Phototriennale - Hamburg

Triennale Tipps

Die Triennale der Photographie widmet sich dieses Jahr dem Verhältnis von Fotografie und Film. Neben vielen interessanten Ausstellungen lockt also auch der Kinosessel. Damit Sie die wichtigsten und spannendsten Veranstaltungen nicht verpassen, haben wir die Fotografen, Galeristen und Fotoexperten Rob Hornstra, Robert Morat, Thorsten Brinkmann, Enno Kaufhold, Andreas Herzau, Anna Gripp und Denis Brudna gebeten, uns ihre persönlichen Empfehlungen zu schicken.

Rob Hornstra, Fotograf

Ich besuche die Ausstellung "Motherland und We English" von Simon Roberts in der Galerie Robert Morat (noch bis 7. Mai 2011). Robert Morat präsentiert in seiner Galerie konsequent die besten zeitgenössischen Dokumentarfotografen. Simon Roberts ist einer von ihnen.

Außerdem werde ich mir den für den Oskar nominierten Dokumentarfilm "Restrepo" (Montag, 4. April, 19 Uhr, weitere Termine im Kino Abaton) über US-Soldaten in Afghanistan von Tim Hetherington und Sebastian Junger ansehen. Der Fotograf Hetherington sagte nach einer Veröffentlichung in der Zeitschrift "Vanity Fair" (drei Millionen Leser sind anscheinend nicht genug für ihn), dass ein Film die einzige Möglichkeit wäre, ein großes Publikum zu erreichen. Ich bin neugierig, ob er die gleiche Wirkung entfaltet wie Hetheringtons Fotos.

Auf jeden Fall besuche ich noch den Buchladen im Haus der Photographie in den Deichtorhallen. Die haben eine außergewöhnlich gute Auswahl an zeitgenössischen Fotobüchern. Wenn danach noch Zeit ist, was normalerweise nicht vorkommt, werde ich mir noch die Ausstellung "Jack Freak Pictures“ von Gilbert & George in den Deichtorhallen anschauen.

Rob Hornstra, niederländischer Fotograf, präsentiert mit "Ivan´s Cowshed & Putin´s Games" einen Auszug aus seiner aktuellen Arbeit "The Sochi Project" (Freelens Galerie, Eröffnung: Samstag, 2. April 2011, 19.00 Uhr)

Robert Morat, Galerist

Ein ehrliches Porträt erzählt nicht nur vom dargestellten Menschen, sondern auch vom Fotografen. Porträts sind in gewisser Weise immer auch Selbstporträts. Das Porträt, in meinen Augen eine der spannendsten Disziplinen in der künstlerischen Fotografie, kommt im Ausstellungsbetrieb, vor allem auch im kommerziellen Galeriebetrieb, immer wieder zu kurz. Umso löblicher, dass das Museum für Kunst und Gewerbe mit "Portraits in Serie. Fotografien eines Jahrhunderts" (MKG, Eröffnung: Donnerstag, 31. März 2011, 18 Uhr) der Gattung eine so umfassende, so prominent besetzte Retrospektive widmet.

Der Kollegin Hilaneh von Kories ist mit der Ausstellung Vivian Maier: "Twinkle, twinkle, little star ..." (noch bis 28. April 2011) die Bergung eines echten fotografischen Schatzes gelungen. Maier, ein Kindermädchen aus Chicago, fotografierte ihr ganzes Leben lang. Offenbar ging es ihr in 40 Jahren nur um den Akt des Fotografierens, denn zurück blieben Dutzende von Kisten unbelichteten Filmmaterials, die jahrzehntelang in einem Lagerhaus schlummerten. Nach ihrem Tod wurde das Lager aufgelöst und versteigert. Nur durch Zufall gerieten die Kisten in die Hände eines jungen Immobilienmaklers, der glücklicherweise erkannte, welch wichtige Position der amerikanischen Street Photography sich hier verbirgt. Und es ist der Verdienst von Hilaneh von Kories, diese Arbeit nach Hamburg geholt zu haben.

Der britische Fotograf Tim Hetherington arbeitet für das amerikanische Magazin "Vanity Fair" und hat sich mit seiner beeindruckenden Kriegsberichterstattung aus dem Irak und Afghanistan international einen Namen gemacht. Für seinen ersten Dokumentarfilm: "Restrepo" (Montag, 4. April, 19 Uhr, weitere Termine im Kino Abaton) über den Einsatz eines amerikanischen Platoons in Afghanistan wurde er für einen Oscar nominiert. Wer etwas darüber lernen will, was für eine menschliche Apokalypse Krieg bedeutet, der muss sich diesen Film unbedingt ansehen. Zumal es beachtlich ist, wie hier ein junger Fotograf mit dem Medium Film Neuland betritt und dann solch ein überzeugendes Ergebnis abliefert.

