Gib mir fünf! - Tipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Jede Woche präsentieren wir Kunst, die Sie nicht verpassen dürfen. Diesmal mit gestaltenden Aktivisten, komplexen Soundkonzeptionen und der russischen Avantgarde.
Die fünf Tipps der Woche:Die Kunst-Höhepunkte der Woche

Die Fotografen Mathias Braschler und Monika Fischer bereisten 16 Länder auf der ganzen Welt und hielten fotografisch fest, wie der Klimawandel die Existenz vieler Menschen bedroht. Mathias Braschler / Monika Fischer, Schicksale des Klimawandels, China, 2009

Föhr: Umweltkatastrophen und existenzielle Melancholie

Yan Gengbao und seine Frau Huang Lianfeng stehen vor ihrem von der Überschwemmung zerstörten Haus. Das Wasser stieg schnell, und bevor sie irgendetwas wegschaffen konnten, stand es bereits an der Türschwelle ihres Heims.

Als sie Tage später zurückkehrten, war ihr gesamter Besitz vom Wasser hinweg geschwemmt worden. Sie hatten Ihren Laden verloren und standen vor den Ruinen ihrer Existenz. Die Ausstellung "Schicksale des Klimwandels" im Museum der Westküste, zeigt nun erschütternde Porträts von Menschen, die mit den Folgen des weltweiten Klimawandels leben müssen. 2009 bereisten die Schweizer Fotografen Mathias Braschler und Monika Fischer 16 Länder auf der ganzen Welt und fotografierten und befragten Menschen, deren Existenz durch den Klimawandel bedroht ist.Die Fotografien bezeugen die schwerwiegenden Folgen der globalen Erwärmung und stellen auf der anderen Seite ein einzigartiges künstlerisches Dokument dar. Mit ihrer Großbildkamera haben die beiden Bildermacher über 50 Geschichten von Bergführern und Opfern von Buschbränden, Jägern und Schäfern oder auch Fischern und Farmern festgehalten.

Die zweite Ausstellung, die man ebenfalls in Föhr besuchen kann, befasst sich mit einem weiteren Zerrbild der Gesellschaft: Ein nacktes Paar, sitzt melancholisch aneinander geschmiegt inmitten der Natur. Die untergehende Sonne spiegelt sich im ruhigen Fluss, der vor Ihnen liegt. Diese feine und sensible Bleistiftskizze ist von dem norwegischen Maler und Grafiker Edvard Munch. In seinen Werken verarbeitet er existentielle Gemütszustände und entwickelt eine symbolisch-expressive Darstellung der Abgründe der modernen Seele. Oft sind seine Zeichnungen und Bilder geprägt von Eindrücken wie Krankheit, Tod und Trauer, zu denen Munch in seiner Kunst immer wieder zurückkehrt.
Seinen neuen expressiveren und extrovertierten Stil entwickelte Munch während eines achtmonatigen Aufenthalts in dem Sanatorium von Dr. Daniel Jacobsen in Kopenhagen. Dort verwandelte er sein Krankenzimmer in ein Atelier und schuf dort neue Werke, unter anderem das Meisterstück "Alpha und Omega". Außerdem entstand eine grafische Mappe aus 22 lithografischen Blättern und einem gedruckten Prosagedicht. Diese drei Elemente bilden eine Parabel, die in Episoden die Geschichte von Alpha und Omega, den ersten Menschen auf einer Insel, erzählt.

Die Ausstellungen "Schicksale des Klimawandels" und "Alpha und Omega" sind vom 9. Juni bis 12. Januar 2013 im Museum Kunst der Westküste zu sehen

Hamburg: Künstlerische Freiheit

Radikale Konzepte, Experimente mit Farbe als auch Struktur und Kunst im Dienste der Gesellschaft: Alexander Rodtschenko (1891 bis 1956) gehörte neben Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin zu den treibenden Kräften der russischen Avantgarde. Rodtschenko begann in den zwanziger Jahren zu fotografieren – jene kurze Epoche der künstlerischen Freiheit, der ästhetischen und gesellschaftlichen Experimente, deren Kräfte die russische Revolution freigesetzt hatte. Rodtschenkos Auffassung von Fotografie verstand sich als radikaler Bruch mit der Kunstfotografie der Jahrhundertwende. Sein Stil hat fortwährend die Tendenz, Objekte zu verfremden und sie als fremd erscheinen zu lassen. Das Bucerius-Kunst-Forum stellt nun erstmals nicht den politischen Auftrag ins Zentrum, sondern legt die künstlerische Haltung Rodtschenkos frei: Er war einer der ersten Künstler, der sich sowohl als auch in Gemälden, Collagen, Fotomontagen, Fotografien, Skulpturen, Werbedesign und Typographie auszudrücken suchte. Die Retrospektive mit rund 150 Werken aus internationalen Sammlungen bildet das gesamte avantgardistische Oeuvre des Künstlers ab. Es ist seit über zehn Jahren die erste Ausstellung in Deutschland, die einen Überblick über die mediale Vielfalt von Alexander Rodtschenkos Schaffen gibt.

