Videonale - Bonn

Blattschuss mit Liebesschauern

Die 15. Videonale folgt dem Ruf der Wildnis. Auf dem Festival für zeitgenössische Videokunst begegnen uns Jäger mit Bockfieber, Alphamännchen mit ozeanischen Gefühlen und der wahre Mörder von John F. Kennedy. Am Ende verlieren selbst Katzenvideos ihre Unschuld. Eine Treibjagd durchs audiovisuelle Unterholz.

Sie ist eine Schönheit! So groß, so erhaben, so wunderbar: Die Jäger kriegen sich gar nicht mehr darüber ein, was sie da gerade erlegt haben. Juchzend und jauchzend thronen sie über den noch dampfenden Tierleibern; die meisten von ihnen stecken in Tarnkleidung, Männer, Frauen und Kinder, denen der tödliche Blattschuss eine beinahe erotische Erfahrung zu verschaffen scheint.

Mit dieser Trophäensammlung aus dem Internet bestreitet die deutsche Künstlergruppe Neozoon das Finale ihres Films "Buck Fever", was sich am ehesten mit "Bockfieber" übersetzen lässt. Neozoon hat aus Filmmaterial, das Jäger selbst aufgenommen und ins Netz gestellt haben, eine Jagd mit vielen Gesichtern inszeniert – von der Pirsch über den Schuss bis zum erregten Triumphgeheul. Das Gespenstischste an diesen Bildern ist, dass einige Jäger das erlegte Wild tatsächlich zu lieben scheinen.

Neozoon: "Buck Fever", 2012

Am besten schaut man sich "Buck Fever" als Einstieg in die 15. Videonale an – schneller und einleuchtender als in diesen sechs Minuten lässt sich deren verführerisch schillerndes Motto "Ruf der Wildnis" nicht erklären. Im 30. Jahr seines Bestehens hat sich das Bonner Festival für zeitgenössische Videokunst erstmals eine Losung gegeben und damit auch den Wildwuchs der Einreichungen gelichtet. Zuletzt harrten über 2200 Arbeiten darauf, gesichtet zu werden – mehr als jedes Auswahlkomitee verkraften kann. Selbst für die 38 Filme der aktuellen Ausstellung müssten die Besucher mehrere Tage Zeit mitbringen.

Unverändert ist die Präsentation der Videos geblieben. Anders als klassische Festivals wie die Kurzfilmtage Oberhausen zeigt die Videonale ihre Filme nicht in Kinosälen, sondern auf Bildschirmen im Kunstmuseum Bonn. Die Liebe der Kunstwelt zum Film hatte schon immer etwas von einer feindlichen Übernahme: Mit Kino hat der aus allen Ecken und Enden flimmernde und lärmende Irrgarten einer Videokunst-Ausstellung nicht mehr viel zu tun. Einzige Ausnahme: Die beiden Retrospektiven zu Isaac Julien und Lawrence Weiner werden jeweils an einem Tag (Julien am 1. März, Weiner am 18. April) und im Beisein der Künstler auf Leinwand gezeigt.

Man steigt bei der Videonale-Ausstellung also ins audiovisuelle Unterholz und findet sich dann vielleicht in den New-Age-Männerfantasien wieder, die Constantin Hartenstein in "Alpha" arrangiert: Auf der Tonspur flüstert den Männern eine hypnotische Stimme ein, wie man mit Alexander dem Großen zum Alphamännchen verschmilzt – und die Bilder sagen dazu: indem man seinen Körper stählt. Am Ende geht alles im ozeanischen Gefühl einer in Zeitlupe zerdehnten und psychedelisch gefärbten Meereswelle auf.

Constantin Hartenstein: "Alpha"

Wenn die Wildnis ruft, sind Männerfantasien wohl einfach unvermeidlich. Ein bisschen sieht man das auch noch der Raserei an, die Florian Pugnaire und David Raffini in "Energie Sombre" inszenieren: Am Anfang schießt ein Wagen – die Kamera ist knapp über Straßenhöhe montiert – über den Asphalt, um bald darauf mit durchdrehenden Reifen im Morast zu versinken. Autowracks säumen den Wegesrand des Films, in Nahaufnahme gleicht ein Flüssigkeiten blutender Motor dem menschlichen Innereien. Nach diesem Blick unter die Motorhaube der Bolidenliebe kann die letzte Ausfahrt nur Autofriedhof heißen. Und tatsächlich steht am Ende ein Wrack als moderne Schrottskulptur aufrecht in der Landschaft.

Florian Pugnaire und David Raffini: "Energie Sombre"

Bei Christoph Faulhaber dreht sich dagegen alles nur um eins: Christoph Faulhaber. Der Hamburger Künstler hat als selbst ernannter Sicherheitsdienst vor der deutschen US-Botschaft patrouilliert, diese Performance ausführlich fotografiert und wurde – als hätte er es darauf abgesehen – in den USA postwendend auf die Liste unerwünschter Ausländer gesetzt. In seinem 68-minütigen Film "Jedes Bild ist ein leeres Bild" schildert Faulhaber seinen Kampf dagegen, als Terrorverdächtiger abgestempelt zu sein, und mischt dokumentarisches Material vergnügt mit Szenen, die auf dem Videospiel "Grand Theft Auto" basieren. Die Freude über seinen Status ist mehr als nur klammheimlich: Einmal schießt sein Videospiel-Avatar locker aus der Hüfte und trifft im Gegenschnitt John F. Kennedy in Dallas in den Kopf.

Christoph Faulhaber: "Jedes Bild ist ein leeres Bild"

Auf dem Weg nach draußen streifen wir noch einmal die Wildnis der menschlichen Tierliebe: In diesem Fall haben die Neozoon-Leute Filme von jungen Frauen gesammelt, die ihre Haustiere vor der Kamera herzen. Anfangs sind all’ die Kätzchen und Hündchen nett anzuschauen, doch dann werden sie abgeschlabbert, dass es nicht mehr niedlich ist, und schließlich nimmt diese Tierdoku eine Wendung, bei der es wohl selbst den unerschrockenen Freizeitjägern aus "Buck Fever" grausen würde.

Neozoon: "MY BBY 8L3W", 2014, 3 Minuten

Videonale 15 – Festival für zeitgenössische Videokunst

27. Februar bis 19. April 2015, Kunstmuseum Bonn.

Eröffnung und Verleihung des Videonale-Preises: Donnerstag, 26. Februar, 20 Uhr.
http://www.videonale.org