Michel Comte - Interview

30 Jahre sind ganz schön lang

Das NRW-Forum in Düsseldorf zeigt eine Retrospektive mit Arbeiten des Starfotografen Michel Comte – neben Mode-, Akt- und Paparazzo-Fotos sind auch seine weniger bekannten, engagierten Foto-Reportagen aus Tibet zu sehen (bis 10. Mai). art sprach mit dem 1954 in Zürich geborenen Fotografen über politisches Engagement, Ruhm und gute Bilder.

Herr Comte, Ihre Retrospektive in Düsseldorf präsentiert einen Rückblick auf 30 Jahre Schaffen. Wird in der Ausstellung auch Ihr allererstes Bild zu sehen sein?

Michel Comte: Meine erste publizierte Arbeit war 1979 die Chloé-Kampagne für Karl Lagerfeld. Diese Aufnahmen werden hier nicht gezeigt. Die Ausstellung zeigt einen breiten Querschnitt durch meine Arbeit: Modefotografie, Porträts und Fotoreportagen. Eine gute Mischung dieser 30 Jahre.

In welchem prozentualen Verhältnis stehen heute Mode- beziehungsweise Prominentenfotografie zu den Reportagen in Krisen- und Kriegsgebieten?

Im Studio arbeite ich heute etwa 20 Prozent meiner Zeit. 80 Prozent meiner Bilder entstehen irgendwo draußen in der Welt. Ich habe früher viel Modefotografie gemacht, das mache ich auch heute noch, aber das Verhältnis hat sich dramatisch verändert.

Gefällt Ihnen die Balance zwischen den unterschiedlichen Themenbereichen?

Ich mag die Unausgeglichenheit! Mir gefällt die Idee, einen Monat lang Modefotografie zu machen und dann drei Monate in einer Kriegszone zu sein. Die Möglichkeit zu wechseln ist schön. Ich wollte ja auch nie explizit Modefotograf werden, ich wollte einfach Fotograf sein.

Gibt es in Ihrem Werk einzelne Arbeiten, die Ihnen besonders wichtig sind?

Ich habe lange Zeit in Tibet gearbeitet. Viele dieser Bilder haben eine besondere Bedeutung für mich. Ebenso wie die Bilder aus Afghanistan. Oder die Porträts von Menschen, mit denen ich lange Zeit eng zusammen gearbeitet habe. Wie zum Beispiel von Akira Kurosawa.

Ihre erste Reise nach Tibet war bereits 1986.

Ja, ich habe dort fast ein Jahr lang gelebt. Aber mein politisches Engagement in der Fotografie hat eigentlich etwas später, 1989/90 begonnen. Und in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre dann besonders stark. Ich habe zu dieser Zeit die meisten Kriegsgebiete bereist.

Hatten Sie keine Angst?

Nein, überhaupt nicht. Das Schießen um einen herum ist noch das Harmloseste. Erschreckend ist, was im Bürgerkrieg mit den Menschen passiert. Oder wenn man sie im Gefängnis besucht. Es ist umso erschreckender, wenn ich zurückkomme und sehe, was für ein schönes und sorgenfreies Leben wir führen können.

Haben Sie keine Angst, schreckliche Dinge zu sehen, die Sie sehr belasten könnten?

Wir haben in den letzten Jahren mehr gesehen, als irgendwer aushalten kann. Nicht nur ich. Jedes Leiden ist schwer zu ertragen, besonders wenn es alte Menschen und Kinder sind. Das was unter dem Bush-Regime passierte, in Abu Ghraib, all das Leiden und die Folterungen, stoppt Barack Obama jetzt zum Glück. Ich denke wir sind bereit für eine neue Ära.

Welchen Einfluss haben Sie als Fotograf auf die Betrachter?

Ich hoffe einfach, dass die Menschen sich an meine Bilder erinnern. Aber ich mache nichts Bestimmtes. Meine Bilder entstehen sehr spontan. Ich freue mich, wenn ich die Menschen mit meinen Bildern berühren kann, mit einem Porträt oder einer Fotoreportage. Und ich hoffe einfach, es sind gute Bilder. Letztlich wird nur die Zeit es zeigen. Einige der Bilder sind ja nur deswegen berühmt geworden, weil sie berühmte Menschen zeigen, Sportler oder Politiker, oder die Fotografie zeigt einen Skandal. Man wird Teil seiner Zeit – 30 Jahre sind ganz schön lang.

Hätten Sie am Anfang Ihrer Karriere je gedacht, dass Sie einmal ein Star-Fotograf werden?

Zuerst einmal mag ich diesen Namen wirklich nicht. Ruhm ist etwas so Relatives, und er bringt angenehme und weniger angenehme Seiten mit sich. Was ich mag, ist dass Menschen meine Arbeit respektieren. Wenigstens gibt es einige Menschen, die mögen, was ich tue.

Eigentlich sind Sie ausgebildeter Kunstrestaurator. Wie kam es zum dem Wechsel?

Ich wusste schon damals, dass ich etwas anderes machen wollte. Aber auch als Restaurator hatte ich eine faszinierende Zeit. Ich hatte die Möglichkeit sehr interessante Menschen kennen zu lernen, wie etwa Andy Warhol oder Jean-Michel Basquiat und viele andere. Und natürlich hat die Beschäftigung mit Kunst meine Sichtweise auch beeinflusst.

Ihre Fotos werden auf Auktionen versteigert. Interessieren sie sich dafür, wer ihre Arbeiten besitzt?

Ich kenne einige Sammler, die meine Arbeiten kaufen und sehr hohe Preise dafür bezahlen, aber das betrifft mich nicht wirklich. Aber es ist schön zu wissen, dass das, was ich mache, einen Wert hat. Unabsichtlich – denn ich bin nie in die Welt hinaus gegangen mit dem Gedanken: Oh mein Gott, ich erschaffe jetzt Kunst! Viele andere Menschen tun das. Ich bin glücklich, dass meine Fotos es bisher schafften, Ihre Zeit zu überleben.

"Michel Comte – Retrospektive"

Termin: bis 10. Mai, NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf
http://www.nrw-forum.de/index.php?f_articleId=619

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