Christo im Interview

Jeanne-Claude ist immer noch da – die ganze Zeit

Eigentlich wollte er es schon vor 25 Jahren tun: Jetzt hat Christo in Schwäbisch Hall einen Baum verpackt – für die Ausstellung "Waldeslust", die im November in der Kunsthalle Würth eröffnet wird. Ein Interview mit dem legendären Verpackungskünstler.
Ein verpackter Baum:Der legendäre Verpackungskünstler

Christo und sein Mitarbeiter Vladimir Yavachev vor den verpackten Wurzeln des “Wrapped Tree”, 1994-2011, 90 x 110 x 730 cm, Hainbuche, Waxed Tarpaulin, Woven Polyester and Rope.

Was führt Sie ausgerechnet nach Schwäbisch Hall?

Ich habe eine besondere Beziehung zu Reinhold Würth und zum Museum in Künzelsau, das wir 1995 verpackt haben. Damals gab es noch eine zweite Idee, die nun nach 25 Jahren vollendet wird.

Weshalb Sie nun eine Hainbuche ausgegraben und samt Wurzeln verpackt haben?

Ja. Ich habe schon mehrere Bäume verpackt, aber die meisten existieren nicht mehr. Ich wollte noch einmal eine solche Skulptur machen – und das war eine hervorragende Gelegenheit, das für die Ausstellung zum Wald in der Kunstgeschichte zu tun.

Warum ausgerechnet ein Baum?

Bäume sind extrem skulptural: die Art, wie die Äste wachsen, vor allem, wenn die Bäume keine Blätter haben. Äste besitzen unberechenbare und reiche Bewegungen in alle Richtungen. Bei den verpackten Bäumen benutzen wir diese natürlichen Formen und heben ihre Dynamik hervor. Das besitzt eine ganz klassische skulpturale Qualität.

Hat sich Ihre Arbeit verändert seit dem Tod von Jeanne-Claude vor zwei Jahren?

Das Projekt "Mastaba", an dem ich gerade arbeite, haben wir Ende der siebziger Jahre konzipiert. (Christo will ein altes ägyptisches Grabmal aus 390 500 Öl-Fässern bauen, d.Red.) Jeanne-Claude und ich waren Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre mehrmals in Abu Dhabi – zu einer Zeit, als noch niemand über Abu Dhabi sprach. Damals ist das gesamte Projekt bereits fertig gestellt worden – es fehlte nur noch die Genehmigung. Deshalb sage ich im Zusammenhang mit den Projekten immer noch wir – weil sie noch hier ist, die ganze Zeit.

Sie führen also nur noch aus, was Sie gemeinsam konzipiert haben?

Es hat sich nichts verändert, alles war schon entschieden. Wir haben auch entschieden, dass wir Bäume verpacken - die Umsetzung ist dann noch einmal eine andere Sache. Als wir in Australien die Küste verpackten, die Klippen und Felsen, mussten Jeanne Claude und ich natürlich herumgehen und sagen: Das hier wird verpackt, dort kommt ein Seil hin. Es gibt aber andere Projekte, bei denen alles festgelegt und entschieden ist, die können ohne uns gebaut werden, weil jeder Zentimeter bereits geplant ist.

Was ist ihr Erfolgsrezept, dass Sie immer wieder gigantische Projekte wie die Reichstagsverhüllung oder die Verhüllung der Pont Neuf realisieren konnten?

Wenn Künstler jung sind, versuchen sie, eine Galerie zu finden, um den Verkauf zu voranzubringen. Unglücklicherweise haben Jeanne-Claude und ich zunächst keine Galerie und keine Sammler gefunden. Die Arbeiten, die Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre entstanden sind, hat niemand gekauft. Plötzlich hatten wir eine Art Goldmine – und damit eine Chance, die andere Künstler nicht haben, weil ihre Arbeiten aus dem Atelier rausgegangen ist. Das gab uns die Freiheit, später diese Dinge zu realisieren.

Schwäbisch Hall ist nur eine kurze Station zwischen Colorado und dem "Mastaba"-Projekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Erlauben Sie sich auch mal Ruhe und konzentriertes Arbeiten in New York?

Ich habe meistens gar keine Zeit zu arbeiten, weil ich so viele andere Sache machen muss. Ich bin total glücklich, wenn ich mal in New York City bin und etwas Ruhe habe. Schließlich ist alles, was sie in Galerien und Museen sehen, mit meiner eigenen Hand gefertigt. Alles.

Wie haben Sie Schwäbisch Hall empfunden?

Es war beeindruckend, soviel Grün zu sehen. Als wir von Basel hierher nach Schwäbisch Hall gefahren sind, hatten wir einen fantastischen Sonnenuntergang, so grünes Gras, so ein saftiger Spätsommer, das war herrlich.

Vermissen Sie in New York die Natur?

Nein, wir sind bei unseren Projekten soviel in der Natur, dass ich dann auch froh bin, nach New York zurückzukommen.

Waldeslust. Sammlung Würth

7. November 2011 – 15. April 2012
 

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