Volker Gerling läuft zu Fuß. Quer durch Deutschland. Vor sich einen Bauchladen, aus dem er Daumenkinos verkauft. Er porträtiert Menschen, die ihm auf seiner Wanderschaft begegnen, und seine Daumenkinos erzählen von diesen Menschen. Der Betrachter erfährt in diesen "Minikurzfilmen" von dem Davor und dem Danach einer Porträtaufnahme: Wie setzen sich die Menschen in Pose, da werden noch mal die Haare gerichtet, der Stuhl verrückt, dann das erleichterte Lachen, wenn man glaubt, die Aufnahme sei im Kasten, die Irritation, wenn die Porträtierten bemerken, dass in den letzten 30 Sekunden nicht eines, sondern 40 Bilder gemacht wurden. Volker Gerling berichtet in seiner Bühnenshow "Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt" (Montag, 4. April, 19 Uhr, im Kino B-Movie) von diesen Begegnungen, die Daumenkinos werden unter einer Kamera geblättert und für das Publikum auf eine Leinwand projiziert. Er erzählt so anrührend und humorvoll; ich habe die Show letztes Jahr im Fleetstreet Theater gesehen – großartig, unbedingt hingehen!

Ein Experiment. Und vielleicht der finale Höhepunkt der Triennale. Fotoserien und Videoarbeiten von zehn Künstlern werden bei "Visions on Film" mit DJ Ingo Taubhorn (Mittwoch, 6. April, 19 Uhr, Triennale Zelt) parallel auf zehn Leinwänden projiziert. Alle, darunter erfolgreiche zeitgenössische Fotografen wie Alex Prager oder Eric Ogden, beschäftigen sich mit der Wechselwirkung von Fotografie und Film. Außerdem will man eines ja ganz sicher nicht verpassen: DJ Ingo Taubhorn!

Robert Morat, Galerist aus Hamburg, zeigt in seinen Räumen die Ausstellung "Motherland + We English" des englischen Fotografen Simon Roberts (noch bis 7. Mai 2011)

Thorsten Brinkmann, Künstler

Mich interessieren besonders die angekündigten Fotofilme, zum Beispiel der Voodoofilm “Mounted by the Gods“ von Alberto Venzago (Freitag, 1. April, 18 Uhr, im Kino Metropolis) da ich schon vor einiger Zeit auf die Verhüllungskultur bei Voodoozeremonien aufmerksam gemacht wurde.

Von Elliott Erwitt kenne ich bisher nur Fotografisches. Da bin ich gespannt, wie sich sein Humor in den Kurzfilmen (Dienstag, 5. April 2011, 17 Uhr, im Kino Metropolis) niederschlägt.

Außerdem möchte ich mir den Film "Die Strände von Agnès" von Agnès Varda (31. März bis 4. April und 6. April 2011, jeweils um 15.45 Uhr, im Kino 3001) anschauen. Von der französischen Dokumentarfilmerin wollte ich schon immer mehr sehen.

Am Kurzfilmprogramm „Back to the Future: Fotofilm des 21. Jahrhunderts“ (3. April 2011, ab 17:30 Uhr, Alabama Kino) interessiert mich, wie die jeweiligen Fotofilmer mit dem Verhältnis von Bild, Ton und Sprache umgehen.

Thorsten Brinkmann, Künstler und Fotograf, lebt in Hamburg und zeigt bei der Griffelkunst-Vereinigung seine neue Arbeit "Ernie & Se king" (Griffelkunst-Vereinigung Hamburg, bis 27. Mai 2011, 10-15 Uhr)

Anna Gripp und Denis Brudna, Herausgeber "Photonews"

"Foto-Film-Foto" ist ein spannendes Thema, aber uns locken auch Termine abseits dieses Schwerpunktes, zum Beispiel das Round-Table-Gespräch "Visuelles Erbe. Eine nationale Aufgabe?"" (Dienstag, 5. April, 18.30 Uhr im Triennale Zelt), schließlich suchen immer mehr Fotografen und Institutionen aktuell nach einer Lösung für ihr Archiv.

Passend dazu gibt es in der Galerie Hilaneh von Kories mit "Twinkle, twinkle, little star ..." (noch bis 28. April 2011) Arbeiten aus einem kürzlich in Chicago entdeckten Bilderschatz zu sehen: Fotografien der 1950er und 1960er Jahre von Vivian Maier.

Und zum Abschluss freuen wir uns auf die "Visions on Film": Dort werden Fotoserien und Videoarbeiten von zehn internationalen Künstlern präsentiert (Mittwoch, 6. April ab 19 Uhr im Triennale Zelt).

