Wolfgang Joop - Interview

Schönheit ist avantgardistisch

Wolfgang Joop, der mit seinem Namen und einem Ausrufezeichen einen ganzen Lifestyle geprägt hat, hat sich bereits vor knapp zehn Jahren von Joop! verabschiedet, um Prêt-à-porter gegen Haute Couture, massenverkäufliches Design gegen einen neuen künstlerischen Anspruch einzutauschen und 2003 das Modelabel Wunderkind ins Leben gerufen.
"Schönheit ist avantgardistisch":Das art-Interview mit Wolfgang Joop

"Schönheit hat mich immer angezogen", sagt Wolfgang Joop, der in den sechziger Jahren sein Kunststudium bei Otto Mühl abgebrochen hat. Nun zeigt er erstmals Skulpturen und textile Installationen in der Kunsthalle Rostock

Sein eigentliches Talent, so der Modezar, liege in der Bildhauerei und Malerei, und auch Wunderkind möchte er als Kunst verstanden wissen. Nach Ausflügen in die Schauspielerei und Veröffentlichungen als Schriftsteller will der 64-Jährige diesem Selbstverständnis nun endgültig Nachdruck verleihen: In der Kunsthalle Rostock gewährt eine große Einzelschau unter dem Titel "Eternal Love" einen umfassenden Einblick in sein künstlerisches Schaffen der letzten zehn Jahre. art sprach mit Joop über seine Vergangenheit mit Otto Mühl und über Glamour und Schönheit in der Kunst.

Herr Joop, Ihnen wird zum ersten Mal in einem Museum eine große Einzelschau ausgerichtet. Stellen Sie als Designer oder als Künstler dort aus?

Wolfgang Joop: Designer war ich nur bei Joop!. Nachdem ich meine letzten Anteile an der Joop GmbH 2000 verkauft hatte, weil ich mich nicht mehr dem Marketing-Diktat beugen wollte, habe ich erstmal einen Roman geschrieben und dann die Avantgardemodemarke Wunderkind gegründet. Das Ganze hieß zunächst noch "Wunderkind Art". Ich wollte mich wieder meinem eigentlichen Talent, der Bildhauerei und der Malerei, widmen. Ich habe in der Zeit eine Ausstellung von Alexandre Noll organisiert und auch meine eigene Schau unter dem Titel "Black is beautiful". Zum Thema der Havarie in der Bretagne habe ich ölverschmierte Tiere als Skulpturen zusammen mit Zeichnungen ausgestellt. Dann habe ich begonnen, mich wieder in das Modefeld zu begeben, aber auf einem ganz anderen Level.

Mit dem Modelabel Wunderkind machen Sie also Kunst?

Absolut. Limitiert allerdings durch den menschlichen Körper und durch ein gewisses Budget, das man einhalten muss. Ich gehe beim Entwerfen vor, wie jemand, der einen Film inszeniert: Ich schreibe ein Skript, habe einen Titel und besetze die Figuren, in Textil umgesetzt. Als ich mit Wunderkind begann, habe ich mit Einzelteilen gearbeitet, wie mit einer Skulptur: out of limits. Bei Joop! hatten wir den Kunden genau im Visier, nun wusste ich nicht mal mehr, ob es diesen Kunden überhaupt gibt. Das "Kunst-machen" ist ja eine sehr eremitenhafte Arbeit, man kann sich mit sich selbst auseinander setzten, man kann sich auch therapieren, man kann meditieren. Das kann man in der Mode leider nicht.

Welche Arbeiten sind nun in Rostock zu sehen?

In einem Raum werden meine Engelskulpturen aus Marmor zu sehen sein, an denen ich die letzten zehn Jahre gearbeitet habe. Außerdem unfertige Kleider aus Nessel, die aus dem nicht fertigen Arbeitsprozess entstanden sind. Und schließlich textile Installationen mit dem Thema "Eternal Love". Das Ganze ist eine Momentaufnahme meines Schaffens, keine Retrospektive. Ich hatte ja auch schon früher Ausstellungen mit meinen Illustrationen. Diesmal zeige ich aber eine ganz andere Art von Arbeit, etwas ganz Neues, das auch auf meine Arbeit bei Wunderkind zurückgeht.

Was hat es mit dem Ausstellungstitel "Eternal Love" auf sich?

Ich bin von einem bürgerlichen Hintergrund ausgegangen, von den gestickten Bildern, die damals auf den Fenstern oder in der Küche hingen. Bei meinen Bildern geht es allerdings um die Liebe und den Tod. Ich habe diese meditative, nonnenhafte Arbeit benutzt, um ewige Liebe zu illustrieren. Liebe über den Tod hinaus: Das ist "Eternal Love". Gerade in dieser Zeit des Verfalls und des Umschwungs dachte ich, das Thema Ewigkeit wäre wichtig.

Sie haben in den Sechzigern zunächst angefangen Kunst zu studieren, Ihre Arbeiten wurden aber als zu glatt, schön und modisch abgetan ...

Das war die Zeit der Revolution. Wir haben mehr über Politik diskutiert, als dass wir irgendetwas lernten.

Aktionskunst hat Sie nicht interessiert?

Nein. Es wurde praktisch permanent Aktionskunst gemacht, Sit-Ins, Schlachten – Otto Mühl war zu der Zeit unser Professor. Ich hatte keine Lust, daran teilzunehmen, sondern wollte mir ein akademisches Wissen aneignen, was ich dann außerhalb der Universität gemacht habe.

Was interessiert Sie an Kunst? Muss Kunst schön sein?

