Absalon - Berlin

Im Inneren der Wohnkapsel

Die Retrospektive des israelischen Künstlers Absalon in den Berliner Kunst-Werken unterstreicht dessen kühle Faszination für grundlegende Lebensnotwendigkeiten wie Schlaf, Hygiene, Nahrung und Arbeit. Im Januar wird die umfangreiche Ausstellung durch ein Filmscreening des von Absalons "Cellules" inspirierten Filmessay "A Virus In The City" ergänzt.
Im Inneren der Wohnkapsel:Der kühle Künstler Absalon

Absalon: "Cellule No. 5", 1991, Installationsansicht in den Kunst-Werken

Mit dem Entwurf der "Frankfurter Küche" der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky 1926 zog das rationalistische Denken der Moderne endgültig in die private Lebenswelt des Westens ein. Im Auftrag der Stadt Frankfurt entworfen, schuf Schütte-Lihotzky die prototypische Einbauküche: alle Geräte sollten in Reichweite platziert werden, unnötige Wege wegfallen, der zur Verfügung stehende Platz optimal nutzbar sein.

An diese spartanisch-funktionalistische Ästhetik auf engstem Raum, an eine Gestaltung, die sich an der Funktion orientiert, erinnern die sechs schneeweissen Wohnkapseln des 1964 unter dem Namen Meir Eshel in Ashdod in Israel geborenen Künstlers Absalon, die anlässlich einer großen Retrospektive in der großen Halle der Berliner Kunst-Werke (KW) versammelt sind.

Wer eine der "Cellules" betritt, die auf einer Grundfläche von rund neun Quadratmetern andeutungsweise mit einer Sanitärzelle, einem Bett und einer Kochnische ausgestattet sind, sieht sich widersprüchlichen Empfindungen ausgesetzt: Für Modelle sind die aus einfachem Holz gezimmerten Objekte zu groß. Doch um sich wirklich wohl darin zu fühlen, sind die Wohnkapseln wiederum einen Tick zu klaustrophobisch.

Obwohl sie wie Rückzugskapseln wirken, in denen es schon mit zwei Menschen sehr eng wird, verneinte der 1993 mit 29 Jahren sehr früh gestorbene Künstler noch zu Lebenszeiten ihre Deutung als Isolationsorte: "Sie sind keine Lösung für eine Isolierung. Sie sind gemacht, um das Soziale zu leben."

Vielmehr dürften die "Cellules" sowohl für das Interesse Absalons an den grundlegenden Lebensnotwendigkeiten wie Schlaf, Hygiene, Nahrung und Arbeit stehen, wie auch für die Unbehaustheit, das moderne Nomadenleben, das der auch in den Neunzigern schon internationalisierte Kunstbetrieb mit seinen fortwährend stattfindenden Kunstmessen, Biennalen und Museumsausstellungen seinen Kunstlieferanten zunehmend abverlangte. So wird das Leben in der Kunst zur Abwehrstrategie gegen das Hotelzimmerleben: Der Künstler baute sich die eigene Wohnwabe und plante ihre Aufstellung mitten im dunklen Herz von sechs großen Städten Paris, Zürich, New York, Tel Aviv, Frankfurt/Main und Tokyo.

Der Plan, der aufgrund seines frühen Todes nie vollständig zur Verwirklichung kam, klingt größenwahnsinnig und ist doch nur vor dem Hintergrund der internationalen Blitzkarriere zu verstehen, die Absalon nach dem Umzug nach Paris 1987 gelang: Nach seiner Ankunft in Frankreich schrieb er sich an der École Nationale Superiéure d’Arts Paris-Cergy ein und besuchte gleichzeitig die wöchentlichen Seminare seines Mentors Christian Boltanski. In dieser Zeit legt er sich auch seinen Künstlernamen zu, der aus dem Alten Testament stammt: Avshalom war der Lieblingssohn des König David, rebellierte gegen seinen Vater, scheiterte und wurde daraufhin getötet.

Doch die Rebellionen des Absalon im Reich der Kunst waren wohl gelitten: 1992 lädt ihn der belgische Kurator Jan Hoet auf die neunte Documenta ein: höher kann man in der zeitgenössischen Kunst nicht steigen. Ein Blick auf das Werkverzeichnis der Ausstellung zeigt, dass die Arbeiten des Künstlers den Weg in wichtige Museums- und auch Privatsammlungen gefunden haben. Für Berlin hat sie die Kuratorin Susanne Pfeffer unter anderem aus der Londoner Tate, dem Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris oder dem Musée de Grenoble geholt. Nur zögernd gaben die Museen ihre Schätze her: Die teilweise aus ganz einfachen Materialien wie Papier, Pappe, Gips und Holz gefertigten Objekte sind empfindlich. So erforderte der Leihprozess mitunter eine Menge Geduld und diplomatisches Geschick. Dass es Pfeffer nun gelang, alle sechs "Cellules" in Berlin (teilweise in Form einer Ausstellungskopie) zu versammeln, darf man deshalb getrost als kuratorischen Triumphzug verstehen.

Dass Absalon jedoch an mehr interessiert war als an asketischen Räumen, das zeigt die Berliner Ausstellung auch. Neben den Installationen, Modellen, Vorstudien und Zeichnungen kann man auch selten gezeigte Videoarbeiten sehen, wie etwa die anrührende Doppelprojektion über das private und das öffentliche Leben des Monsieur Leloup aus Absalons letztem Schaffensjahr 1993. Die Aufnahmen dieses unbekannten Franzosen bei seinen sozialen und einsamen Routinen führen direkt zum humanistischen Kern, der das Werk Absalons trotz kühler, weißer Installationen bestimmt. Es ist immer das Individuum, das sich in Beziehung zum Raum setzen muss, um dessen Präsenz, seine Konstruiertheit, seinen Funktionalismus und seinen krankmachenden Widerstand bis hin zur Klaustrophobie mit Leib und Seele zu spüren.

ABSALON

Termin: 28. November 2010 bis 20. Februar 2011 in den Berliner Kunst-Werken; Der Filmessay "A Virus In The City" des französischen Regiseeurs Cédric Venail wird am 15. Januar um 21 Uhr im Berliner Zeughaus Kino gezeigt

http://www.kw-berlin.de/