Gib mir fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Jede Woche präsentieren wir Kunst, die Sie nicht verpassen dürfen. Diesmal mit einem Postkartenstand in Paris, einem Riesenkalmar und religiösen Visionen.

Neumünster: Die Renaissance der freien Kunst

Das Fabelwesen auf dem Boden misst an die sechs Meter. Seine schillernde, glatte bleigraue Oberfläche wirkt nass und lenkt nur wenig von den Tentakeln am Kopf des Tieres ab.

Die raumfüllende, lebensechte Kreatur ist ein Riesenkalmar aus Keramik, der eingebettet in seiner eigenen Tinte auf dem Boden lauert. Der zeitgenössische Künstler David Zink Yi ist mit seiner "Tintenfisch-Skulptur" Teil der Ausstellung "Back to Earth". Mit über 130 Arbeiten, und Installationen von insgesamt 75 internationalen Künstlerinnen und Künstlern nähert sich die Ausstellung der Kunst der Keramik aus unterschiedlichen Perspektiven. Historisch, in dem die Schau mit einem Rückblick auf die Klassische Moderne an Vorgänger wie Picasso, Miró oder Barlach erinnert. Inhaltlich, indem sie themenbezogene zeitgenössische Bereiche eröffnet, wie zum Beispiel "Spuren des Lebens", bei dem Tobias Rehberger Vasen zu Portraits von Freunden umwandelt. Zusätzlich zu den Ausstellungsräumen wird das Areal des Skulpturenparks genutzt: Neu konzipierte Glaspavillons sind über den ganzen Park verteilt und bieten den reizvollen Rahmen für einzelne Werkgruppen im Grünen.

Die Ausstellung "Back to Earth. Von Picasso bis Ai Weiwei – Die Wiederentdeckung der Keramik der Kunst" ist vom 26. Mai bis 27. Oktober 2013 in der Herbert Gerisch Stiftung in Neumünster zu sehen.

Hamburg: Realismus der Nachkriegszeit

Sommer 1955. Wild schneidet ein vierjähriger Junge in Lederhosen Grimassen, die anderen beiden kleinen Protagonisten eifern ihm nach, verrenken ihre Mimik wie kleine Derwische und zeigen nicht nur Zunge, sondern auch ihre gute Laune. Am Ende der Straße, an der die kleine Bande lauert, parkt ein VW Käfer, und Menschen fahren in aller Gemütlichkeit Fahrrad. Der Blick des Fotografen Bill Perlsmutter auf das Europa der Nachkriegszeit ist unmittelbar und direkt. Nun präsentiert die Galerie Hilaneh von Kories Arbeiten des New Yorker Auftragsfotografen der US-Armee aus den Fünfzigern. "Europe in the Fifties. Through a Soldier ́s Lens" zeigt eine Auswahl seiner Reisen quer durch Europa. Nur mit geringen Vorkenntnissen und mit eher filmisch vermittelten (Vor-) Urteilen startete der junge GI 1954 seine fotografischen Reportagen. In auffälliger Weise stehen von Anfang an die Menschen im Mittelpunkt Perlmutters Fotografien: Dorfbewohner die Panzerfahrern zuwinken, eine alternde Dame vor einem Postkartenstand in Paris, ein Italiener, der mit seiner dunklen Brille an die Blues Brothers erinnert oder ein vermeintliches Hitler-Double in der Münchner Innenstadt. Mit offenem Blick und sichtbarem Interesse für seine Zeitgenossen sieht und erlebt Perlmutter Europa knapp zehn Jahre nach Kriegsende und zeigt durch seine Momentaufnahmen die kulturellen Besonderheiten seiner europäischen Zeitgenossen auf.

Die Ausstellung Bill Perlmutter "Europe in the Fifties – Through a Soldier’s Lens" ist vom 23.Mai bis 17. Juli 2013 in der Galerie Hilaneh von Kories in Hamburg zu sehen

