Stephan Balkenhol & Doug Aitken - Rom

Barbarisches Relikt in der Trümmerstätte

Zwei neue, spektakuläre Außenarbeiten in Rom: Die bisher größte Holzskulptur des Karlsruher Künstlers Stephan Balkenhol steht auf dem Cäsarforum – und der US-Künstler Doug Aitken zeigt seine neue Videoinstallation auf der Tiberinsel.

Mussolini wollte den Blick von seinem Regierungssitz im Palazzo Venezia zum Kolosseum freihaben. Er ließ ein ganzes Stadtviertel niederreißen und legte die Prunkavenue der Fori Imperiali an. Sie ist von Grünflächen und den tiefer liegenden Kaiserforen flankiert. Cäsar hat hier als erster ein Forum gebaut. Auch er fegte vorhandene Bauten hinweg, um seinen Schauplatz anzulegen. Seit einigen Jahren zeigt der römische Kurator Ludovico Pratesi im Cäsarforum ortsbezogene Installationen zeitgenössischer Künstler.

Eindrucksvoll in Erinnerung geblieben ist das Video "The Hero" von Marina Abramovic, das 2001 nachts neben den Säulen des Venus-Tempels auf die rauhe Backsteinwand projiziert wurde. In diesem Jahr hat Pratesi Stephan Balkenhol eingeladen, sich mit der Antike zu messen. Kaiserforen sind Orte der Heroisierung. So schickte der Bildhauer aus seinem Karlsruher Atelier die höchste Holzskulptur, die er bisher geschaffen hat, einen sechs Meter hohen Männertorso. Grob aus einem halbierten Zedernstamm gehauen, ohne Beine, Arme und Rückseite, ragt das farbig bemalte Standbild wie ein barbarisches Relikt aus der klassischen Trümmerstätte. Der Rohling hat einen missmutigen Gesichtsausdruck. Sein Titel "Sempre più" ("Immer mehr") soll auf die Verschwendungssucht des Römischen Reichs hinweisen und damit nicht genug, hat Balkenhol noch einen Haufen Münzen drumherum gestreut. Der Berliner "Balanceakt" ist in Rom nicht gelungen.

Nicht weit entfernt vom Cäsarforum zeigt der Kalifornier Doug Aitken auf der Tiberinsel seine neue Videoinstallation "Frontier". Auf Einladung des Kurators Francesco Bonami und Enel Contemporanea hat er ein aufwändiges Projekt verwirklicht. Er baute auf die stets von Hochwasser bedrohte Spitze der Tiberinsel einen Raum ohne Dach. In ihm kreisen an den Wänden komplexe Bilder und Assoziationen zum Verhältnis von Natur und Zivilisation, von Raum und Zeit, vom auseinanderfließenden Los Angeles und der Ewigen Stadt. Doug Aitken, ein Meister der Montage, hat das Material von Dreharbeiten in Kalifornien, Südafrika und Rom zu einer suggestiven Bildgeschichte verwoben.

Protagonist ist der amerikanische Pop-Art-Künstler Ed Ruscha, der stumm verschiedene Szenerien durchwandert. "Er ist eine Ikone", sagt Aitken, "er ist wie ein Neonlicht in der Wüste." Man sieht ein Buch, vom Wind durchblättert, die Weiten des amerikanischen Westens, die schwingenden Bewegungen der Erdölpumpen. Ein Peitschenknall bringt alles aus dem Gleichgewicht: Ein Kartenhaus fällt zusammen, Glas splittert. Wir sehen einen Finger, der über einen Glasrand fährt und hören einen schrillen Klang, der sich mit der Sirene eines Krankenwagens am Tiberufer vermischt. Ein Flugzeug durchquert am Nachthimmel die quadratische Öffnung der Halle. Der Tiber rauscht. "Ich wollte eine Art postmodernes Kolosseum bauen", sagt Aitken, "einen Raum, in dem man sich gleichzeitig drinnen und draußen fühlt, zum Himmel offen und in dem Emotionen entstehen." Das ist ihm geglückt. Der italienische Stromversorger Enel hat dieses Auftragswerk dem Städtischen Museum für Zeitgenössische Kunst, MACRO, geschenkt, mit dem für die Zukunft eine feste Zusammenarbeit geplant ist.

"Stephan Balkenhol & Doug Aitken"

Termin: Balkenhol im Cäsarforum, bis 15. Januar 2010; Aitken auf der Tiberinsel, bis 23. November 2009, Rom, Italien
http://www.enel.it/ext/enelcontemporanea2009/

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