Transmediale - Berlin

Nichts für Soziophobiker

Das Medienkunstfestival in Berlin stellt die wichtigen Fragen: Wem gehört das Netz? Wie wollen wir online leben? Das Leitfestival für eine Welt, in der Wikileaks und Facebook-Revolution die Agenda setzen.

Festivaleröffnungen sind ein schwieriges Format, das konnte man wieder am Dienstagabend erfahren, als im Haus der Kulturen der Welt (HKW) die elfte Ausgabe des internationalen Medienkunstfestivals Transmediale in eine neue Runde geschickt wurde.

Den Anfang machte HKW-Hauskuratorin Valerie Smith, die in Vertretung des Intendanten und Gastgebers Bernd M. Scherer in ihrer Ansprache den mit Medienaktivisten, Netzkünstlern, Hackern und sonstigen Selbstmach-Enthusiasten bis zum allerletzten Sitzplatz gefüllten Kongresssaal mit einem Geständnis begrüßte: Sie als "analoge" Person sei immer wieder erstaunt, welche Menschenmassen die digitale Kultur – deren Leitfestival die Transmediale ja ist – auf die Beine bringe.

Smith hatte dabei offensichtlich vergessen, dass es gerade das Anliegen dieser Veranstaltung ist, klarzumachen, dass das Netz und die mit ihm verbundene Kultur nicht mehr die Sphäre von versprengten Programmier-Freaks und Techno-Nerds ist, sondern das zentrale Medium der Gegenwart, von dessen aktueller Entwicklung die ganze Gesellschaft stark betroffen ist. Deshalb ist es schon seit Jahren nicht das große Randgruppentreffen der digitalen Stämme, als das das Festival offensichtlich selbst noch bei kulturell versierten Leuten gilt. Nein, der Transmediale ist in der jüngsten Vergangenheit immer mehr die Rolle jenes wichtigen Forums zugewachsen, auf dem man sich über die aktuellen politischen, kulturellen und medienpraktischen wie -theoretischen Fragen auf einem hohen Level international und freidenkend verständigen soll. Nur so erklärt sich auch, dass sich die Bundeskulturstiftung im letzten Winter beschloss, die Veranstaltung auch in den kommenden fünf Jahren mit jährlich 450 000 Euro zu fördern.

Und deshalb war es auch ein wenig verwunderlich, dass es selbst dem künstlerischen Leiter Stephen Kovats am Abend der Eröffnung nicht wirklich gelang, angesichts der durch technisch-soziale Netzwerke befeuerten Aufstände in Tunesien und Ägypten oder der Vorgänge um die Enthüllungen der aktivistischen Wikileaks-Organisation die Aktualität der Transmediale eindrücklich zu beschwören. Es hätte ein triumphaler Augenblick gegenüber jenen Zweiflern sein können, die in den letzten Jahren immer die Relevanzfrage gestellt haben. Kovats ließ ihn verstreichen und präsentierte stattdessen ein verwirrend-verschlungenes Festivalstruktur-Organigramm. Mit rund 200 eingeladenen Künstlern, Wissenschaftlern und Medienaktivisten und nicht weniger als 20 über ganz Berlin verstreuten Satellitenorten neben dem Hauptaustragungsort HKW hat die Transmediale anscheinend ihre kritische Masse erreicht und die Grenze zur absoluten Unübersichtlichkeit überschritten.

Dabei hat die Veranstaltung, die noch bis zum kommenden Samstag läuft, mit dem Festivalthema "Response:Ability" ein klare Botschaft: Was machen wir aus den Möglichkeiten des Netzes, das sich immer weiter in alle Lebensbereiche hinein verästelt? Wem gehört es, und entwickelt es sich in die Richtung, die uns gefällt? Wie wollen wir künftig off- und online leben? Der Vernetzung passiv oder aktiv begegnen? Weil sich das Netz nicht stoppen lässt, ist das keine Medien-Theorie im engeren Sinn, sondern es sind die entscheidenen Fragen gesellschaftlicher Praxis.

Um mögliche Antworten zu erkunden, haben Kovats und sein Team sich entschlossen, keine Abkürzungen zu nehmen. Komplexe Realitäten fordern anscheinend komplexe Ausstellungskonzepte. So gibt es, anders als in den vergangenen Jahren, keine gewöhnliche Ausstellung, keine getrennten Bereiche. Alles ist im Fluss, ständig in Bewegung und fordert die Besucher der Veranstaltung heraus. Man steht einer Workshop-Offensive gegenüber, die sich in die temporäre Architektur der Raumlabor-Architekten einbettet. Nicht die kontemplative Betrachtung, sondern die aktive Teilnahme ist die beste Art, sich hier zu behaupten. Die diesjährige Transmediale ist also nichts für Soziophobiker: Das ganze Festival setzt sich aus fünf "prozessorientierten Themenbereichen" zusammen, aber so klar ist es gar nicht, was diese Bereiche mit Namen wie "HacKaWay Zone" oder "Open Zone" nun untereinander wirklich trennt.

So bildet diese Unübersichtlichkeit auf der Transmediale tatsächlich auch die Sinnkrise und Kampf um Orientierung innerhalb der Netz-Avantgarde ab. Auf dem Panel "Lost in the Open?" das am Mittwochmorgen verschiedene Aktivisten aus der Open-Culture-Bewegung zusamenführte, um den Stand der Dinge zu diskutieren, fand man kaum zueinander, obwohl doch alle irgendwie einer Meinung waren. Der Moderator Mushon Zer-Aviv hatte gefragt, ob die alten, gut gepflegten Feindbilder noch funktionierten, die große Erzählung von David gegen Goliath, mit der sich die Open-Culture-Bewegung gegenüber Konzernen wie Microsoft oder Apple gern selbst definiert. Doch auch Off-Projekte wie das nonkommerzielle Online-Lexikon Wikipedia blicken mittlerweile auf eine zehnjährige Geschichte zurück; es zählt mit seinen Millionen Nutzern sicherlich nicht mehr zu den Underdogs im Netz. Statt grundsätzlicher Kritik gehen die Verbesserungen wohl eher im Mikrobereich weiter, etwa durch die Illustratorin Galia Offri: "Die visuelle Seite von Wikipedia ist mangelhaft" sagt Offri, die entlegene Lexikon-Einträge mit ihren sanften Zeichnungen verschönert und über ihre Verbesserungen einen Blog führt.

Das Netz als Utopiemaschine scheint im Moment in eine Krise geraten zu sein: Das Medium, das wie kaum ein anderes Medium die utopischen Fantasien der westlichen Gesellschaft beflügelt hat, erscheint zunehmend nicht mehr als Gegen-Fernsehen, als Gegen-Zeitung oder als Befreiungsinstrument, sondern als eine Art Umschlagpunkt, an dem Freiheit in Kontrolle, Anarchie in Gesetz und Offenheit in rigide Standards mutieren. "Zeigt, dass euch das Netz wichtig ist," rief der Web-Entwickler Mark Surmann von der Mozilla Foundation in der Kanadischen Botschaft am Leipziger Platz im Rahmen der Marshall McLuhan Lecture rund 300 Zuhörern zu. Auch wenn er keine Lösungen bieten konnte, so tat doch die Klarheit seines Appells an diesem Abend gut.

Response:Ability

bis 6. Februar
http://www.transmediale.de