Herford: Atmosphären der Veränderung

"Wir sind nichts, was wir suchen ist alles" sagte der Lyriker Friedrich Hölderlin. Doch welche Bedeutung können Visionen heute im täglichen Leben besitzen? Sind sie in der Lage, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen? Die Ausstellung "Visionen – Atmosphären der Veränderung" spürt anhand der Werke von 35 internationalen Künstlerinnen und Künstler zum einen der gesellschaftspolitischen Bedeutung und Funktion von Visionen nach. Zum anderen beleuchtet sie auch die Umsetzbarkeit und potentielle Gefahren dieser Zukunftsversprechen. Der starke Glaube an die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände offenbart sich in dem Beitrag von Francis Alÿs: Sein Video "When Faith Moves Mountains" zeigt, dass Menschen mit vereinten Kräften im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzen können. Die Ausstellung kreist auch um konkrete Visionen religiöser, historischer oder ökologischer Aspekte. Michaël Borremans Videoarbeit "The Bread" beispielsweise zeigt ein junges Mädchen, das auf meditative Weise immer wieder ein Stück Brot zum Mund führt – ähnlich der Hostiengabe bei der christlichen Eucharistiefeier.

Die Ausstellung "Visionen – Atmosphären der Veränderung" ist vom 24. Mai bis 8. September 2013 im Museum Marta Herford in Herford zu sehen

Wolfsburg: Urbane Dynamik

Was ist Gemeinschaft? Im Fall des Künstlers Tyree Guyton ein mit urbaner Kunst angereichertes, armes Viertel in Detroit – das "Heidelberg Project". Dort bemalt er Häuser mit bunten Zahlen und Mustern, erschafft mit Fundstücken Skulpturen, zum Beispiel einen Baum voller Schuhe, oder verwandelt einen ausgebrannten Oldtimer in ein farbenfrohes Kunstwerk. Am Ende kommen Menschen aus aller Welt zu dieser Pilgerstädte, und sein Plan, Kreativität als Waffe für Umstrukturierung einzusetzen, gelingt! Die Videoinstallation seiner Kunst ist Teil der Ausstellung "Learning from Detroit", die die beiden "Motowns" Wolfsburg und Detroit zusammenbringt und mit weiteren elf Positionen anderer Künstler einen momentanen Einblick in die künstlerische und kulturelle Bewegung der dort lebenden Menschen ermöglicht. Beide Städte durchleben Krisenphasen, deren Bewältigung die Bewohner größtenteils selbst in die Hand nehmen. Der Detroiter Scott Hocking hat während seines Kurzaufenthaltes in Wolfsburg eine Arbeit entwickelt, die Bezug auf beide Städte nimmt. Er geht in verlassene Häuser, bleibt dort illegal ein paar Tage und entwendet, was ihn anspricht, um danach Bilder und Skulpturen zu entwerfen. Als krönenden Abschluss wird der Underground Plattenladen "Sub Merge" vertreten sein und den Besuchern auf Vinyl eine große Musikauswahl bieten, die man sofort anhören kann.

Die Ausstellung "Learning from Detroit" wird vom 23. Mai bis 25. August 2013 im Kunstverein Wolfsburg zu sehen sein. Die Vernissage ist am 23.5. um 19 Uhr mit Auftritten bekannter Detroiter MusikerInnen: Jessica Care moore wird eine "Spoken Word Poetry Performance" machen und der bekannte DJ Mike Huckaby eine DJ-Lecture über Detroit-Techno

Berlin: Mechanismen der Identitätsbildung

Leise erklingt Blues aus den parkour ähnlichen Ausstellungsräumen, während neben der marmornen Skulptur eine afrikanisch angehauchte Maske hängt, in deren Spiegelteilchen das eigene Ebenbild zurückgeworfen wird. Mit "REPARATUR. 5 AKTE" zeigt das "KW Institute for Contempory Art" die erste institutionelle Einzelausstellung des algerisch-französischen Künstlers Kader Attia in Deutschland, der auch Teilnehmer der Documenta 2012 in Kassel war. Die Kunst Attias ist geprägt vom Leben zwischen verschiedenen Kulturen und Orten Europas und Afrikas und deren Gegensätzen. Attias raumgreifende Installationen, Videos und Fotografien entwickeln ihr Potential aus der Spannung zwischen sinnlich erfahrbaren Formen und Inhalten, die unsere Konstruktionen von Wirklichkeiten untersuchen. Kader Attias Inszenierung sind von kulturellem Transfer bestimmt und setzen afrikanische und westliche Konzepte von Schönheit miteinander in Bezug: beispielsweise Bilder afrikanische Musiker, die US-amerikanischen Blues zitieren, der wiederum auf afrikanische Wurzeln zurückzuführen ist.

Die Ausstellung "Reparatur. 5Akte" ist vom 26. Mai bis 25. August im Berliner KW Institute for Contempory Art zu sehen.