Radar - Thomas Weski

Thomas Weski über Laurenz Berges

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Thomas Weski, bis vor kurzem noch stellvertretender Direktor am Haus der Kunst in München und seit Juni dieses Jahres Professor für "Kulturen des Kuratorischen" an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, über den Fotokünstler Laurenz Berges.
Radar: Laurenz Berges:Thomas Weski über seinen Lieblingskünstler

Laurenz Berges: "Krefeld (#2571)", 2007, c-print 99 x 139cm, Edition 5

Seit längerem verfolge ich die künstlerische Entwicklung des in Düsseldorf lebenden Fotografen Laurenz Berges, der 1966 in Cloppenburg geboren wurde. Nach einem Studium an der früheren Folkwangschule in Essen und an der Kunstakademie Düsseldorf bei Bernd Becher wurde er in den neunziger Jahren mit seinen Fotografien von leer stehenden Kasernen der Sowjettruppen in der ehemaligen DDR bekannt.

Laurenz Berges ist ein Chronist der Abwesenheit. Seit der erwähnten Serie und seinen Bildern von Häusern, die von ihren Bewohnern aufgegeben werden mussten, weil der Braunkohletageabbau im Westen Deutschlands die Siedlungen erreichte, hat der Fotograf sich auf die Darstellung menschenleerer Räume konzentriert. Diese Bilder berichten in unterkühlter Art von politischen und wirtschaftlichen Kräften, die zu einschneidenden Reaktionen für die betroffenen Menschen führen. Berges ist ein Spurensucher, der ganz darauf setzt, dass die Details in seinen Fotografien große Wirkung erzielen. Auch in seinen neuen Arbeiten widmet er sich mit größter Sorgfalt der Bedeutung scheinbarer Belanglosigkeiten. Seine minimalistisch wirkenden Aufnahmen verweisen oft auf den früheren Gebrauch der nur ausschnitthaft abgebildeten Räume oder Gebäude. Ihre Bewohner haben sie einer anderen Nutzung zugeführt, temporär verlassen oder ganz aufgegeben. Diesen Wechsel zeigt uns Berges in seinen kargen Aufnahmen, die aufgrund ihrer Reduktion nur indirekt und widerwillig ihre Geschichte erzählen. Diese handelt von der existentiellen Bedeutung bestimmter Räume und Objekte für unsere Identität, aber auch von deren Vergänglichkeit und ihrem Verlust.

Man kann Berges' Aufnahmen als eine Verweigerung der immer wieder an die Fotografie gestellten Erwartungen nach schneller Lesbarkeit verstehen. Das Entziehen der Information hat eine Konzentration auf die Bildsprache der Aufnahmen zur Folge. Mit seinem Beharren auf einer Weiterentwicklung der formalen Sprache der Fotografie löst sich Berges vom rein dokumentarischen Anspruch. Seine entleerten Fotografien werfen uns auf uns zurück. Wir müssen erst wieder Vertrauen fassen, ihnen zu glauben. Diese Bilder sind keine leichte Kost, auch wenn sie auf den ersten Blick einfach wirken. Wie jede gute Kunst, entfalten sie ihr Potenzial langsam und geben nicht gleich alles preis. Als Betrachter muss man die Geduld haben zu warten. Hält man das durch, öffnet sich schließlich eine reiche Welt individueller Assoziationen, die in den kleinsten Spuren in den Bildern angelegt sind.