Schönheit hat mich immer angezogen. Und mittlerweile, nach all der Hässlichkeit in unserer Welt, finde ich Schönheit ausgesprochen avantgardistisch. Den ganzen Abfall, den es heute gibt, kann man dem Fernsehen überlassen. Ich dachte immer, Kunst soll mich trösten, nicht verstören oder irritieren – allerdings auch zum Nachdenken anregen. Ich finde Schönheit manchmal sehr provozierend, wie ein schöner Sonnenuntergang oder ein schöner Mensch: Er schafft Distanz, er berührt mich, er macht mich demütig.

Wolfgang Joop über Joseph Beuys und Damien Hirst

Stimmt es, dass Sie, als Sie den Namen "Wunderkind" Anfang der Neunziger haben schützen lassen, zunächst an Kunst dachten?

Ja, ich habe den Ausdruck in Amerika gefunden, man versteht ihn auch international. Unser größter Markt ist Italien, dann kommt Russland, dann der asiatische Raum. Deutschland ist für uns ein Markt, der diese Art von Mode kaum versteht.

Was hatten Sie sich damals genau vorgestellt?

Ich habe mir gar nicht viel vorgestellt. Ich dachte nur: Wow, Wunderkind, das ist so ein besonderes Wort, das ein so elitäres Dasein beschreibt.

Aber Sie hatten Anfang der Neunziger nochmal die Idee, wirklich in die Kunst zu gehen?

Nicht nur Anfang der Neunziger, ich hatte das von Anfang an vor. Es wurde nur immer irgendwie verhindert. Ich war damals einfach der falsche Typ für die Kunstszene, wie sie sich damals sah. Sie war so voller Bedenken und Tiefgründe, so intellektuell. Also mit dem Intellektuellen hätte ich es aufnehmen können, aber ich sah vielleicht nach außen hin zu auffällig aus. Das war ja dasselbe wie bei Tamara de Lempicka. Wie lange hat sie gebraucht, um als Künstlerin akzeptiert zu sein! Aber heute ist das wichtigste der Glamour-Faktor. Keiner setzt sich mehr mit Joseph Beuys auseinander. Das findet man einfach nur noch anstrengend, das ist etwas für die Kunstsachverständigen. Ein Giacometti bleibt hängen, ein Picasso bleibt liegen, aber eine Tamara hat Höchstpreise erzielt.

Und den Glamour verkörpern auch Sie?

Ja, sogar eine ganze Menge (lacht)!

Erhoffen Sie sich durch die Ausstellung nun mehr Anerkennung?

Nein, ich glaube, ich habe schon genug Anerkennung bekommen.

Als Designer ...

Man hat mich als Schriftsteller ernst genommen und sogar als Schauspieler. Aber ich bin jemand, der sich nicht so wahnsinnig gerne festlegen lässt. Ich bin auch nicht abhängig von dem Urteil anderer Leute, dazu bin ich zu alt und zu erfahren. Ich freue mich, wenn es anderen gefällt, wenn andere Leute sich berührt fühlen und einen emotionalen Mehrwert von meinen Arbeiten haben. Dann bin ich sehr stolz, aber ich bin nicht davon abhängig.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Hintergrund als Designer Ihrer Kunst geholfen hat?

Die Erfahrungen, die ich handwerklich, geschäftlich und emotional als Designer gesammelt habe, haben mir für diesen jetzigen Weg geholfen, selbstbewusst anzutreten und zu tun, was ich fühle. Das habe ich vor allem bei Wunderkind nochmal geübt. Ich bin heute sehr stolz darauf, ein "artistique entrepreneur", ein künstlerischer Unternehmer, zu sein und auf beiden Seiten reussiert zu haben. In einer sehr schwierigen Zeit habe ich alles auf eine Karte gesetzt. Und genau das ist der Künstler, der nichts anderes kann, als das zu tun, was er tut.

Streben Sie die Zusammenarbeit mit einer Galerie an?

Das weiß ich noch nicht genau. Die Kunst, die heute interessant ist, wird über die Medien lanciert, nicht mehr über die Galerien. Damien Hirst war ja auch derjenige, der selbst eine Auktion mit seinen eigenen Werken gemacht hat, er hat die Galerien außen vor gelassen. Wissen Sie, Galerien haben heute, seit Kunst keine heiße Ware mehr ist, ganz große Probleme. Um meine Arbeiten auszustellen, müsste sich eine Galerie davon überzeugen lassen, diese Arbeiten in den Mittelpunkt zu stellen. Sie passen einfach nicht zu einer Skulptur von Patricia Waller oder zu einem Bild von Martin Kippenberger. Meine Kunst verlangt einen leeren Raum.

Wie sieht es mit Ihrer eigenen Kunstsammlung aus? Sie haben gerade alle Werke von Tamara de Lempicka verkauft.

Ich habe nur noch Werke aus dem 18. Jahrhundert und früher behalten.

Sie sagen, der Verkauf habe nichts mit der Wirtschaftskrise zu tun. Etwa mit Ihrer eigenen Ausstellung, als eine Art Statement?

Ich habe die Werke verkauft, um wieder autark zu sein. Man wird irgendwann zum Kurator, zum Pfleger der eigenen Sammlung. Ich hatte genug von der Pflege. Und nachdem ich meine eigenen Werke selber behalte, muss ich Platz schaffen. Ein Kunstwerk hat ja viel mit dem Leben eines anderen zu tun. Meine Biografie ist so voll, dass ich für die Biografien anderer nicht mehr so viel Platz habe.

"Wolfgang Joop: Eternal Love"

Termin: bis 28. Juni, Kunsthalle Rostock. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei.
http://www.kunsthallerostock.de/

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