Die Ausstellung "Rodtschenko. Eine neue Zeit" ist vom 8. Juni bis 15. September 2013 im Bucerius- Kunst-Forum zu sehen

Braunschweig: Intimer Moment des Zuhörens

"Über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden. Künstler reden ja nur übers Geld" sagte der Komponist Jean Sibelius. Hätte er die Ausstellung "Why am I here and not somewhere else – independencia II" im Kunstverein Braunschweig besucht, würde dieses althergeholte Zitat seine Wirkung schlagartig verlieren. Dort hat der Künstler David Zink Yi seine neue Arbeit inszeniert, die sich ausschließlich mit Musik beschäftigt: Die gesamte Architektur der Villa "Salve Hospes" wird zu einem Klangkörper, dem eine komplexe Soundkonzeption zugrunde liegt. So hat der Künstler für seine 11-Kanal-Video-Installation elf kubanische Musiker eingeladen, um in einer gemeinsamen Probe zu performen. Die Musiker und ihre Klänge sind dabei organisch über die gesamten Räume der Villa verteilt, so dass jeder mit seinem Instrument eine eigene Position bezieht, dabei können sie sich über Kopfhörer wahrnehmen, und das Zusammenspiel wird als Filmmaterial dokumentiert und später in die Ausstellungsräume projiziert. Dabei entwickelt sich eine Komposition und Kooperation der Klänge, die vom Standort des Besuchers abhängt. Dabei bildet die Improvisation der Musiker einen zentralen Aspekt. Angezogen von den Instrumenten und ihren klanglichen Merkmalen gehen die Besucher durch die Räume der Villa und entdecken dabei einzelne Projektionen Musiker. Zugleich entsteht im Zusammenspiel der komplexen Musikproduktion ein kurzer Augenblick des intimen Zuschauens und Zuhörens.

Die Ausstellung David Zink Yi "Why am i here and not somewhere else – indipendencia II" ist vom 8. Juni bis 18. August 2013 im Haus Salves Hospes in Braunschweig zu sehen.

Münster: Offenbarung auf den zweiten Blick

Das Bild, das mit Kreide auf Holz gemalt wurde, zeigt den Prinzipalmarkt in Münster vor 40 Jahren, der aussieht als sei er mit einer Satelitenkamera fotografiert worden. Er wurde einst als Puzzle auseinander genommen, um dann wieder ineinander gefügt zu werden. Der Künstler dieses Werkes ist Jürgen Stollhans. Er beschreibt diese Philosophie als "das Ringen nach Ganzheit". Die Kunsthalle Münster zeigt nun sein ortsbezogenes Kunstprojekt: "Energie/Münster". Um eine intensive Auseinandersetzung mit der Stadt zu führen, arbeitet der documenta-12-Teilnehmer mehrere Wochen in einem Atelier im Speicher II. Häufig greift Stollhans gesellschaftliche Komplexe und Phänomene auf, deren tatsächliche Brisanz sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Ausgangspunkt ist dabei stets die eigene Faszination für scheinbar plausible oder glaubhaft vermittelte Systeme, die undiskutiert unseren Alltag strukturieren. Solchen Mechanismen spürt Jürgen Stollhans geradezu leidenschaftlich nach, um ihre Widersprüche und Absurditäten offenzulegen. Den Arbeiten von Jürgen Stollhans liegen dabei individuelle Materialsammlungen zugrunde, wie zum Beispiel Kreide auf Holz, die er oft für seine Bilder verwendet oder Diaprojektoren, sowie Fotografien. Seine Werke sind romantisch, gerade zu melancholisch und dennoch niemals kitschig. Das Projekt von Jürgen Stollhans entsteht im Rahmen der Institutionen übergreifenden Initiative "Kritische Masse – ein Projekt zu Kunst und Energie im Münsterland", dem sich 2012/13 zahlreiche Kunstinstitutionen angeschlossen haben.


Die Ausstellung "Jürgen Stollhans - " ist vom 8. Juni bis 8. September 2013 in der Kunsthalle Münster zu sehen

Frankfurth: Soziale Bedeutung

Die Wände des Gebäudes bestehen aus Betonsteinen, das Dach aus Wellblech und Strohmatten ist auf Stahlträgern befestigt. Wie ein leuchtendes Signal wirkt das Frauenzentrum mit seinen rot gestrichenen Wänden in den städtischen Raum hinein, der durch graue Fassaden geprägt ist. In Senegal ist die Analphabetenquote bei Frauen extrem hoch und ohne diese neu errichteten Gebäude, in dem ab sofort unterrichtet wird, ist für die Zukunft der dort lebenden Mädchen beinahe besiegelt. Architektur prägt mit ihren gebauten Ergebnissen die Gesellschaft in der sie entsteht. Diese Disziplin hat sich in den letzten Jahrzehnten nur am Rande mit der Frage nach ihrer sozialen Bedeutung befasst: Globale Konflikte, politisch und ökologisch bedingte Migrationen, Überbevölkerung und explosive Slumbildung hatten bis vor kurzem weder in Architekturschulen noch in Architekturbüros einen zentralen Stellenwert bei der Recherche, Planung und Ausbildung. Doch eine kleine Gruppe von Architekten engagiert sich derzeit aus eigener Initiative mit der Konzeption und Umsetzung von Projekten, die den Gesellschaftsschichten direkt zu gute kommen, die normalerweise keinen Zugriff auf qualifizierte Planer und Entwerfer haben. Mit der Ausstellung "Think Global, Build Social! Bauen für eine bessere Welt" präsentiert das Deutsche Architekturmuseum 22 neuartige Positionen, die ein neues Verständnis von der gesellschaftlichen Rolle von Architektur vermitteln.
Die präsentierten Architekten sind dabei planende und gestaltende Aktivisten, die sich und ihre Kenntnisse in den Dienst der Gesellschaft stellen. Die von ihnen realisierten Bauten sind ökologisch und sozial zugleich und zeigen dauerhaft positive Wirkungen.

Die Ausstellung "Think Global, Build Social! Bauen für eine bessere Welt" ist vom 8. Juni bis 1. September 2013 im Deutschen Architekturmuseum DAM in Frankfurth am Main zu sehen