegungen der Himmelskörper ablesen kann. Schuster sind diese Finessen nicht genug; er inszeniert den komplexen Zeitmesser als spektakulären Automat. Neptunfiguren reiten kopfnickend auf Fabelwesen, winzige Männlein schlagen Glocken, ein Hahn kräht und Paare drehen sich zum Tanz. Für 700 Taler erwarb die sächsische Kurfürstin Sophie das Wunderwerk und schenkte es 1590 ihrem Gatten, Christian I., zu Weihnachten. Schon fünf Tage später überstellte der Kurfürst die Türmchenuhr in die höfische Kunstkammer.

Dort kann man sie man bis heute bewundern. In der Tat handelt es sich bei dem gerade glanzvoll wiedereröffneten Mathematisch-Physikalischen Salon der Dresdner Kunstsammlungen um den legitimen Nachfolger des kurfürstlichen Kunstkabinettes, das Christians Vater August bereits 1560 einrichtete. 2500 Stücke umfasst der Bestand. Wenn wir jetzt auf etwa 400 aufwendig inszenierte Exponate davon blicken, dann sind es besonders jene frühen Geräte aus dem 16. Jahrhundert, die uns bezaubern. Denn beim Bau von Uhren, Navigationsgeräten, Zirkeln oder Geschützaufsätzen ging es stets um ästhetischen Mehrwert und nicht allein um reibungslose Funktion. So weiß man bei dem blanken, fein ziselierten Wegemesser, den sich Kurfürst August von Sachsen 1584 bauen ließ, zunächst nicht, mit was für einer Art Spielzeug man es zu tun hat. Das runde Messgerät jedoch spiegelt den geradezu fanatischen Hang des Sammlungsgründers August zu Mathematik und Mechanik. Auf seinen Reisen zeichnete er damit eigenhändig und akribisch Wegeslänge, Stationen und Topografie auf.

Der Dresdner Zwinger als Bühne für kostbare Instrumente

Die Vermessung der Welt, die die Gelehrten und Reisenden der frühen Neuzeit umtrieb, wird nun in Dresden nacherlebbar. Der Salon mit seinen Wunderwerken zwischen Naturwissenschaft und Kunst, zwischen Technik und Spiel, zwischen Forschung und Repräsentation war ganze sechs Jahre lang verschlossen. Die Umbauten und Renovierungen haben 17 Millionen Euro gekostet: eine Investition, die sich gelohnt hat. Schließlich wurde die Ausstellungsfläche fast verdoppelt. Das war kein einfaches Unterfangen, denn die berühmte Sammlung befindet sich seit 1728 am gleichen Ort; im Dresdner Zwinger. Klar, dass in dieser barocken Anlage, die ja selbst gleichsam ein Museumsstück ist, enorme denkmalschützerische Befindlichkeiten herrschen. Die lichten Galerien und Pavillone waren einst als reine Vergnügungsarchitektur gedacht und nicht als Museum. Klimaeinbauten, Lichtschutz oder Fahrstuhl verlangten den Planern höchste Behutsamkeit ab. Das Fehlen von Treppenhäusern spricht da von schmerzhaften Kompromissen.

Doch vielleicht tröstet ein anderer Umstand über dieses Manko hinweg: Tatsächlich gelang ein kleiner Neubau, der sich rückseitig in den Zwingerwall gräbt. In diesem lichtlosen Raum wird nun die Globensammlung des Mathematisch-Physikalischen Salons edel präsentiert. Das ist besonders dem Schweizer Ausstellungsgestaltern Holzer Kobler Architekturen zu danken, die bereits 2011 mit der Ausstattung von Daniel Libeskinds Militärhistorischem Museum in Dresden einen gelungenen Auftritt ablieferten. Auf den 1000 Quadratmetern des neuerwachten Salons demonstrieren Barbara Holzer und ihre Mitstreiter nun, wie gekonnt sie auf weit kleinerer Fläche agieren.

So ist der Globenraum in geheimnisvolles Halbdunkel getaucht, das die gewaltigen Kugeln und Scheiben wie ein eigenes Planetensystem erstrahlen lässt. Dort finden wir einen persischen Himmelsglobus aus dem 13. Jahrhundert und einen niederländischen Erdglobus von 1645, über und über mit Entdeckerschiffen und seltsamen Ungeheuern bemalt; an zentraler Position verblüfft die monumentale Weltzeituhr von Andreas Gärtner. Auf deren golden schimmernder Scheibe las man auf unzähligen, winzigen Zifferblättern die aktuelle Uhrzeit von fast jedem um 1690 bekannten Ort der Erde ab.

Automaten erwachen und eine Vakuumpumpe wird zum Star

Hier bekommt man eine Ahnung von jenem Staunen, das Besucher der damaligen Kunst- und Raritätenkabinette erfüllt haben muss. Es setzt sich fort in der nächsten Abteilung, betitelt "Der Lauf der Zeit": funkelnde Zeitmesser aller Größen, wohin man schaut. Dort begegnet man dann auch dem Meisterstück von Paulus Schuster, der zierlichen Türmchenuhr wieder. Die winzigen Tänzer freilich drehen sich nicht mehr, und auch die Meeresungeheuer stehen still. Dass lässt sich verschmerzen, weil Besucher auf zahlreichen, elegant eingepassten Videostationen dann doch die Funktion der kunstreichen Automaten verfolgen können.

Da erwacht der trommelnde Tanzbär von 1625 zu neuem Leben, und auch das Pferd eines reitenden Türken auf einem frühen Chronometer rollt wild mit den Augen. Insofern befriedigt die ohnehin schon sehr sinnliche Neupräsentation auch die Ansprüche des digitalen Erlebnishungers. Enttäuschend ist an dieser Stelle nur, dass über Objektschilder hinaus der sonstige Informationsbedarf kaum gestillt wird. Leider liegt kein aktueller Ausstellungskatalog vor, aus dem man zum Beispiel erfahren könnte, wofür ein Astrolabium überhaupt verwendet wurde oder welche Entdeckungen dem Barockgelehrten und Alchimisten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651 bis 1708) mit seinen riesigen Brennspiegeln nun ganz genau gelangen.

Aber wenn man Glück hat, wird man im Schaulabor des Hauses, dem "Salon im Salon", Zeuge von nachgestellten Experimenten zu Elektrizitäts- und Vakuumforschungen, die die Zeitgenossen in Renaissance und Barock atemlos verfolgten. Eine aufwendig nachgebaute Vakuumpumpe von 1709 hatte bereits anlässlich des Eröffnungsaktes des Salons im Dresdner Schauspielhaus einen faszinierenden Auftritt. Pointiert moderiert von Fernsehphysiker Ranga Yogeshwar, wurde dort die Luft aus zwei schwebenden Halbkugeln aus Messing gesaugt. Erst die Last von über 350 Kilogramm in mächtigen Gewichten brachten den Versuch zu einem polternden Ende. Das Publikum von 2013 jubelte begeistert über das so simple wie eindrucksvolle Phänomen – sicher ganz so, wie es sich seinerzeit am Hofe von August dem Starken daran delektiert haben mag.

Mathematisch-Physikalischer Salon

Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Zwinger
geöffnet täglich 10 – 18 Uhr, außer montags
Bis 19. April bis 20 Uhr geöffnet, nur in diesem Zeitraum freier Eintritt von 16 – 20 Uhr.

http://www.skd.museum/de/museen-institutionen/zwinger-mit-semperbau/mathematisch-physikalischer-salon/index.html?pk_campaign=buehnenteaser&pk_kwd=mps

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