Anna Gripp und Denis Brudna sind die Gründer und Herausgeber der seit 1989 erscheinenden Zeitschrift „Photonews, Zeitung für Fotografie“

Enno Kaufhold, Historiker, Kurator und Publizist

Obwohl mich Filme wie die von Elliott Erwitt oder die des DOK 8-Kurzfilmprogramms interessieren würden, werde ich mir, wenngleich das nicht sehr originell ist, aus Zeitgründen wohl nur ein paar Ausstellungen ansehen können: Die beiden Ausstellungen "The Twins. A Visual Journey by Gisela Getty & Jutta Winkelmann" und "Little Joe – Der Traummann der 70er Jahre" (beide vom 1. April bis 22. Mai 2011) im Haus der Photographie, die Ausstellung "Portraits in Serie. Fotografien eines Jahrhunderts" im Museum für Kunst und Gewerbe und sicher die Ausstellung von Rob Hornstra in der Freelens-Galerie (Eröffnung: Samstag, 2. April 2011, 19.00 Uhr).

Enno Kaufhold ist promovierter Kunst- und Fotohistoriker. Er publiziert in zahlreichen Zeitungen, Zeitschriften und Katalogen. Im Rahmen der Triennale nimmt er am Round-Table-Gespräch „Visuelles Erbe. Eine nationale Aufgabe?“ teil (Dienstag, 5. April, 2011, 18.30 Uhr, Triennale Zelt)

Andreas Herzau, Fotograf

Ich empfehle "Restrepo", einen Film von Sebastian Junger und Tim Hetherington. Die Regisseure haben ein Jahr lang ein Platoon der 173. US-Luftlandebrigade in Afghanistan begleitet. 15 Soldaten sind die Darsteller dieses Dokumentarfilms, und ausschließlich die Soldaten kommen auch zu Wort. Der Titel des Films bezieht sich auf einen Außenposten der Amerikanischen Armee im Korengal-Tal, der seinen Namen durch den dort gefallenen Soldaten Juan Restrepo erhielt.

Wer schon am frühen Nachmittag Zeit und Lust auf Dunkelheit im Kino hat, sollte sich die Filme von Agnès Varda im 3001 Kino nicht entgehen lassen. Diese Grande Dame der Fotografie und des Films (Jahrgang 1928) wurde enorm von den Surrealisten geprägt und angeregt. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für sie war dabei der assoziative Umgang mit ihrem Material, also Filmsequenzen und Fotografien, und den Zufall als bewusstes Mittel der Gestaltung und Regie zu nutzen. Ihre Hauptzeit war während der von Männern geprägten Ärea der Nouvelle Vague in Paris. Das Hauptthema ihrer Arbeit ist Poesie und Film. Für alle Cineasten ein Leckerbissen und für alle Multimediafreaks ein Muss, denn sehr vielen Multimediamachern ist eines gemeinsam, sie tun immer so, als ob dieses Genre gerade erst erfunden wurde, was sich mitnichten so verhält. Im Programm des 3001 Kinos ist der erst 2008 fertig gewordene Film "Die Strände von Agnès" zu sehen und eine kleine Auswahl von Kurzfilmen von ihr (31. März bis 4. April und 6. April 2011, jeweils um 15.45 Uhr, im Kino 3001).

Und nochmal Kino, aber erstens anders und zweitens als gedacht. Daumenkino im B-Movie, die Bühnenshow "Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt" von und mit Volker Gerling (Montag, 4. April 2011, 19 Uhr, Kino B-Movie).

"The Twins. A visual journey by Gisela Getty & Jutta Winkelmann" (1. April bis 22. Mai 2011, Haus der Photographie) ist eine Ausstellung, die Spaß machen wird, da wir nicht nur gute Bilder sehen, sondern vor allem den Einzug der Popkultur in unser Leben noch einmal Revue passieren lassen können.

Zum Schluß noch ein Hinweis auf "Stop motion. Über Fotografie, Film und Bewegung" von Michael Diers (Sonntag, 3. April 2011, 11 Uhr, Triennale Zelt). "Der Vortrag beschäftigt sich mit der Frage des Verhältnisses von Stillstand und Bewegung, demonstriert an den Medien Fotografie und Film. Gefragt wird nach der wechselseitigen Erhellung, welche die Bildende Kunst und der Film gelegentlich über diese Konfrontation zu erzielen suchen" (aus dem Programm). Dies klingt zwar sehr theoretisch, aber verspricht die Berührungspunkte zwischen Film und Fotografie zu behandeln. Und als Zuschauer vieler Multimedia-Produktionen meine ich erkennen zu können, dass ein wenig Theorie dem Feld des Multimedialen nicht schaden würde.

Andreas Herzau, Fotograf, lebt in Hamburg und ist Mitglied der Fotoagentur laif. Auf der Triennale spricht Herzau über die Inszenierung von Fotografien mit Hilfe filmischer Mittel (Freitag, 1. April 2011, 16.30 Uhr, Triennale Zelt)

5. Triennale der Photographie Hamburg

Termin 1. bis 6. April, verschiedene Veranstaltungsorte, Tickets für die Triennaleveranstaltungen erhalten Sie ab dem 31. März 2011 im Triennalezelt, Deichtorstraße 1-2; Tickets für Kinovorstellungen und Ausstellungen an den jeweiligen Kassen.
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