Guy Bourdin - London

Surrealismus, Sex und Schuhe

Eine Ausstellung in London zeigt bisher unveröffentlichte Bilder des legendären französischen Modefotografen Guy Bourdin.

Kaum ein Fotograf hatte einen so starken Einfluss auf die visuelle Sprache der Modemagazine in den siebziger Jahren wie Guy Bourdin. 30 Jahre lang arbeitete er für die französische Vogue, und 14 Jahre lang prägte er mit knalligen Farben, surrealen Inszenierungen und sexuellen Konnotationen das werbliche Image des Schuhherstellers Charles Jourdan. Guy Bourdin ist einer der am meisten nachgeahmten Modefotografen der Welt – dabei aber weitaus weniger bekannt als seine Zeitgenossen Helmut Newton oder Richard Avedon.

Ein Grund dafür ist, dass der Franzose zu Lebzeiten kaum an Ausstellungen teilnahm, keine Monografie veröffentlichte und auch keine Prints als Einzelabzüge verkaufte. 1985 sollte ihm der Grand Prix National de la Photographie verliehen werden – Bourdin lehnte ab. Er bevorzugte das schnelle, vergängliche Medium der Zeitschrift, und er war ein Meister der Doppelseite, auf die er seine Bildinszenierungen akribisch genau auslegte.

Seine Karriere als Vogue-Fotograf begann in den fünfziger Jahren, zu einer Zeit, als Modefotografie noch brav und betulich war. Bourdin nahm dem Gerne das Seichte und gab ihm Sex, Gewalt und Glamour. Er inszenierte voyeuristische Blicke – in den Sechzigern noch in Schwarz-Weiß –, die heute wie Film Stills wirken. In den Siebzigern kam die Farbe hinzu, die Bourdin wie eine kräftige Zutat für seine fotografischen Erzählungen einsetzt: knallroter Nagellack als Blutlache neben einem nackten Frauenkörper, ein pinkfarbener High Heel am Tatort eines fiktiven Verbrechens. Gewalt- und Kriminalinszenierungen wurden zu einem immer wiederkehrenden Thema: Insbesondere in seinen Werbekampagnen für Charles Jourdan sieht man immer wieder leblose Frauenkörper, die am Straßenrand, in Garderoben und Wohnräumen liegen. Oftmals sind ihre Körper reduziert auf Beine oder Rümpfe in Anlehnung an Hans Bellmers surrealistische Puppenplastiken.

1991 starb Guy Bourdin 62-jährig in Paris. Zehn Jahre nach seinem Tod erschien "Exhibit A", die erste größere, von seinem Sohn herausgegebene Monografie, und 2003 zeigte das Victoria & Albert Museum die erste retrospektive Museumsausstellung seines Werkes. Das Auktionshaus Phillips de Pury zeigt nun bisher unveröffentlichte Bourdin-Fotografien aus den Siebzigern und Achtzigern, die für die französische Vogue, Charles Jourdan oder als freie Produktionen entstanden. Viele der Bilder zeigen Nicolle Meyer, Bourdins Lieblingsmodel und Muse, mit der einige seiner berühmtesten Fotos entstanden und die in den Achtzigern eine kurze Karriere als Sängerin in der Neuen Deutschen Welle machte.

"Unseen": Guy Bourdin

Termin: bis 4. Juli 2009, The Wapping Project, Wapping Hydraulic Power Station, London
http://www.thewappingproject.com/

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