James Benning - Berlin

In der Haut des Einsiedlers

Statt Filme zu machen hat James Benning in seiner neuen Ausstellung Outsider-Künstler kopiert: Er versetzt sich in die Störenfriede des amerikanischen Traums.

Wer James Benning kennt, den Experimentalfilmer mit Faible für lange, statische Einstellungen von Landschaftsausschnitten ohne jeden Höhepunkt, wägt sich bei neugerriemschneider womöglich im falschen Film.

Dort hängen nämlich Zeichnungen und Wandobjekte, die auf den ersten Blick so gar nichts mit dem 71-jährigen Wahlkalifornier zu tun haben: acht naiv anmutende Malereien von Outsider-Künstlern wie Henry Darger, Black Hawk und Bill Taylor, dazu ein zartes Wandraster mit Nummerncodes und im hinteren Kabinett ein Flickenteppich, ein handgeschriebener Brief und ein mondrian-artiges Glasfenster. Sind wir in den Ausläufern der letzten Venedig-Biennale gelandet, mit ihren folkloristischen Fundstücken von Underdogs?

Keineswegs: Denn die Werke sind nicht original. Benning selbst hat die Outsider-Zeichnungen minuziös abgekupfert. Auch der Zahlencode stammt nicht von ihm sondern von dem Unabomber Ted Kaczinsky – ein heute 71-jähriger Mathematiker, der 1995 ein Manifest über die Zukunft der Industriegesellschaft entwarf und mit Briefbomben drei Menschen tötete. Mit dem Code verschlüsselte er vor seiner Verhaftung seine Tagebucheinträge, aus denen hier eine Seite entnommen und als Graphiträtsel auf die Wand übertragen ist. Kopien sind auch Quilt, Glasfenster und Brief, in Erinnerung an Missouri Pettway (1903 bis 1981), die aus den Kleidern ihres verstorbenen Ehemanns eine Flickendecke nähte; Benning ergänzt sein Exemplar handschriftlich um die Familiengeschichte der Frau, die als Sklavin auf einer Baumwollplantage in Alabama lebte – während Mondrian seine Broadway Boogie-Woogies malte.

Was all das mit den Langzeiteinstellungen von Bennings Filmen zu tun hat? Obsession, antwortet der Künstler – und gibt ein Stichwort, das sich über seine Haltung spannt wie ein geistiges Dach. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, sie zu sein. Sie, das sind die anderen, auf deren Leben und Denken diese Ausstellung verweist. Dass Benning keine Spielerei betreibt, hat er bereits 2007/08 demonstriert, als er die Waldhütten von Ted Kaczinsky und dem Dichter Henry David Thoreau (1817 bis 1862) nachbaute, der mit seinem Roman "Walden" ein Leben abseits der Zivilisation propagierte. Seitdem stehen die "Two Cabins" auf Bennings Grundstück. Der Künstler drehte dort zwei Filme (die vor zwei Jahren bei neugerriemschneider zu sehen waren), in denen die Kamera einfach nur aus jeweils einem Fenster nach draußen ins Blattwerk filmt. 15 Minuten lang passiert nichts: Es ist, als schlüpfte man in die Haut des Einsiedlers, der allein mit seinen Gedanken stoisch in die Wälder starrt.

Was so entsteht, ist aber nicht nur ein steckpuppenartiges Bild von einem Bild. Bei Benning dient die Dauer der Aufnahme dazu, über bloße Narration hinauszugehen und eine seltsame Mischung aus Poesie, Medienreflexion und Reenactment eines Daseinszustands hervorzubringen, der über die Person hinaus auf die Historie verweist. Dass die Zeichnungen der Outsider normalerweise in den nachgebauten Waldhütten hängen, rundet den Kreis eines Werks ab, das selbst etwas Besessenes hat: An seiner eigenen ausdauernden Ästhetik macht Benning den Tunnelblick von Randexistenzen fest und versetzt sich performativ hinein in die Störenfriede des amerikanischen Traums – egal, ob Terrorist, Poet, Sklavin, Hausmeister oder Medizinmann. Appropriation wird zu einem Akt der Empathie – womit Benning jedes ironische Element ausklammert, wie es dieser Methode seit Ende der siebziger Jahre innewohnt; auch wenn er genau zu dieser Zeit begann, sich für Outsider zu interessieren.

Erste Kopien ihrer Malereien entstanden allerdings erst 2005; da hatte Benning längst in seinem Film American Dreams (lost and found) (1984) Absätze aus dem Tagebuch des Attentäters Arthur Bremer, der 1972 den Präsidentschaftskandidaten George Wallace angeschossen hatte, am unteren Bildrand mitlaufen lassen. So landete Benning schon damals bei einer Geschichtsschreibung abseits der offiziellen Pfade, durchtränkt von privaten Mythologien und aberwitzigen Fantasien. Der Transzendentalismus eines Thoreau schimmert hier hindurch, der mit seinen antirationalistischen Zügen und seinem Hang zum Mystizismus, zur Natur und zu ganzheitlichem Denken auch Impulse für die Emanzipation und Sklavenbefreiung anstieß. Benning überführt nun das Leben der anderen, den Figuren abseits der Zivilisation, noch einen Schritt weiter in die Zone der Kunst, wo er ihnen auf andere, stillere Weise Gehör verschafft. Dass er dabei keine Dokumentationen erzeugt, sondern eine eindringliche Atmosphäre, verdankt sich der Qualität seines Blicks: konzentriert gehalten, gelenkt von Obsession.