It's not only Rock 'n' Roll, Baby! - Bozar Brüssel

Geheime Leidenschaften

Wer schon immer mal einen echten Pete Doherty sehen wollte, der wird ab 20. Juni im Palast der Schönen Künste in Brüssel fündig. 20 Rockstars stellen dort ihre Werke unter dem Titel "It's not only Rock 'n' Roll, Baby!" aus.
Macht der nicht auch Musik?:Rockstars präsentieren ihre Kunstwerke

"The Voluptuous Horror of Karen Black", beim Filmdreh zu "I believe in
Halloween" (2007). Kembra Pfahler ist Lead-Sängerin der gleichnamigen Glam-Punk-Band

Bei Rockfestivals denkt man meist an Zeltplatzromantik, Bierexzesse, Gitarrenriffs und Stage-Diving. Im Zuge des diesjährigen "Rock Werchter"-Festivals in Belgien (3. bis 6. Juli) soll das anders werden. Die Kunst hält nämlich Einzug: Im belgischen Palast der Schönen Künste (Bozar), findet in Kooperation mit dem "Rock Werchter"-Festival eine Ausstellung mit dem klangvollen Namen "It's not only Rock 'n' Roll, Baby!" statt.

10503
Strecken Teaser

Hier kann man vom 20. Juni bis zum 14. September die Kunstwerke berühmter Rockmusiker sehen: Kurator Jérôme Sans – ehemaliger Ausstellungsdirektor des "Palais de Tokyo" in Paris und heute Direktor des "Ullens Centre for Contemporary Art" in Peking – stellt Zeichnungen, Gemälde, Fotografien, Installationen Collagen und Selbstportraits der Stars aus.

Seit Andy Warhol und seiner "Factory" kreuzen sich die Wege von Kunst und Musik nicht nur, sondern sind eng miteinander verbunden. Wer sich trotzdem nicht vorstellen kann, dass mancher Musiker auch noch ein Doppelleben als Maler oder Fotograf führt, wird schnell eines besseren belehrt: Stars wie Yoko Ono, Patti Smith, Pete Doherty und Brian Eno sind unter den Ausstellenden. "Musik war schon immer ein Teil meiner Welt und der meisten meiner Ausstellungen", erklärt Kurator Jérôme Sans. "'It's not only Rock 'n' Roll', zeigt, dass die Stimme des Rock durch die Kunst geboren wurde und die Musik der Kunst einen kraftvollen Ausdruck verleiht."

Durch ihre oft provokanten Werke kommt man den Künstlern manchmal richtig nahe, zum Beispiel dem "Babyshambles"-Frontman Pete Doherty. Der fällt auch sonst gerne rockstarmäßig aus dem Rahmen, so auch hier – seine Bilder malt er mit eigenem Blut und bildet hauptsächlich Szenen aus seinem Leben ab zum Beispiel den Tourbus und seine Ex Kate Moss. Das Ganze wird mit kleinen Gedichten oder Songfragmenten geschmückt – selbstverständlich auch mit Blut geschrieben. Doch genau diese Eigenwilligkeit ist es wohl, die den Sängers so populär macht. Immerhin werden seine Werke in der Londoner Galerie "Bankrobber" für bis zu 45 000 Pfund verkauft.

Bekannt sind die Ausstellenden also schon – warum aber die zweite Leidenschaft? Bei manchen handelt es sich wohl um einen Befreiungsversuch aus der allzu festen Umarmung der Plattenbosse, die die musikalischen Ergüsse der Musiker erst einmal auf wirtschaftliche Tauglichkeit prüfen, bevor sie auf den Markt kommen, bei anderen um den Wunsch, dass nicht nur ihre Stimme wahrgenommen wird, sondern auch die Aussage dahinter.

Brian Eno, selbst Musiker und Plattenproduzent, studierte erst an der Schule der Schönen Künste in Winchester und kam dann zur Musik. Im Bozar zeigt er unter anderem sein Projekt "77 Million Paintings" aus dem Jahr 2007. Dabei handelt es sich um eine Video- und Musiksoftware, mit der aus einigen seiner Musikstücke und Kunstwerke 77 Millionen verschiedene Kombinationen kreiert werden. Diese werden im Zufalls-Modus gezeigt, so sieht der Betrachter nie zweimal das gleiche Bild. Allerdings geschieht das Ganze sehr langsam, denn Eno möchte die Menschen damit zur Ruhe bringen: "Das Werk soll dem Betrachter die eigene Geschwindigkeit aufzwingen, das kann nach einer Weile sogar hypnotisch wirken."

Neben Doherty und Eno sind auch Werke der britisch-amerikanischen Band "The Kills" zu sehen. Die nehmen eine Polaroidkamera mit auf Tour und dokumentieren ihre Reisen. Stillleben wie "Hotel Ashtray" sind nun im Bozar zu sehen. DJane Miss Kittin scheint mit ihren Kritzelzeichnungen die Abgründe des Rockstarlebens zu präsentieren: Alkohol, Pillen und Spritzen schmücken ihre Zeichnungen neben Aussprüchen wie "Artists are now happy, clean and boring". Außerdem provozieren die Elektro-Rockerinnen von "Chicks on Speed" mit Gemälden wie "Shoe fuck" (2007). Die Sängerinnen haben sich an der Münchener Kunstakademie kennen gelernt und sind auch schon im MoMA in New York und im Pariser Centre Pompidou aufgetreten. Bei ihrem Song "Art Rules", dessen CD-Cover das Wort "art" als stilisiertes Arschgeweih zeigt, werden sie von ihrem Künstlerkollegen Douglas Gordon als Gastsänger unterstützt. Zusammen kritisieren sie den Kunstmarkt mit Sätzen wie: "Kunst ist nur ein schönes Spiel für Reiche, die schon alles haben, denen Lotto aber zu unberechenbar ist".

Überschneidungen zwischen Kunst und Rock gibt es also zuhauf. Schon drei Jahre läuft eine besondere Aktion beim Werchter-Festival. Festivalbesucher können mit dem Eintrittsarmband kostenlos 26 belgische Museen besuchen. So kommen die Museen weg vom angestaubten Image, die Rockfreunde hin zur Kunst. Nun ergreift das Bozar selbst die Initiative: Mit der Rock-n’-Roll-Ausstellung sollen die Besucher im Museum in Partylaune versetzt werden. Bierdosen und Würstchengeruch wird man im Palast der Schönen Künste allerdings vergeblich suchen.

"It's not only Rock 'n' Roll, Baby!"

Termin: 20. Juni bis 14. September, Palast der Schönen Künste (Bozar), Brüssel, Belgien.
http://www.bozar.be/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de