International Festival - Manchester

Hindus im Schottenrock

Unter den eingeladenen Künstlern des diesjährigen "Manchester International Festival" finden sich so große Namen wie die irakische Architektin Zaha Hadid, die serbische Performancekünstlerin Marina Ambramovic oder die New Yorker Band Anthony and the Johnsons. Aber auch weniger prominente Gäste verstehen das Publikum zu überraschen.
Hindus im Schottenrock:Kraftwerk, Zaha Hadid und trällernde Pfadfinder

Von der Liverpool Road nach Deansgate führte die Prozession von Turner-Preisträger Jeremy Deller.

An der Spitze des Festzugs marschiert die Band der Pfadfinder, ganz in Blau gekleidet. Wie sich das so gehört bei einem Umzug, sagt Organisator Jeremy Deller. Doch die Band spielt nicht etwa ein lustiges Wanderlied, sondern den Song "Hit the North" der aus Manchester stammenden Band The Fall. Auch eine zweite Band ist nicht das, was sie vorgibt: Die mit vollster Lunge ihre Dudelsäcke blasenden Schotten im Schottenrock sind in Wirklichkeit junge britische Hindus aus Bolton.

Und so geht es weiter mit den Überraschungen entlang der Einkaufsstraße Deansgate im Herzen von Manchester. Eine Flotte von Leichenwagen trägt einige geliebte Diskos der Region zu Grabe, die es nicht mehr gibt; auf einem Wagen ist Valerie’s Café nachgebaut, eine Bude, wo man angeblich das beste Bacon-Sandwich der Welt kaufen kann, gefolgt von einer Erinnerung an den ersten Fish-and-Chips-Shop der Welt, der angeblich 1860 auf dem Tommyfield-Markt in Oldham seine Tore öffnete; einige Sportwagen mit aufgebohrtem Auspuff röhren vorbei, sie liefern sich jeden Samstag auf dem Parkplatz eines Supermarkts lautstarke Rennen; ein paar Wanderclubs marschieren vorbei, deren Vorfahren in der Umgebung das Recht auf Wanderwege durchsetzten; ihnen folgt eine Gruppe von Obdachlosen, die ihre Zeitschrift "Big Issue" feilbieten; einige Zigarren und Zigaretten paffende Männer, die gegen das Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen protestieren, marschieren hinter einem Banner her, das einen vollen Aschbecher zeigt, das Kürzel "D.H." weist auf den Designer hin, niemand anders als der Maler David Hockney, selbst ein militanter Raucher. Schlusslicht ist eine Steelband, die auf Dellers Wunsch Songs der Manchester Bands Joy Division und The Buzzcocks trommelt, etwa "Love Will Tear Us Apart", was Tränen in die Augen einiger nostalgischer Zuschauer bringt.

Turner-Preisträger Jeremy Deller liebt es, öffentliche Spektakel zu organisieren. "Bei der Kunst geht es nicht vor allem darum, was man anfertigt, sondern was man ermöglicht", sagte er einmal. So stellte er etwa die berühmte "Schlacht von Orgreave" nach, bei der 1984 streikende Bergarbeiter in Nordengland mit der Polizei aneinandergerieten und sich ein blutiges Gefecht lieferten. In Manchester ging es glücklicherweise ohne Blutvergießen, die Stimmung war entspannt und festlich, und die Zuschauer, die die Umzugsroute säumten, beklatschten jeden vorbeirollenden Festwagen mit gleicher Vehemenz. Dellers Intention, mit seinem Umzug "ein Selbstporträt eines Orts und einer Zeit zu zeichnen", war also erfolgreich.

Deller hat seinen Umzug eigens für das dieses Jahr zum zweiten Mal stattfindende Manchester International Festival konzipiert. Auch die anderen Veranstaltungen, so das Konzept des zweiwöchigen Festivals, sind 'Uraufführungen'. Es begann mit einem Konzert der deutschen Techno-Band Kraftwerk im Velodrom – das britische Olympiateam der Radsportler radelte auf der Rennbahn zu den Klängen von "Tour de France" der vier Düsseldorfer Pop-Pioniere, und der amerikanische Minimalist Steve Reich führte seine neue Komposition "2 x 5" zum ersten Mal auf. Performancekünstlerin Marina Abramovic präsentiert in der völlig leer geräumten Whitworth Art Gallery eine Art Minifestival der Performancekunst, mit 13 ihrer internationalen Kollegen wie Alastair MacLennan, Ivan Civic, Kira O’Reilly und Yingmei Duan, die jeden Tag vier Stunden lang zeigen, was man alles mit einem Schweinekopf, einem Bärenfell und einer Treppe machen kann.

Architektin Zaha Hadid hat in der Manchester Art Gallery für die Aufführung von Solowerken von Bach einen temporären Konzertsaal entworfen. Sich aufbauschende weiße Stoffbahnen schlängeln sich durch den schwarz ausgeschlagenen Raum und binden Interpret und Publikum in einer Art Kokon zusammen. Und die Londoner Theatertruppe Punchdrunk, gemeinsam mit Damon Albarn von der Band Blur und dem Dokumentarfilmer Adam Curtis, verwandelte ein leer stehendes Bürogebäude in ein Gruselkabinett, in dem die Horrorgeschichte der USA in den fünfziger und sechziger Jahren dargestellt wird, von der Unterdrückung der Schwulen über Rassendiskriminierung bis zu Umsturzplänen der CIA. Man wird durch dunkle Korridore und Räume geschleust, vorbei an mysteriösen Tableau, lacht, weint und fürchtet sich und wird am Schluss von einem schreienden Monster mit Kreissäge aus dem Gebäude gejagt. "The Texas Chain Massacre" lässt schön grüßen.

Heiter-melancholisch ist dagegen der Beitrag des in London lebenden Deutschen Gustav Metzger, dem Erfinder der autodestruktiven Kunst. Für "Flailing Trees" hat er 21 Trauerweiden auf den Kopf gestellt und in einen Betonblock eingelassen. Nackt ragen sie in den Himmel, die vertrocknenden Wurzeln bilden traurige Baumkronen. Ein Aufruf gegen die Zerstörung der Umwelt und für die Ökologie. Was den Künstler sicher freuen wird: Einige der Bäume wehren sich gegen ihre Zerstörung und haben schon wieder grüne Sprösslinge angesetzt.

Manchester International Festival

Termin: noch bis 19. Juli 2009 tägliche Veranstaltungen an verschiedenen Orten;
der Festival Pavilion am Albert Square is täglich ab 11 Uhr geöffnet. Das komplette Programm unter:
http://www.mif.co.uk/

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